DEN ERLÖSER TÖTEN? UNBEDINGT! – Ein unorthodoxer Zugang zum Leiden Jesu und Frodo Beutlins

Am Anfang des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung hat das Imperium Romanum eine bereits kaum vorstellbare Ausdehnung. Es reicht vom nordwestlichen Zipfel der iberischen Halbinsel bis nach Zentralanatolien, von der Bretagne über die Normandie, die Alpenregion, den Balkan, das heutige Griechenland, und natürlich die Apenninen-Halbinsel, sowie weite Teile Nordafrikas bis nach Oberägypten, den Nil entlang. Außerdem hat Rom die Herrschaft – direkt oder via Vasallenkönige – über die Levante, sprich Westsyrien, den Libanon, sowie über die Provinzen Judäa und Samaria, in etwa das Territorium des heutigen Israel und Palästina.

Im Gegensatz zu Rom, dem Juwel des Reiches und inmitten dessen gelegen, befanden sich die Provinzen Judäa und Samaria in der buchstäblichen Peripherie des Reiches. Judäa und Samaria waren weder reich noch auch nur im Ansatz landwirtschaftlich einem Ägypten jener Zeit vergleichbar. Die Kargheit des Landes spiegelt seine Bedeutung wider. Aus römischer Perspektive gab es dort nicht viel mehr als unzivilisierte Volksgruppen, die sich nicht an die „Spielregeln“ hielten. Weder ein neuer Kaiser und noch viel weniger ein neuer Soter bzw. Salvator, sprich ein gottgleicher Retter, könnte dieser Region gemäß der vorherrschenden Eliten erstehen. Der erwählte Mensch wurde in Rom zum Gott gemacht. Eine gottgleiche Verehrung konnte dem Kaiser noch zu Lebzeiten widerfahren, wahrscheinlicher jedoch nach seinem Ableben. Der zum Gott avancierte Mensch wurde nach seinem irdischen Dasein quasi in einen Tempel verfrachtet, und ob er nun wollte oder nicht, dort verehrt.

Nach christlicher Vorstellung stammt bekanntlich der hebräische bzw. israelitische Handwerker Jesus, der nicht nur als Mensch, sondern auch als Inkarnation Gottes auf Erden verehrt wird, aus der Peripherie des Römischen Reiches, nämlich aus Galiläa. Die Geschichte und Bedeutung Jesu für das orientalische, orthodoxe sowie abendländische Christentum sind so weitläufig bekannt, dass es hier keiner näheren Ausführung bedarf. Dass allerdings von Seiten der Israeliten sowie der ersten Christen das Kommen des tatsächlichen Retters nun gerade nicht aus dem Caput Mundi, sprich Rom, sondern aus einem verhältnismäßig kleinen Gebiet in der Peripherie behauptet wurde, durfte aus römischer Perspektive wohl als Affront begriffen werden.

