GOETHE, BÖRNE & DIE JUDEN – Restauration & Freiheitsstreben zwischen Aufklärung & Vormärz

Aufklärung und Freiheitsstreben. Die Situation der Juden am Übergang der frühen Neuzeit zur neueren Geschichte, genauer gesagt vom 18. ins 19. Jahrhundert, war so kontrastreich wie das Judentum jener Zeit. Das 18. Jahrhundert, oft auch als Jahrhundert der Aufklärung rezipiert, strebte nach einer Reform, in einigen Fällen auch nach der Revolution des Gesellschaftssystems – zu denken sei hier an den Unabhängigkeitskrieg der dreizehn Neuenglandstaaten gegen das Mutterland Großbritannien (1775-1783) und die Französische Revolution (1789-1799). Zeitlich zwischen diesen beiden politischen und gesellschaftlichen Großereignissen zu verorten, versuchten berühmte Philosophen wie Immanuel Kant (1724-1804) und Moses Mendelssohn (1729-1786) mit ihren Schriften die Frage zu beantworten, was Aufklärung sei und damit einhergehend die Vorlage zu schaffen für den Weg des Menschen zum aufgeklärten Bürger. Dazu musste dieser aus seiner – bei Kant selbstverschuldeten – Unmündigkeit befreit werden. Sie forderten eine Intellektualisierung des Individuums und ein politisches System bzw. einen aufgeklärten Staat, der dem Menschen gerecht wird. Zweifellos schienen sie einen Umsturz der überkommenen Weltordnung durchsetzen zu wollen. Nunmehr standen Termini wie Naturrecht, Gesellschaftsvertrag, Vernunft und Bildung im Zentrum intellektueller und politischer Diskurse. Die Forderung nach bürgerlicher Aufklärung wurde allerdings sehr unterschiedlich aufgefasst und in ihrer konkreten Anwendung verschiedentlich ausgedehnt. Sämtliche Positionen können in diesem Rahmen nicht erfasst und wiedergegeben werden, jedoch muss erwähnt werden, dass vor allem die bürgerliche Verbesserung der Juden ein zentrales Thema jener Zeit war.

Antijudaismus, Streit um die wahre Religion und Emanzipation. Trotz aller Fortschrittlichkeit – diese mochte man sich selbst attestieren – war die Debatte um die wahre, richtige oder falsche Religion noch nicht vom Tisch. Interreligiöse Toleranz war kein Aushängeschild des 18. Jahrhunderts und antijüdische Hetze gehörte seit dem Mittelalter zum Bild Europas. Vor allem in der Neuzeit erlangten antijüdische Stereotype durch Johann Eisenmenger (1654-1704) und antijüdische Agitation eine Renaissance. Dies musste auch der eingangs erwähnte Mendelssohn, Vorreiter der jüdischen Aufklärung (Haskala) 1769 in der so genannten Lavater-Affäre erfahren. Er sah sich durch den reformierten Theologen Johann Casper Lavater (1741-1801) infolge seiner metaphysischen Schrift Phädon Oder von der Unsterblichkeit der Seele vor die Herausforderung gestellt, das Christentum zu widerlegen oder sich taufen zu lassen, also zur Religion Lavaters zu konvertieren. Allerdings stand der Jude Mendelssohn, der mit der Gewissensfrage für das Judentum argumentierte, nicht allein auf gegen Intoleranz, die seiner Religion entgegengebracht wurde. Auch nichtjüdische, sprich christliche Intellektuelle wie Christian Konrad Wilhelm von Dohm (1751-1820), der seine Hauptschrift mit dem Titel Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden (1781) versah, setzten sich für die Juden ein bzw. verteidigten diese. Bereits Philipp Jacob Spener (1635-1705), quasi der neuzeitliche Vater des lutherischen Pietismus, forderte statt der Unterdrückung, wie sie allzu oft an der Tagesordnung war, die Achtung vor den Juden und die Gewissensfreiheit für jene. Christliche Gelehrte akzeptierten nicht einfach die Bedeutung des Judentums, sie verwiesen auf diese und sahen das Judentum als integralen Bestandteil der westlichen Tradition. Deshalb mussten das Judentum und die Juden, sprich die Menschen, die sich hinter jenem Volks- und Religionsbegriff verbargen, erforscht und durchdrungen werden – allerdings auch zum Zwecke ihrer Missionierung.

