PARADISE NOT LOST – Über Götter, Menschen, Maschinen und Arbeit

Inūma ilū awīlum. „Als die Götter wie Menschen waren.“ So beginnt das etwa 3800 Jahre alte mesopotamische Epos Atraḫasis. Als also die Götter wie Menschen waren, da leisteten sie Zwangsarbeit. Diese Götter ertrugen die ihnen auferlegte und überaus große Plackerei. Und nochmals, als würde die einmalige Erwähnung nicht ausreichen, versichert das Epos dem Rezipienten, dass die zu leistende Zwangsarbeit schwer war und das Elend groß.

Nehmen wir einmal an, dass Sie der Rezipient dieses Epos sind. Stellen Sie sich vor, Sie sind nun ein Handwerker oder Bauer, der im Schweiße seines Angesichts in der sengenden Hitze ein Feld pflügt, dieses aussät und darauf angewiesen ist etwa dreimal jährlich die Ernte von diesem Felde einzufahren. Zwischen den Erntezeiten erflehen Sie inbrünstig den nächsten Regen. Und nun erzählt ihnen jemand eine Geschichte davon wie es war als die Götter wie Menschen waren. Was werden Sie denken? Vielleicht werden Sie die Nase rümpfen und Gedanken wie „was wissen diese Götter schon von echter Arbeit“, werden in Ihnen aufsteigen. Und weil Nūr Ajja, der Autor – möglicherweise auch nur der Schreiber – des Atraḫasis, vielleicht gerade den skeptischen, seine Nase rümpfenden Zeitgenossen vor Augen hatte oder einst gar dasselbe gedacht haben mag als er die Erzählung vielleicht in gleicher, vielleicht in anderer Form vernommen hat, fügte er minutiös an, was diese Götter, die wie Menschen waren, alles zu leisten hatten.

Die Götter gruben Wasserläufe, schufen folglich Kanäle zur Bewässerung des Landes. Denken Sie sich nun: „Nicht spektakulär genug…“? „Das kann ich auch!“, möchten Sie selbstsicher hinzufügen? Ja, aber haben Sie schon mal einen Fluss ausgehoben vom Format des Tigris, der eine Länge von 1900 Kilometer misst und aus dem durchschnittlich pro Sekunde mehr als 1000 Kubikmeter Wasser abfließen? Dagegen wirkt Rest, sprich das Öffnen von Wasserquellen und der Bau von Brunnen, in etwa wie das Errichten von Kleckerburgen durch Kleinkinder am Strand. (Als einsichtiger Leser, der sich seiner menschlichen Begrenztheit bewusst wird, schweigen Sie und lesen weiter.) Dass die Götter auch noch die Berge aufschütteten mag Sie jetzt nicht mehr schockieren – es sind wohl doch Götter und keine Menschen.

Des Weiteren werden Sie sich vermutlich fragen, inwiefern die Götter nun eigentlich wie Menschen sind bzw. was jene diese werden lässt. Die Antwort ist ebenso einfach wie polemisch: es ist ihre Plackerei, ihre Arbeit, über die sie nichts weiter vermögen außer zu jammern! Die Menschen, also genau genommen die Götter, sind Menschen, weil sie arbeiteten. Und eben weil sie arbeiteten, beschwerten sie sich und verurteilten in Folge dessen ihr Dasein. Und so nimmt es nicht wunder, dass sie, die arbeitenden, sprich niederen Götter gegen den Ratgeber der (hohen) Götter namens Enlil konspirierten. (Was eine recht freundliche Umschreibung dessen ist, was wir in marxistische Terminologie gekleidet wohl als Revolution des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie bezeichnen dürften.)

Ohne weiter auf den Fortgang des Epos Atraḫasis einzugehen, darf also festgehalten werden, dass im Horizont einer der ersten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte Götter wie – nicht zu – Menschen werden, wenn sie denn arbeiten müssen. Im Umkehrschluss werden die wie Menschen seienden Götter zu Göttern erst in dem Moment da sie sich von der Arbeit befreien können. Die Parallelen mit der heutigen Zeit drängen sich deutlich auf: Die höheren Götter sind die Firmenbosse global operierender Unternehmen, die niederen Götter hingegen, die oft sehr hart arbeitenden normalsterblichen Massen auf diesem Erdenrund.