Wie dem auch sei, aus jüdisch-christlicher Perspektive hat der Retter aus Judäa, genau genommen aus Bethlehem, zu stammen. Es nimmt daher nicht wunder, dass der Katholik J.R.R. Tolkien, der Autor des Epos Der Herr der Ringe, seinen Weltenretter Frodo in die Peripherie von Mittelerde – Tolkiens fiktiver Welt – verpflanzt. Da allerdings Frodo weder etwas von der Welt begreift, die so viel größer und für ihn wohl auch mysteriöser ist als das heimische Auenland, fragt er den nicht selten bekifften Zauberer Gandalf: „Was tut sich draußen in der Welt? Du musst mir alles erzählen!“ Dieser offensichtlich aufgrund der Frage verdutzt, vielleicht auch gerade aus einem Delirium erwachend, antwortet ein wenig verklausuliert: „Tja, was soll ich dir erzählen? Das Leben in der weiten Welt verläuft genauso wie im vergangenen Zeitalter – ein ständiges Kommen und Gehen.“ So oder so ähnlich wird auch das weitläufige Reich mit seiner antiken Megacity Rom auf die Provinzbewohner Judäas und Samarias gewirkt haben – alles geht irgendwie zyklisch von statten, Senatoren und Feldherren, Könige und Kaiser kommen und gehen, die Menschen sind geschäftig, gleich ob merkantil oder bäuerlich. Die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Anders als Judäa und Samaria zu den Lebenszeiten Jesu, ist das Auenland ein friedliches, geradezu verträumtes Fleckchen Erde, reich an einfältigen Einwohnern und grünen, fruchtbaren Auen – ein kleines Paradies in Mittelerde. Doch aus welchem Grund auch immer, ist die Sünde niemals ganz fern, ganz egal wie friedlich und verträumt das Örtchen auch ist – so auch nicht fern vom Auenland. Das ganze Auenland hat sich in Beutelsend zur Feier des Tages, Bilbo Beutlin, der Onkel Frodos, feiert seinen „einhundertelfzigsten“ Geburtstag, versammelt. Während Gandalf die Gäste mit seinem exquisiten Feuerwerk bespaßt, haben die naseweisen Hobbits Meriadoc Brandybock und Peregrin Tuk einen Plan von nicht gerade teuflischer, doch aber unverfrorener Art ersonnen und sind im Begriff diesen zur Vollendung zu führen. Meriadoc hilft seinem Freund auf Gandalfs mit Feuerwerkskörpern schwer beladene Kutsche und Peregrin ergattert die größte Rakete von allen – selbstverständlich nicht um sie zu bewundern. Wie das Schicksal so will, zumindest wenn es aus der Feder eines Bibelkenners stammt, beginnt die Sünde – auch die allerkleinste – mit dem Biss in eine Frucht, einen Apfel. Einmal von der süßen Frucht genascht, steht nun nichts mehr zwischen den beiden Sündern und ihrer antizipierten Tat. Sie wussten was sie tun würden, ob nun schon Tage oder nur Augenblicke voraus und sie taten es. Die Sünde war in der Welt – auch im Auenland. Allerdings bereits schon vor dem Schabernack Meriadocs und Peregrins, sogar bereits vor deren Geburt. Die Schlange war bekanntlich auch schon im Garten vor der Frau des ersten Menschen namens Eva. Und es war die Schlange, die Eva dazu animierte die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu nehmen, selbst davon zu essen und ihrem Manne davon zu essen zu geben. Die Sünde in Form einer zum Ring geformten Schlange war schon im Auenland, diesem kleinen Paradies auf Erden, lange vor der Jungendsünde dieser beiden naseweisen Hobbits.

Wie nun aber wird man das Böse – einmal in der Welt – wieder los und warum muss dafür eigentlich jemand leiden und sterben oder leiden und beinahe sterben, insofern ein anderer tatsächlich, quasi stellvertretend, stirbt? Davon wird die folgende Ausführung handeln.

Der Weg, der hinter Frodo und seinem sich sorgenden und unermüdlich die Treue haltenden Jünger Samweis Gamdschie liegt, war bereits beschwerlich und es ist keinerlei Besserung in Sicht. Die übrige Jüngerschaft hat den Erlöser Mittelerdes bereits, aber ungewollt verlassen und so sind die beiden Hobbits auf sich selbst gestellt – zumindest fast. Denn mit ihnen reist der wenig ansehnliche Golum, den sie kurzerhand, nicht ganz einstimmig, zu ihrem Fremdenführer befördern. Eine Stimme für Golum, eine gegen ihn. Aber wer kann einem Erlöser mit Kulleraugen schon einen Wunsch abschlagen? Im Falle von Jesu Jüngerkreis tanzte bekanntlich auch nur einer aus zwölf, sprich 8,33 Prozent, aus der Reihe.

Irgendwo in der Wildnis. Samweis offeriert dem sichtlich gezeichneten Frodo dessen Last zu tragen, zumindest für eine Weile. Gleich den Jüngern Jesu, die auf dessen Frage „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“, von beeindruckender Selbstsicherheit getragen, vielleicht auch von gehörigen Überheblichkeit, einmütig antworten: „Wir können es“ (Mt 20,22). In der Tat werden sie den Kelch Jesu trinken, wie er ihnen zu verstehen gibt. Aber sie werden diesen Kelch (der Pein und Erlösung) erst in zukünftiger Zeit zu sich nehmen müssen – nicht zu Lebzeiten ihres Erlösers.

