„UNTERM STRICH ZÄHL“… ICH? Über Sprache und Konvention, über Ich und den Anderen

Verehrter Leser, ich habe nicht selten das Gefühl, dass wir nicht nur in einer Zeit des Sprachwandels leben, zumindest was bestimmte Konventionen anbelangt, sondern damit einhergehend auch in einer Zeit der Sprachverwirrung. Nach einer wirklich kurzen Reise in das Land chaotischer Sprache, soll es vor allem um die Frage gehen, ob, und wenn ja wie, der Mensch Konventionen in der Sprache entkommen kann. Diese Reise beginnt ganz genau so wie es alle Reisen tun, nämlich bei uns selbst.

Am Anfang – nein, es folgt nicht die Auslegung eines biblischen Textes – und dies meint zuallererst unseren biologischen Anfang, kennen (und können) wir noch keine Sprache. Oder vielleicht doch? Immerhin befindet sich der Körper des Wirtes, sprich der Körper der Mutter und der des Begünstigten, diese sich unablässig rapide teilende und damit einhergehend wachsende Zellfusion – fünfzig Prozent vom Doppel-X-Chromosenträger, die sprachliche Konvention begreift diesen als „Frau“, die anderen fünfzig kommen von ihrem chromosomalen Gegenstück, dem XY-Chromosomenträger, gemeinhin betitelt als „Mann“ – in einem unablässigen Akt des Sprechens. Sicherlich ein nonverbales Sprechen, aber es scheint mir doch ein Sprechen zu sein, auch wenn viele vielleicht lieber von Kommunikation oder Austausch sprechen würden als von einem Sprechen. Und so wirklich nonverbal ist zumindest der Doppel-X-Chromosomenträger, oder die Doppel-X-Chromosomenträgerin (?), nicht. (Ojemine…) Es gibt zumindest Anfragen von Seiten beider Chromosomenträger sowie Responsen und Gegenfragen von Seiten der Zellfusion(en), die wir alle sind – nicht nur, aber auch. Auf letztere reagieren für gewöhnlich auch wieder die Chromosomenträger, und zwar immerzu während dieser gefühlten Endlosigkeit, welche konventionell als Schwangerschaft bezeichnet wird und sich letztlich als ganz und gar nicht unendlich erweist, und natürlich darüber hinaus.

Dieser Text holpert mehr als das er fließt, nicht zuletzt aufgrund seines ironischen Untertons. Eigentlich soll diese zugegebenermaßen stilistisch arg konstruierte Passage nur eines vermitteln, nämlich die sprachliche Vermeidung von Konventionen. Die Sprache dieser kurzen Passage versucht zumindest den Konventionen auszuweichen und donnert, sobald sie sich in Sicherheit wähnt, kaum gebremst frontal in die nächste. So scheint sie zu sein, die Sprache, ein Wald voller Konventionen.

Sprache ohne Konvention – eine angestrebte Utopie für die einen, eine weltfremde Absurdität für die anderen. Gibt es das oder kann es das geben, eine Sprache ohne Konvention, eine konventionslose Sprache oder muss dieser Wunsch nicht vielmehr im Land der Träume verharren? Sind sprachliche Eigenheiten lediglich Konventionen und lassen sich diese nach Jahrhunderten oder gar nach Jahrtausenden noch vorsätzlich verändern? Können wir eine neue Sprache erschaffen und fruchtbar gebrauchen? Und wird nicht wiederum jede so genutzte Sprache selbst zur Konvention?

Halten wir besser inne, denn diese Fragen lassen sich endlos erweitern und führen nirgendwohin, maximal zu einem kognitiven Schwindelgefühl. Aber der Tenor bleibt und dieser lautet: Die konventionelle Sprache muss weg! Sicherlich nicht die gesamte Sprache, nicht der gesamte Bestand, sprich Grammatik und der Wortschatz der jeweiligen Sprache. Wie sollte auch noch eine Verständigung gelingen, wenn die Sprache vollkommen ihrer Form und ihres Inhaltes beraubt wurde? Verschwinden soll selbstverständlich, und zwar auf Nimmerwiedersehen, der alltägliche, vom Patriarchat verseuchte, logophonozentristische Jargon, der die gebrauchte Sprache einem Parasiten gleich infiziert und missbraucht.

