ES GIBT

Es gibt – il y a. Da ist etwas – etwas, nicht ein Jemand, bestenfalls ein Niemand, mindestens aber nichts (oder niemand) Konkretes. Ganz und gar unpersönlich ist diese Feststellung des „Es gibt“. Sie ist integraler Bestandteil der „Sprache des Man“. Die Sprache des Man ist die „Sprache der Eigentlichkeit“. Sie steht sinnbildlich für unsere Zivilisation. „Man kann/soll/darf/will dieses tun“ oder „man kann/soll/darf/will dieses nicht tun“. Eines sticht ganz deutlich heraus: Es wird weder von ich, du, wir oder ihr gesprochen; es heißt folglich nicht „ich kann/soll/darf/will tun“ oder „du kannst/sollst/darfst/willst tun“ oder „wir können/sollen/dürfen/wollen tun“ oder aber „ihr könnt/sollt/dürft/wollt tun“, sondern „man kann/soll/darf/will tun“.

In einem konkreten Beispiel sieht dies folgendermaßen aus: Person X spricht zu Person Y: „Man könnte einmal den Müll herausbringen.“ Es heißt „man könnte […] herausbringen“ und nicht „Person Y, (bitte) bringe heraus!“ In einer solchen Konstruktion, sprich in der des „Man“, adressiert Person X Person Y schlichtweg nicht – zumindest nicht in Ihrer Personhaftigkeit. Es liegt in der „Sprache der Eigentlichkeit“ keine direkte Kommunikation vom Einen zum Anderen vor. Vielmehr wirft Person X ihr Interesse in den Raum und zwar gemäß der Form auf ganz und gar unpersönliche (Artikulations-)Weise, also nicht in der Weise direkter sondern indirekter Adressierung. Der Andere, nämlich Person Y, wird dabei auf den Status eines „etwas“, auf den Status eines „es gibt“ reduziert. Person Y ist mindestens in der Sprache von Person X kein menschliches, kein personales Subjekt (mehr), gegenüber dem sich Person X als Mensch, als wiederum personales Subjekt, menschlich verhält, noch verantwortlich weiß. Die Verantwortung gegenüber dem Anderen (Person Y), wozu sowohl die Wahrnehmung als auch das Einstehen für diesen als anderen Menschen zählen, sowie den Auftrag, nämlich den Müll herauszubringen, adäquat zu adressieren, wird durch Person X nicht übernommen.

Dieses Beispiel ernstgenommen, handelt es sich im Falle der „Sprache des Man“, sprich in der Sprache der Eigentlichkeit, tatsächlich um die totale Entpersonalisierung des Anderen. Das Individuum, der Andere, verschwindet im „es gibt“. Der Andere – ein anderer Mensch – wird auf ein „man“ reduziert. Nicht länger geht es um ein „Ich“ oder ein „Du“, nicht um ein Bubersches Verhältnis von Ich-und-Du, nicht um ein Levinassches Verhältnis von Ich-und-dem-Anderen, oder im Falle der eigenen und fernen Anderen um ein „wir“, „ihr“ oder „sie“. Das „Es gibt“, dieses in deutscher Mundart so unschuldig wirkende Wörtchen „man“, ist die sprachliche Totalisierung der Andersartigkeit des Anderen, quasi die sprachliche Vernichtung all dessen was den Anderen anders macht als das Ich, von dem diese den Anderen auf ein „man“ reduzierende Sprache ausgeht.

Beim Gebrauch des „Man“ handelt es sich um die Vernichtung eines unendlichen Abstandes zwischen Ich und dem Anderen und damit folglich auch um die Vernichtung des zwischenmenschlichen Verhältnisses. Im „man“ verschwindet die personale Wirklichkeit des Anderen, die das Ich nicht voll begreifen kann, aber dies aufgrund der Objektivierung des Anderen nicht nur vorgibt zu tun. Es verschwindet etwas entscheidend Menschliches, dass anders ist und sein muss als ein Objekt unter Objekten. Und es verschwindet nicht allein die menschliche Wirklichkeit des Anderen, sondern es verschwindet auch, und dies ist ebenso bedenkenswert, in der Reduzierung des zwischenmenschlichen Verhältnisses auf ein impersonales „man“, das eigentlich personale Moment des Agens, das wahrhaft Personhafte des Ich, welches stets und ausschließlich in Abhängigkeit vom Anderen steht – ohne den Anderen, kein Ich, in der Reduktion des Anderen auf „man“, verschwindet auch das Ich.

Die „Sprache des Man“, die Sprache der Eigentlichkeit, ist eine homozidale Sprache, eine den Menschen mordende Sprache. Nach diesem Morden des Menschen, das vor keinem Menschen halt macht, sprich ein Morden aller Menschen ist, wird zuletzt auch derjenige gemordet, welcher den Homozid mit der Verwendung des „Man“ überhaupt erst beging. Die Sprache der Eigentlichkeit ist ein Mord aller an allen, der auch vor dem Ich keinen Halt macht. Im Moment des Vollzugs der Ermordung alles Personalen, alles authentisch Menschlichen, welches in der Andersartigkeit des Anderen begründet liegt, mordet sich derjenige, der „das Man“ in die Welt trägt folglich selbst. Die Totalisierung des „Man“ ist Mord an allem Personalen, Mord an allem Menschlichen, somit ultimativ auch Mord am Selbst – die Reduzierung des personalen Selbst auf ein impersonales, das Ende aller Relationen, sowohl zum Anderen als auch zu sich selbst, muss daher als ein nicht-biologischer Selbstmord begriffen werden.

Das Personale steht für die Fähigkeit auf die Anrufung durch den Anderen zu antworten und damit auch dafür Verantwortung für den Anderen zu übernehmen. Antworten zu können und daraufhin Verantwortung übernehmen zu können, gelingt nur in einem tatsächlichen zwischenmenschlichen Verhältnis, in einem Ereignis, dass ein Angesprochenwerden des Ich durch den Anderen oder umgekehrt bedeutet. Das zwischenmenschliche Verhältnis muss sich folglich jenseits des „Es gibt“ bzw. jenseits des „Man“ ereignen. Nur jenseits des „Es gibt“, gibt es ein „Ich“, gibt es ein „Du“, gibt es lebendige, authentische zwischenmenschliche Beziehung. Wahres Menschsein, welches sich in der Übernahme von Verantwortung zeigt – ein Antworten, über hinaus, auf die (An-) Frage(n), auf die Bedürfnisse des Anderen –, gibt es folglich nur jenseits des Unpersönlichen, jenseits einer „Sprache des Man“.

Ein Kommentar zu „ES GIBT

  1. Sehr Interessant und philosophisch, mit einem schönen Schluss!
    Ich habe deinen Text sehr gern gelesen. Er ist sehr spannend. Danke!

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.