Folglich kann auch nur derjenige wissen wie es ist „das Kreuz“ zu tragen, das Böse in der Welt in all seiner Abgründigkeit auszuhalten, der es allein durch das Abyss getragen oder dies wenigstens versucht hat. Deshalb kann Samweis in Golum, dieser verwahrlosten und schizophrenen Kreatur, die einem Hobbit einst sehr ähnlich war und auf den Namen Sméagol hörte, auch nie mehr als den Schurken sehen, in dem „nichts als Lüge und Verrat“ sei. Beim Blicken auf Golum, vernimmt Samweis nur das in Persona manifestierte Böse und scheut, ja fürchtet sich in gewisser Weise davor – verstehen tut er das Böse jedoch nicht. Und eben weil Samweis das Böse nicht versteht, versteht er Golum nicht, vermag auch nicht den personalen Kern oder den Überrest von Sméagol zu erblicken und ist somit auch außer Stande seinen Herrn, Frodo, und dessen barmherzige Beweggründe Golum bzw. Sméagol zu helfen, Beweggründe, die, und dies sei noch einmal ausdrücklich betont, aus reinem Mitleid erwuchsen, zu begreifen. „Der Ring ist mir anvertraut worden. Das ist meine Aufgabe, meine allein!“, herrscht Frodo seinen Jünger Samweis an. Doch dieser vermag auf Frodos plötzlichen Ausbruch mit nichts zu reagieren als dem sich auf seinem speckigen Gesicht deutlich abzeichnenden nackten Entsetzen. Ohne Sinn und Geschmack für das Wesen des Bösen, seine das Herz zersetzende und den Verstand korrumpierende Macht, wird man Frodos harsche Reaktion auf Samweis (ignorante) Verhaltensweise als einen Anflug cholerischen Temperaments abtun. Samweis würde wohl in seiner aus Ignoranz geborenen überheblichen Manier, den Jüngern Jesu gleich, „Ich kann es!“, rufen, wenn ihm die Bürde Frodos, nämlich das (materialisierte) Böse in der Welt zu tragen, offeriert werden würde.

Anders als Samweis, kennt Frodo, auf dem ganz allein das Böse der Welt lastet, komprimiert auf einen nur wenige Gramm schweren goldenen Ring, finsterer als die finsterste Nacht, die Last, die Golum einst zu tragen hatte. Eine Last, die dessen Leben zerstörte und dieses für Jahrhunderte bestimmt hat, eine Last, die Golum noch immer im Bann hält und mit der er niemals fertig werden würde. Dem Bösen in Nous war Golum niemals gewachsen, es schlich sich unverhofft in sein Leben und noch bevor er es hätte merken können, umklammerte es ihn, korrumpierte Verstand und Herz und lies ihn überhaupt erst Golum werden – dies macht Golum bzw. Sméagol in den Augen Frodos zum Opfer des Bösen und nicht zu dessen Urheber.

Und deshalb, aufgrund Sméagols inhärenter Schwäche, hätte das Böse auch nie zu ihm kommen dürfen. Doch darin liegt die eigentliche Perfidität des Bösen und drückt einen integralen Bestandteil des Wesenskerns des Bösen, vielleicht den entscheidendsten, aus: Das Böse schleicht sich von Hinten, aus den Schatten, nicht selten in Verkleidung, gut getarnt, an die Schwachen heran, an jene, deren Herzen leicht zu verführen sind, deren Verstand nicht vermag standzuhalten, die sich letztlich nicht gegen diese subtile Macht, die einem verderblich zuflüstert, wie es in der islamischen Tradition heißt, zu wehren vermögen.