Aber können wir die „alte“, von Konventionen beherrschte Ursprache tatsächlich auseinandernehmen? Können wir sie zerstören, sie destruieren, um sie daraufhin wieder, aber anders, zusammenzusetzen? Können wir Sprache folglich dekonstruieren? Und was noch viel wichtiger ist: Könnten wir einander verstehen, wenn wir uns zwangsläufig, wenn auch willentlich, in einem Regress des Dekonstruierens der Sprache ad infinitum befinden? Da Sprache aber ohnehin nicht einfach nur eine eins-zu-eins Übermittlung von Informationen darstellt, sondern in der Transmission ihrer Informationen bereits davon bedroht ist einzelne Informationen zu verlieren, ist die unablässige Dekonstruktion, zumindest wenn sie keine Grenzen mehr kennt und at the end of the day das Normative aus der Sprachwelt – beispielsweise eines Landes – verschwunden ist, wenig ratsam.

Meines Erachtens muss der Übergang vom alltäglichen, logophonozentristischen Jargon zu einer entpatriarchalisierten Sprache kein gewalttätiger Akt sein. Mehr noch sollte das Dekonstruieren unserer Alltagssprache um der Dekonstruktion willen vermieden werden – Zerstörung und Neuschaffung darf kein Selbstzweck werden. Und vielleicht braucht es für den Übergang nicht mehr als ein gewisses Maß an alltäglicher Wachsamkeit um eine jede zu überkommende Konvention als solche auch zu entlarven. Folgerichtig ließe sie sich dann dekonstruieren, sprich in ihre Teile zerlegen und zu etwas anderem, neuem zusammensetzen.

Aber wie mag die Ära der „gesunden Dekonstruktion“ gelingen? Wie kann es gelingen alle wünschenswerterweise zu überkommenden Sprachkonventionen auch tatsächlich zu überkommen? Das Herrschaftliche in den betroffenen Sprachen beginnt mit einem ‚ursprünglichen Subjekt‘, vielleicht auch mit mehreren, die sich darin glichen, dass sie eine währende Führer- oder Autoritätsfunktion inne hatten. Die einzelnen Führer gingen, das Prinzip der Autorität blieb. Da ließe sich ansetzen, nämlich wo die Sprache des autoritären Subjekts in den Mikro- und Makrokosmos des sozialen Miteinanders drang. Das Subjekt gebietet sich selbst. Beginnt es im Anderen jemanden seines gleichen zu sehen, wird der Andere zu einem anderen Ich, einem Alter-Ego. Und was für mich, das herrschende Subjekt, der pater familias, der Stammesführer oder der primus inter pares, gilt und das, was ich entscheide, sowie das was und wie ich spreche, das gilt auch für alle anderen, denn sie sind alle wie ich. Diese Vereinnahmung ist es, was als Totalitarismus bezeichnet wird – das Aufgehen des Einzelnen, des Individuellen im Ganzen in der Totalität und damit sein Verschwinden. Die auf ein Alter-Ego reduzierten Subjekte, die mit dieser Herrschaftsstruktur aufwachsen, eine Struktur übrigens, die sich selbstverständlich in der Sprache niederschlägt, kennen nichts anderes. Folglich werden sie die Struktur gesellschaftlichen Miteinanders sowie den patriarchalen Jargon aufnehmen, er wird ihrer Sprache inhärent sein und viele werden für einen großen Teil ihres Lebens nicht einmal wissen, dass sie in einem totalitären System gefangen sind – ein Gefängnis nicht zuletzt für den Verstand.

Sicherlich, das Patriarchat, der Totalitarismus in seiner vielleicht ursprünglichsten Form – auch ein Matriarchat wäre denkbar, aber nicht unbedingt besser –, ist vielen Sprachen inhärent. Aber Sprachen sind keineswegs dazu verdammt ausschließlich totalitär zu sein oder zu bleiben. Wenn sich der tradierte Totalitarismus in der Sprache ausdrückt, wenn somit die totalitäre Sprache mit dem patriarchalen, logophonozentristischen Subjekt, dem Ich anhebt, warum also immer wieder beim Subjekt anfangen?