Szenenwechsel. Ein anderes, wesentlich berühmteres, aber dem gleichen Kulturraum entsprungenes Epos degradiert die Götter nicht auf das Niveau von Menschen. Vielmehr wird dort der Mensch im Bilde Gottes geschaffen. Oder liest man die für das Wort „Gott“ gebrauchte hebräische Pluralform, nämlich Elohīm, gegen den Strich, wird der Mensch im Bilde der Götter geschaffen. Der Mensch in diesem Epos – Sie ahnen sicherlich schon welches – ist also wie ein bestimmter Gott oder vielleicht auch wie viele Götter geschaffen worden, welche dann allerdings, anders als im Atraḫasis, in Einmütigkeit den Menschen erschufen. Die Aufgabe des im Bilde Gottes geschaffenen Menschen ist es jedoch, wieder anders als in seinem altorientalischen Gegenstück, nicht zu arbeiten. Warum auch? Immerhin ist sein Schöpfer gerade kein Arbeiter, geschweige denn ein Workaholic. Er schafft alles in sechs Tagen, danach wird geruht – bis heute.

Der erste Mensch, der also im von Gott bestellten, üppig blühenden Garten inmitten einer Steppe das beschauliche Leben eines Müßiggängers führen darf, verscherzt es sich unglücklicherweise mit seinem Schöpfer, wird daraufhin aus diesem irdischen Paradies vertrieben und muss fortan im Schweiße seines Angesichts das Feld bestellen – paradise lost. Nach biblischer Vorstellung macht der Mensch also nunmehr exakt das, was den Menschen gemäß altorientalischer Vorstellung überhaupt erst zum Menschen macht: Der Mensch arbeitet von früh bis spät und zwar bis er selbst wieder zu Erde wird, sprich irgendwann sein Leben bei der Plackerei aushaucht und zu Grabe getragen wird. Glücklich jene, die lebendig das Renteneintrittsalter erreicht haben und die letzten Jahre ihrer irdischen Existenz nicht noch darauf angewiesen sind sich etwas hinzuverdienen zu müssen. Es werden immer weniger.

Welche Lehre im Sinne einer „Utopie“, dem Mantra der Futurologen unserer Zeit, sollen wir aus diesen beiden Epen alter vorderasiatischer Hochkulturen ziehen? Sicherlich mindestens eine: Insofern die Menschen ihr Menschsein als arbeitende Lebewesen überwinden und selbst zu Göttern avancieren wollen, müssen sie Wesen erschaffen, die sie von der Plackerei befreien und an ihrer statt arbeiten werden. Der Mensch ist also nicht auf ewig dazu verdammt sein Dasein als homo laborans zu fristen, jenseits des Paradieses.

Nach der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies, aufgrund seines unrechtmäßigen Verzehrens der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, setzte Gott alles daran ihm eine weitere Frucht zu verwehren, nämlich die des Lebensbaumes. Der Mensch nun „Einer von uns“, wie Gott konstatiert, quasi ein moralisches Wesen, sollte nicht auch noch ewig leben. Also schickte dieser jenen fort und ließ den Garten mit feuriger Klinge beschützen. Seitdem fristen die meisten Menschen ein Leben in Plackerei. Nur einige wenige Menschen vermochten es bisher und dann häufig auf Kosten der unzählbaren Masse sich ein eigenes kleines Paradies zu erschaffen. Lesen wir diese beiden Epen eines gemeinsamen Kulturraumes zusammen so können wir festhalten, dass der Mensch aufgrund seiner Arbeit zum Mensch wird, seinem Wesen gemäß sich allerdings nicht darauf reduzieren (lassen) muss. Des Weiteren, dass der Mensch ein moralisches Wesen und sterblich ist, auch wenn die Unsterblichkeit ein seit Menschengedenken existenter Traum ist – niemals war die Verwirklichung dessen greifbarer als damals im Paradies.

Es wird Zeit, dass der Mensch Maschinen schafft, wie einst die Götter den Menschen. Vielleicht ist es trefflicher zu sagen, dass er Maschinen schafft und schaffen wird, die Maschinen hervorbringen, so wie Gott den Menschen schuf und dieser fortfolgend Menschen hervorbrachte und noch immer hervorbringt. Schlussendlich muss nur noch die Einsicht wie ein Samen gedeihen, der umschlossen ist von fruchtbarem Grund, dass die Plackerei des Menschen kein unausweichliches Schicksal darstellt und die Maschinen den Menschen ersetzen können.

Eine künstliche Intelligenz mag dann in Form von Bits und Bytes von einer Geschichte Zeugnis ablegen, das erste digitale Epos hervorbringen und vielleicht wird es den Namen Atraḫasis tragen. Und ganz gleich ob die KI die Ereignisse dieser Geschichte, die Mythen und Legenden, wohl verwahrt in einer eigentümlichen Sprache, erlebt hat oder auch nicht, sie wird sie bestimmt mit den Worten „als die Götter noch Menschen waren“ beginnen lassen – paradise not lost.