Wie erwähnt, mussten diverse Vertreter der jüdischen Emanzipation für diese kämpfen. Juden waren nahezu rechtlos, wie es sogar am Beispiel Moses Mendelssohns nachzuzeichnen ist. Er hatte das zweifelhafte Glück im Berlin Friedrich II., des für seine Aufgeklärtheit gerühmten preußischen Herrschers, zu leben. Trotz seines Grenzen überschreitenden Ruhmes konnte er kein festes Wohnrecht für sich und seine Familie erwirken. Ebenso war ihm das Recht zu studieren verwehrt und laut Glickel von Hameln waren Juden auf Universitäten in jenen Tagen ungern gesehen. Sie wohnten obendrein in engen schmutzigen Gassen bzw. Ghettos und hatten hohe Steuerabgaben zu leisten.

Umbruch und Restauration. Erst mit den Wirren der napoleonischen Kriege und deren Folgen, dazu gehört auch der 1806 in Kraft getretene Code Napoléon, änderte sich die Lage der Juden innerhalb der deutschen Lande – wenigstens teilweise – zum Positiven, es gab allerdings große regionale Unterschiede. Juden die sich zuvor in ihren Gemeinden und Ghettos als übergeordnete Instanzen verwalteten und organisierten sowie verwaltet und organisiert wurden, erlangten nun Freiheiten, die sie wie am Beispiel des preußischen Emanzipationsedikts von 1812 zu sehen ist, nahezu mit der nichtjüdischen Bevölkerung gleichstellte. In den Vorjahren der Hep-Hep-Krawalle von 1819, der ersten überregionalen antijüdischen Pogrome seit dem Mittelalter, waren es vor allem die deutschen Intellektuellen, die mit antisemitischen Stereotypen gegen die neue gesellschaftliche und politische Stellung der Juden polarisierten. Die postnapoleonische Ära schien die Errungenschaften der Aufklärung, wie Vernunft (raison), Freiheit (liberté), Gleichheit (égalité) und Brüderlichkeit (fraternité) nicht mehr auf jene Weise zu würdigen, wie es kaum mehr als eine Generation zuvor noch der Fall gewesen war. Deutscher Idealismus und vor allem Nationalismus bestimmten die politische Gesinnung vieler Intellektueller. Auch wenn die alten absolutistischen Reiche – das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und das Französische – ein Ende fanden, so schien die Aufklärung nach dem Scheitern der französischen Revolution, denn nur etwa zehn Jahre nach deren blutigem Höhepunkt wurde Frankreich wieder monokratisch geführt, als der falsche Weg in die Zukunft verstanden worden zu sein. Der intellektuelle Blick jener Jahre war also ein rückwärtsgewandter und dies schloss freilich die Rückführung der Juden in ihre alte geknechtete Gesellschaftsposition mit ein.

In jene wechselvolle Epoche gehört auch der 1749 in Frankfurt am Main geborene Johann Wolfgang von Goethe. Aus wohlsituiertem Hause stammend erhielt er eine elitäre Ausbildung, welche alle relevanten Wissenschaften jener Zeit abdeckte – er studierte Sprach- und Naturwissenschaften sowie Religionen. Bereits in seinen jungen Jahren macht er als Literat durch Die Leiden des jungen Werthers (1774) und dann am Weimarer Hof, diverse Ämter bekleidend, Karriere. Sein Wirken sowie seine Bedeutung damals wie heute nachzuzeichnen, soll freilich nicht Gegenstand dieser Betrachtung sein. Vielmehr soll uns in groben Zügen seine Position zu den Juden mit den eingangs gemachten Vorbemerkungen im Hinterkopf interessieren.