Demjenigen, der bis hierher gelesen hat, ist nicht entgangen, dass ich eine Vielzahl an Fragen in den Raum stelle, aber diese mag die wichtigste sein: Warum beginne ich, das Subjekt, eigentlich bei mir? Denn seien wir einmal ganz offen und ehrlich, die chronologisch gesehen fundamentalste Erfahrung des Ichs ist nicht das Ich, sondern der Andere. Lange bevor das Ich ein solches geworden ist, lange bevor das Ich von sich als Ich weiß, hat es den Anderen schon erfahren, sich von Anderen gebären, stillen, wickeln, bespaßen, füttern und vielleicht auch anschreien lassen. Anders ausgedrückt, hat der Andere oder haben die Anderen das Ich bereits adressiert, bevor das Ich um seiner selbst wusste. Das Ich wird zum Ich nicht weil es sich autonom setzt, sondern weil es sich – reflexiv – vom Anderen her erfährt.

Die fundamentale Erfahrung des Anderen, die der Erfahrung meiner selbst, der Erfahrung das ich ein Ich bin, primordial vorausgeht, gewährt mir eine Sprache des Sich. Der Andere spricht mich an, es ergeht ein Appell an mich, dem ich mich nicht entziehen kann. Hierbei handelt es sich um eine Sprache, die mehr ist als ein einfaches Sprechen. Hierbei handelt sich nicht (mehr) um eine Sprache der Konvention, es geht bzw. kommt kein Ich mit einem anderen Ich (Alter-Ego) zusammen, das ist es nämlich was Konvention seinem Lateinischen Ursprung nach meint (cum + venire: conventio), ein zusammenkommen von welchen, die so sind wie ich. Hierbei, dies sollte nunmehr deutlich geworden sein, handelt es sich folglich auch nicht (mehr) um eine Sprache des Nominativs, nicht um eine Sprache des vom Totalitarismus in Versuchung gebrachten Ich, sondern um eine Sprache des Akkusativs (mich) – mich gibt es nur, weil es den Anderen gibt. Es handelt sich hierbei somit um eine Sprache, die an mich ergeht, ganz ohne mein Zutun. Das Ich ist irgendwo, wenn es überhaupt ist, aber wo es ist, spielt keine Rolle. Da ist einfach nur diese Anklage (accusare), dieser Appell, dieses Sprechen des Anderen – der in seiner Andersartigkeit nicht einfach ein anderes Ich, kein Alter-Ego ist –, gerichtet an mich. Das Sprechen des Anderen richtet sich an mich, es betrifft mich. Es ist nicht mein Sprechen und nicht mein Sprache, die ich dem Anderen aufoktroyiere. Nicht ich habe sie im Sinne eines Besitzes. Über die Sprache des Anderen, die an mich ergeht verfüge ich nicht. Ich kann sie dem Anderen nicht vorschreiben, weil sie, insofern ich offen für den Appell des Anderen bin an mich ergeht und nicht von mir an ihn. Was mir folglich bleibt ist zu antworten auf das, was an mich gerichtet wird. Wenn ich akzeptiere, dass ich angesprochen werde, und zwar in einer Sprache, die ich verstehe, die aber nicht die meine ist, dann spreche ich ohne Konvention. Dann spreche ich eine Sprache ohne ein Zusammenkommen, ohne Konvention, deren Bedingung ich stelle.

Hier schließt sich der Kreis. Wir müssen nicht festlegen ob der Andere „Frau“, „Mann“ oder „divers“ ist. Dies entscheiden nicht wir. Dies entscheidet der Andere. Wir brauchen keine Labels, wenn überhaupt, im exklusiven, sondern im inklusiven Sinne. Es sollte mich nicht stören, ob im Toilettenabteil neben mir eine „Frau“, ein „Mann“, oder eine Person sitzt, die sich weder das eine noch das andere Label zuschreibt. Was zählt ist, ob ich mich meiner machtinfundierten Sprache entledigen kann und meine Verantwortung gegenüber dieser Person übernehme, so dass ich sie weder beschäme, noch in irgendeiner Weise verletze. Wenn ich diese Person adressieren möchte, warum nicht mit ihrem Namen, den sie sich vielleicht sogar selbst gegeben hat. Wenn ich den Anderen in seiner Andersartigkeit zulasse, mache ich mir kein Bild von dieser Person, ich lasse nicht zu, dass sie in der Totalität verschwindet. Vielmehr höre ich zu und trete für diese Person ein, ich übernehme Verantwortung und werde Mensch.