Vom Bösen ergriffen werden viele, aber nur wenige kennen es auf so intime Weise, wie dies Frodo, der Jesus in Tolkiens Evangelium, tut. Deshalb muss er seiner eigenen Agonie auch nicht trotzen um Mitleid zu empfinden und den Wunsch zu hegen Golum oder dem personalen Überrest Sméagols Barmherzigkeit angedeihen zu lassen. Sondern gerade aus der Agonie heraus, erwächst Frodos Mitleid und Wunsch nach barmherziger Tat, die ihn als den zu erkennen geben, der er vom Schicksal dazu berufen ist, ohne sich darüber vielleicht selbst vollends bewusst zu sein – ebensowenig muss Jesus seinen Ursprung, Archḗ, und sein Ziel, Télos, kennen um der zu sein, der er ist. Das Wissen um das Erlöserdasein ist kein rationales. Der (potentielle) Erlöser kommt nicht nach langwierigem Brüten und reiflicher Überlegung oder abhängig vom Stand der Gestirne zur Überzeugung der Erlöser zu sein, geschweige denn den Erlöser zu spielen. Man ist der Erlöser oder nicht, niemand kann, auch nicht der Betroffene selbst, einem dies sagen.

Weder die Jünger Jesu noch Samweis konnten folglich die Tiefe des Daseins des jeweiligen Erlösers begreifen, denen sie nachfolgten. Dies umso mehr, da es sich bei ihrer konkreten Situation nicht allein um ein Erlöserdasein handelt, denn es geht doch letztendlich nicht allein um das Tragen und Aushalten des Bösen im Sinne einer alles erdrückenden Last, sondern auch um das Überwinden des personifizierten Bösen in der Welt. Walter Benjamin drückt dies in seinem berühmten Essay Über den Begriff der Geschichte folgendermaßen aus: „Der Messias kommt ja nicht nur als der Erlöser; er kommt als der Überwinder des Antichrist.“ Der Messias, sprich der Gesalbte – ein integraler Bestandteil jüdisch-christlicher Theologie –, ist Erlöser und Überwinder, er befreit und besiegt.

Als der Treueste der Jüngerschaft hält Samweis selbstverständlich Tag für Tag das sich in der Welt auf die eine oder andere Weise manifestierende Böse aus, er nimmt eine ungeheure Entbehrung in Kauf um Frodo auf seiner Mission zur Seite zu stehen, doch die Überwindung des in der Welt emanierten personifizierten Bösen, in christlich-religiöse Sprache gekleidet: des Antichristen oder Teufels, ist niemals die Aufgabe des Einzelnen, sondern des Auserwählten, was sich in seiner Messianität ausdrückt – Vorherbestimmung und Designation. Für einen kurzen Moment trägt Samweis den Ring. Dies spielt zweifellos auf Simon von Kyrene an, der dazu gebracht wird das Kreuz für eine bestimmte Zeit zu tragen. Dieser biblische Passus, kaum mehr als eine Annotation wird vortrefflich in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ illustriert. In Gibsons Interpretation des Leidensweges Jesu trägt Simon nicht allein das Kreuz, sondern auch den über die Grenzen der Erschöpfung ausgezehrten, schwer gegeißelten Körper Jesu. Es scheint ganz so, als ließe sich der Körper Jesu, noch nicht mit Stricken und Nägeln am Kreuz fixiert, schon nicht mehr vom das Böse und die Erlösung symbolisierenden Objekt trennen. So auch im Herrn der Ringe. Kaum realisiert Frodo, dass Samweis den Ring hält, quasi sein Kreuz trägt, verlangt es ihn danach jenen erneut an sich zu nehmen. Mit Nachdruck, beinahe besessen wirkend, fordert er den Ring zurück, den Samweis erst widerwillig, aber letztlich doch mit gequälter Miene zurückgibt. Vielleicht dämmert ihm hier zum ersten Mal, was das Böse in all seiner Abgründigkeit ist und was es bedeutet dieses zu tragen, es auszuhalten und überwinden zu wollen. „Begreif das doch. Der Ring ist meine Bürde. Er würde dich zerstören Sam.“ Die Abscheu im Angesicht dessen, was sich in all seiner unbegreiflichen, finsteren Tiefe vor ihm auftut, lässt Samweis vor dem ultimativen Bösen zurückweichen. Niemals wieder wird er seine Hand nach dem Ring, dieser Manifestation des Bösen, ausstrecken. Einzig den Ringträger wird er stützen und buchstäblich zum Golgatha Mittelerdes tragen.