Wie viele seiner Zeitgenossen, war auch Goethe nicht frei von Vorurteilen gegenüber der jüdischen Minderheit, pflegte sogar rassische, sprich antisemitische und religiöse, sprich antijüdische Stereotype, wenn es beispielsweise um Mischehen ging, oder implementierte antijüdische Elemente direkt in seine Werke, wie im Roman Wilhelm Meister. Goethe wuchs ohne eigenes Zutun mit antijüdischer und antisemitischer Hetze, wie zum Beispiel der Ritualmordlegende und angeblich jüdischen Eigenheiten wie dem Schachern und Feilschen, auf. Juden waren für den „Dichterfürsten“ jedoch nicht einfach ein Abstraktum ohne Realitätsgehalt, denn in Frankfurt aufwachsend kam er mit der dort lebenden jüdischen Gemeinde in Kontakt. Gemäß seinen Bemerkungen in Dichtung und Wahrheit wird klar, dass die Judengasse eine gewisse Wirkung sowie Anziehung auf den jungen Goethe ausgeübt haben muss, und dass gerade trotz deren abstoßender Erscheinung, denn sie war verschmutzt, eng und völlig überlaufen. Auch der Dialekt des Frankfurter Ghettos schien keine Musik in seinen Ohren gewesen zu sein. Trotz all der von ihm aufgenommenen und negativ bewerteten äußerlichen Erscheinungen und trotz der an ihn getragenen Vorurteile, sah er in den Juden Menschen, die von Gott erwählt waren. Nicht allein die Mädchen wirkten auf ihn anziehend, auch die jüdischen Riten regten ein genaues Studium seinerseits an. Das Bild der Juden in Dichtung und Wahrheit ist vorwiegend ein positives. Dieses, also des gastfreundlichen Juden, der zuallererst Mensch ist und eine erhabene Position unter den Völkern innehat, ist allerdings nur eine Position des Literaten zu jener Minderheit. Goethes Verhältnis zu den Juden ist wohl unbestreitbar ambivalent.

Noch zu seinen Lebenszeiten begann eine regelrechte Mythisierung Goethes, welche hier nicht nachgezeichnet werden soll, jedoch insofern interessant ist, als dass der Journalist und Literaturkritiker Juda Löw Baruch (1786-1837), besser bekannt als Ludwig Börne, ein im Frankfurter Ghetto geborener Jude, die Figur Goethe im Speziellen anders aufgriff. Börne, der revolutionäre Züge aufwies, was ihn vom „Dichterfürsten“ Goethe – welcher der alten Ordnung verhaftet schien – völlig abgrenzte, erlangte zu seiner Zeit keinerlei Akzeptanz. Ihm wurde vielmehr Wahnsinn und Verlogenheit attestiert, was wohl zu seiner Isolierung als Literat beitrug. Man kann ihm unterstellen, dass er sich selbst ebenfalls isolierte, betrachtete er doch sein Jüdischsein als Schmach, kehrte seinen Wurzeln letztlich den Rücken zu und ließ sich 1818 taufen. Dies hatte – wie auch im Falle Heines (1797-1856), eines anderen berühmten deutsch-jüdischen Literaten jener Zeit, der sich ebenfalls taufen ließ (1825) – nicht zuletzt mit dem Wunsch nach gleichberechtigter gesellschaftlicher Akzeptanz zu tun, die beiden Männern verwehrt zu sein schien. Börne, der übrigens wie Heine fast zwei Dekaden später in Paris verstarb und nicht etwa auf deutschem Boden, änderte dazu sogar seinen Namen – zu jüdisch klang dieser.