Beladen mit dem Bösen der Welt, schleppt sich Frodo mit dämonischer Eile die letzten Meter, das Ende seiner Via Dolorosa, zum Ort der Entscheidung. Nichts muss mehr getan werden als die Vernichtung des in Form eines Ringes in der Welt manifestierten Bösen. Frodo streckt den Arm aus und der Ring schwingt behäbig hoch über der feurigen Lava. Er muss nur noch seine Hand öffnen und die Gravitation würde den Rest erledigen. Doch Frodo wendet sich von seinem Schicksal ab und will den Ring für sich selbst nehmen. Schon zuvor war der Zweifel übermächtig, doch äußere Kräfte brachten den Erlöser Mittelerdes in Spe stets wieder auf den Pfad der Erlösung zurück. Auch Jesus war der Verzweiflung und damit dem Scheitern mehr als einmal nahe. Nach dem Evangelium nach Matthäus (26,39) befindet sich Jesus samt seiner Jünger, zumindest samt aller bis auf einen, im Garten Gethsemane im Tal östlich des Jerusalemer Tempelplateaus. Und dort überkommt es ihn plötzlich: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“

Jesus kann nicht mehr, wahrscheinlich will er auch nicht mehr. Sein bisheriger Weg war beschwerlich, aber nichts im Vergleich zu dem was noch kommen würde. Wer kann Jesus und Frodo den Zweifel und Kummer verwehren? Ihr Leben besteht letztlich aus wenig mehr als zu streben und zu leiden, weiterzustreben und noch mehr zu leiden. Und zweifellos kennt das Menschliche Grenzen – sowohl das Menschliche im Menschen Jesus als auch das Menschliche im Hobbit Frodo. Aber wie aus heiterem Himmel, seine an Gott adressierte Bitte noch kaum im Garten verhallt, strebt er schon weiter. Über das Wie und das Warum schweigt sich das Evangelium aus. Anders in einer Szene im Herrn der Ringe, noch auf dem Weg zum feurigen Berg, dort erscheint Frodo, buchstäblich am Boden liegend und ist weder kräftens noch willens einen weiteren Schritt zu gehen, die engelsgleiche Elbenhexe Galadriel in all ihrer Schönheit und Pracht. Sie ist es, die Frodo wieder auf die Beine holt und voranschreiten lässt. Es ist eine verlockende Vorstellung, dass auch dem Wanderprediger aus Nazareth jemand zur Hilfe kommt, vielleicht ein Engel, vielleicht die Hand Gottes – doch die Bibel schweigt sich aus. Vielleicht steckt im Schweigen des Textes die Spur etwas fundamental Wahren.

Nimmt man Jacques Derridas Einsicht ernst, dass der Text stets die Spur ist, die auf etwas zurück und vor verweist, sowie auch auf all das zurück und vor verweist, was nicht explizit im Text genannt wird, so ist das Schweigen des Textes als Antwort auf Jesu Bitte die Spur des tatsächlichen göttlichen Schweigens. Der Text geht weiter bzw. der Jesus im Text schreitet auf seinem Leidensweg voran, weil Gott und dessen Hofstaat schweigt. Der Text schweigt nicht über Jesu Widerwille, aber über den göttlichen Beistand. Und so nimmt es nicht wunder, bedenken wir, dass die Spur dessen was gesagt und nicht gesagt wurde, nicht allein zurück, sondern auch vor verweist, dass Jesus am Kreuz bitterlich erkennen wird, dass der Weg zur Erlösung der Welt nicht allein einsam ist, eine Einsamkeit, die auch die wenigen Treuen unter dem Kreuz nicht kompensieren können, sondern in der vollständigen Verlassenheit durch denjenigen münden muss, welcher der eigentliche Initiator dieses Leidensweges ist – Gott. Myriaden von Theologen zerbrechen sich ihre Köpfchen über diesen Ausschrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Ps 22,2) und versuchen ihn in der einen oder anderen Weise zu deuten, nicht selten unter dem Zwang stehend, dass doch Gott ein Gott der Liebe ist – Deus caritas est.

Aber phänomonologisch gesprochen, zeigt sich nichts dergleichen: kein Abtupfen der von einem Gemisch aus Schweiß und Blut besudelten Stirn des Erlösers, kein Streicheln oder Liebkosen des am Kreuz hängenden gemarterten Körpers, kein Küssen der durchbohrten Hände und Füße – auch wenn letzteres zumindest Mel Gibsons „Die Passion Christi“ suggeriert. Jesus wurde verlassen. Er war es nicht immer, ansonsten hätte er sich wohl kaum auf die Via Dolorosa, seinen ganz persönlichen Leidensweg zur Erlösung der Welt begeben, außer man möchte ihm eine Form geistiger Umnachtung unterstellen. Aber nein, meines Erachtens zeigt der Text ohne Umschweife in all seiner tragischen Wirklichkeit, was mit einem passieren muss um die Welt zu retten.

Doch damit nicht genug. Gott durfte gar nicht die Liebe sein – Deus non caritas est –, zumindest nicht immer. Gott durfte sich nicht auf die Bitte Jesu hin erbarmen. Nur ein Anflug der Barmherzigkeit und die Welt wäre vergangen, ins Dunkel getrieben und ewig gebunden worden, wie es im Herrn der Ringe heißt. Vielmehr musste Gott schweigen und er musste rasch handeln. Kaum drang Jesu Wunsch, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, über seine Lippen, waren die Wachen zu seiner Verhaftung schon auf dem Sprung. Wahrscheinlich läuteten bei Gott alle Alarmglocken. Nicht auszumalen, was geschehen wäre, wenn es sich Jesus anders überlegt hätte. Was wenn er seine Sachen gepackt und zurück nach Galiläa gekehrt wäre um dort das restliche Pessachfest zu verbringen – vielleicht wäre die Welt vergangen? Einst vor so vielen Jahrhunderten, als die Israeliten in ägyptischer Gefangenschaft ihr Dasein fristeten, ließ sich Gott verdammt viel Zeit – beinahe alle Zeit der Welt – und hat dafür sicherlich den einen oder anderen Rüffel bekommen. Aber diesmal würde er nicht warten, er brauchte es auch nicht, denn das Leid war real und es war groß. Gott wusste also, dass er handeln müsse und er handelte umgehend.

Mancher sagt, dass Gott durch die Menschen handeln würde. In keiner Geschichte leuchtet mir dies mehr ein als im Leidenswege Jesu. Nicht Judas ließ Jesus hinrichten, noch die Wachen, noch der Hohepriester oder die übrigen israelitischen Würdenträger, noch die römischen Soldaten, noch Pontius Pilatus, sondern Gott. Gott wollte Jesu Leiden und ihn am Kreuz sehen. Die zuvor erwähnten Menschen erfüllen lediglich ein Strohpuppendasein. Sie sind im Text zu nichts gut als die exekutive Hand Gottes auf Erden zu sein. Wenn Gott Jesu Tod und Leiden will um die Welt vom in ihr manifesten Bösen zu befreien, dann sei es so und dann wird der Jesus drangsaliert, dann wird er bluten, höllische Qualen erleiden und verdammt nochmal, er wird sterben. Und keine Kraft auf der Welt, weder im Himmel oben, noch unten auf der Erde, noch unter der Erde im Wasser oder im übrigen Kosmos – Gott hat all dies erschaffen, hier gibt es keinen konkurrenzfähigen Antipoden wie im Zoroastrimus Angra Mainyu (Ahriman) – würde etwas daran ändern. Jesus muss sterben und er wird sterben. Jesus stirbt – hoch oben am Kreuz.