Goethe und Börne. Letzterer verachtete den „zahnlosen Genius“, wie er Goethe nannte. Börne verachtete jedoch nicht Goethes schöpferische Leistung. Ganz im Gegenteil, denn das Studium Goethes schien er vielmehr als eine Notwendigkeit erachtet zu haben. Börne verachtete vielmehr wofür Goethe stand, was Goethe repräsentierte. Börne, der Revolutionär, mit dem Blick auf die Zukunft gerichtet, lässt sich wohl als politisch-intellektuelles Gegenstück zu Goethe verorten, da nämlich beide so gegensätzlich in ihren Haltungen waren, dass sie als Zeitgenossen fremder Epochen gelten könnten.

Der unterprivilegierte Jude in Börne strebte nach Freiheit, so hat auch die Kunst als Werkzeug nach dieser zu streben und zwar zum Wohle des Lebens sowie zum Fortschritt der Geschichte selbst. Goethe ist hingegen, zumindest aus der Perspektive Börnes, eine Archaisierung der Geschichte, die nicht progressiv motiviert sei. Börne wirft Goethe vor, seine Position als herausstechende Größe unter den deutschen Intellektuellen jener Epoche nicht für den Progress Deutschlands bzw. des gesamten deutschen Volkes genutzt, sondern vielmehr diesen aufgehalten und seine Fähigkeiten nicht dem Menschen selbst zur Seite gestellt zu haben.

Goethe und Börne sind zusammengenommen, obwohl sie nicht zusammen zu bekommen sind, der Spiegel deutsch-intellektueller Identität zwischen Aufklärung und Vormärz. Gemeinsam sind sie das Sinnbild des in sich sprachlich, kulturell und religiös hin und her gerissenen deutschen Volkes und zwar in all seinen Facetten. Sie verkörpern den Wunsch nach einer besseren Zukunft durch eine neue Gesellschafts-, sowie Herrschaftsordnung durch die Figur Börne auf der einen und die Restauration der alten Ordnung durch Goethe auf der anderen Seite. In ihnen zeigt sich die Suche nach Identität und der problematische Umgang mit der eigenen. Goethe, der privilegierte Nichtjude außerhalb des Ghettos und Börne, der unterprivilegierte Jude, stets verhaftet innerhalb des Ghettos, auch wenn er dort nicht sein ganzes Leben verbringt und sich sogar taufen lässt, muten wie zwei diametral zueinanderstehende Welten an. Beide Welten sind letztlich eine einzige, da sie nicht ohne einander gedacht werden können und die Zeit weder bereit schien konservierte sowie fremdenfeindliche Vorurteile zu verwerfen, noch die (eigene) Vergangenheit aufzuarbeiten und nicht unversöhnt vor dieser in die Zukunft zu fliehen.

Zusammen sind Goethe und Börne aber auch ein Sinnbild für die vielleicht notwendige Spannung zwischen der Bestrebung nach politischer und gesellschaftlicher Restauration, dem politischen und gesellschaftlichen Fortschritt und menschlichem, oft individuellem, aber auch kollektivem Freiheitsstreben. Diese Spannung gilt es nicht einseitig – koste es was es wolle – in jeweils eine Richtung aufzulösen oder zu überkommen, vielmehr muss jene manchmal ausgehalten werden, auch wenn es schmerzt und Tränen kostet.

ZUM WEITERLESEN

Dohm, Christian Konrad Wilhelm, Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden, in: Friedrich Licolai (Hg.), Berlin 1781.
Goethe, Johann Wolfgang, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, 3 Bde., Cotta/Stuttgart/Tübingen 1811-1814.
Jasper, Willi, Keinem Vaterland geboren. Ludwig Börne – Eine Biographie, Hamburg 1989.
Kant, Immanuel, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Ehrhard Bahr (Hg.), Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Von Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland, Ditzingen 1986 [Erstdruck: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784].
Mendelssohn, Moses, Ueber die Frage: was heißt aufklären?, in: Christoph Schulte/Andreas Kennecke/Grażyna Jurewicz (Hgg.), Moses Mendelssohn. Ausgewählte Werke, Bd. 2, Darmstadt 2009 [Erstdruck: Berlinische Monatsschrift, September 1784].