Und warum all das, der Schmerz, das Leid und der grausame Tod? Um sicher zu gehen, dass er auch wirklich stirbt. Gott geht auf Nummer sicher. Nicht auszumalen, was wäre, wenn er dies überleben würde. Anders als in der Interpretation der Kreuzigung im Koran, gibt es hier keinen Stellvertreter, hier kommt der Jesus nicht wie der koranische Jesus Isa heil aus der Nummer. Jesus muss sterben und das wird er auch. Punkt.

Ja aber warum all das? Warum soviel Mater und Leid, warum kein Augenblick des Verschnaufens, warum kein Funken Barmherzigkeit inmitten all dessen? Ganz einfach, denkt an Frodo: der Erlöser, ist schwach und verführbar. Sie erinnern sich, Frodo steht über dem feurigen Abgrund, der Ring an einer Kette baumelt behäbig über der Glut. Frodo kann das Böse loslassen, er kann es fallen lassen und es würde für immer vergehen. Doch das tut er nicht. Frodo wendet sich ab und steckt sich den Ring an den Finger. „Der Ring gehört mir.“, spricht er, ein dämonisches Grinsen zeichnet sich auf seinen Lippen ab. Der Erlöser hat versagt. Das Böse triumphiert. Frodo intendiert es zurück in eben die Welt zutragen, aus der er es entfernen wollte – gegen das Böse kommt offenbar auch der Erlöser nicht an.

Zweifellos grausig, aber Sie beginnen nun zu verstehen, richtig? Jesus wurde in Ketten gelegt, gequält, ans Kreuz gebunden und genagelt, damit er seinen gemarterten Körper nicht vom Kreuze fortschleppen konnte. Das Böse der Welt, lag auf ihm, so wie die Sünde des israelitischen Volkes auf dem Bock jährlich am Versöhnungstag. Und so wie der Bock zum Sterben in die Wüste getrieben wurde, so müsse unzweifelhaft auch Jesus in den Tod getrieben werden. Es ist nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn der Bock einen Weg aus der Wüste zurück in die Zivilisation gefunden hätte, vollbeladen bis obenhin mit der Sünde eines ganzen Volkes. Wie ungleich schlimmer wäre es gewesen, wenn Jesus mit der Sünde, dem Bösen der ganzen Welt beladen wieder in diese zurückgekehrt wäre.

Frodo wendet sich ab und das Gute, die personifizierte Liebe – Caritas – Samweis Gamdschie kann nichts dagegen tun. Im freien Walten des in der Welt manifestierten Bösen, schaut die Liebe handlungsunfähig zu – nun gut, Samweis gelingt ein verzweifelter Schrei, aber mehr eben auch nicht. Deus et iustitia est – Gott ist auch die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist blind – sie muss blind sein, damit sie unbarmherzig sein kann – und sie ist brutal. Brutal wie Golum, in dem keine Liebe mehr ist, nachdem er sich Sméagols bemächtigt und ihn quasi in sich beerdigt hat. Es ist Golum, der Frodo seinen Auftrag erfüllen lässt. Die ganze Brutalität Golums reist den Finger samt Ring von Frodos Hand und sich selbst samt Ring nach einem Kampf auf Leben und Tod in den Abgrund. Frodo erlitt Schmerzen, vergoss sein Blut, gab seinen Leib – zumindest fast. All das war nötig zum Sieg über das Böse. Nötig nicht zuletzt, weil der Erlöser sein Erlöserdasein nicht erfüllt, wenn es keine Intention gibt ihn umzubringen. Der Erlöser muss zur Heilstat, die von seinem eigenen Leid nicht trennbar zu sein scheint, genötigt werden. Frodo und Jesus sind oder wären gescheitert. Sie mussten sterben oder so gut wie, damit sie wurden wer sie sein sollten. Weder macht sich der Erlöser selbst zum Erlöser, noch vermag er es seinen Weg aus eigener Kraft zu vollenden. In gewisser Weise ist das Erlösungswerk nicht einmal sein eigenes Werk, es ist vielmehr das Werk einer höheren Macht. Diese setzt den Erlöser auf seinen Pfad und diese sorgt dafür, dass er nicht davon abweicht, auch wenn der Erlöser gedanklich schon längst, vielleicht sogar handelnd, vom Pfad der Erlösung abgekommen ist. Erlösung bedarf keiner Liebe, sie bedarf der Gerechtigkeit – und diese ist blind und brutal.

Nach dem Tode Jesu soll dieser gemäß biblischer und nachfolgend christlicher Tradition von den Toten auferstanden sein. Auch Frodo ist in gewisser Weise auferstanden. Offensichtlich sind die Auferstehungen beider so ungeheuerlich, dass nicht nur die Jünger Jesu dies kaum glauben können – Thomas bekanntlich sogar nicht allein die Wundmale sehen, sondern sogar seine Finger in Jesu Wunden legen möchte –, sondern auch die einstigen Gefährten Frodos diesem in verwunderter Freude ihre Aufwartungen machen. Herr und Jüngerschaft sind wieder vereint. Und die Welt wurde gerettet – sie ist nun frei vom ultimativen, sich in der Welt manifestierten Bösen.

Ende gut, alles gut? Doch weit gefehlt. Während einige noch voll Freude den Sieg feiern und viele überall auf der Welt weder von den Geschehnissen wussten, noch auch im Stande gewesen wären diese zu begreifen, kehren die Erlösergestalten in ihre jeweilige am Rande der zivilisierten Welt gelegene Heimat zurück. Jesus zieht es folglich nach Galiläer und Frodo ins Auenland. Allerdings halten es beide in der Heimat nicht sehr lange aus. Während Frodo immerhin noch wenige Jahre im Auenland verlebt, hat Jesus schon nach vierzig Tagen (Apg 1,3) genug von der Welt und zieht ohne wirkliche Erläuterung auf einer Wolke davon. Ascendit ad in caelos – aufgestiegen in den Himmel. Jesus geht zu seinem Vater (zurück), zum Gott Israels, des Schöpfers der Himmel und der Erde. Und in den Himmeln bleibt er wohnen.

Warum geht Jesus fort? Sein Werk ist doch vollbracht, warum lässt er sich nicht nieder und verbringt die verbleibenden Erdenjahre in Frieden, vielleicht sogar mit Genuss? Hier meines Erachtens, wie schon zuvor, könnte der fußbehaarte Erlöser Frodo dem neutestamentlichen Erlöser Jesus im Moment des Schweigens als Stimme dienen. Zuhause in seinem wohligen Heim dürfen wir nämlich ein letztes Mal in seine Gedanken blicken: „Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann?“ Aber warum geht Jesus nun fort? Vielleicht aus exakt dem gleichen Grund, warum auch Frodo nicht mehr in der Peripherie Mittelerdes, unter seinesgleichen, leben kann. „Manche Dinge kann” nämlich „auch die Zeit nicht heilen – manchen Schmerz der zu tief sitzt und einen fest umklammert.“ Vor dem Abschied resümiert Frodo gegenüber seinem Lieblingsjünger Samweis, was sie einst wollten als sie zusammen aufbrachen. Sie zogen aus um das Auenland zu retten – Jesus zog aus um Judäa und Samaria zu retten –, doch sie retteten – wie nach christlicher Vorstellung Jesus – die gesamte Welt. „Aber nicht für mich.“

„Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann?“

Man geht.

Ob derjenige, der einen solchen Weg hinter sich hat, noch einmal – irgendwann – zurückkehren wird?

2 Kommentare zu „DEN ERLÖSER TÖTEN? UNBEDINGT! – Ein unorthodoxer Zugang zum Leiden Jesu und Frodo Beutlins

  1. Ein interessanter Gedanke, dass man sich nicht selbst zum Erlöser bestimmen kann. Und dass „es vollbracht ist“, wenn vom eigenen Lebensentwurf nichts mehr bleibt und „der Erlöser“ selbst darüber nicht verbittert zerbricht. Und dass Gerechtigkeit blind sein muss, weil ein Urteil wohl immer brutal ist für eine Partei. Und dass Gott sich beeilen musste, damit Jesus nicht aus dem Projekt aussteigt…

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