BEDENKEN SECOND IN ECHTZEIT

Heute geschieht alles in Echtzeit. Dinge werden in Echtzeit produziert und sind in Echtzeit erlebbar, ja werden in Echtzeit erlebbar gemacht. Ich kann beispielsweise mit einem Freund in Echtzeit chatten – ich lebe in Deutschland und er in Australien. Ich kann in Echtzeit Opern am anderen Ende der Welt beiwohnen ohne am Ort ihrer Aufführung sein zu müssen. Nächste Woche findet in meiner Wahlheimat Jena sogar ein Echtzeit-Architekturevent statt. Ich kann folglich erleben wie urbane Architektur geschieht. Und ich kann in Echtzeit erleben wie Politiker Blödsinn von sich geben.

Das Neo-Liberale keine „Ökos“ sind, mag niemanden verwundern. Dass die „Ökos“ oder Grünen, heute vielleicht sogar das Feindbild der Neo-Liberalen schlechthin darstellen, noch vor den Linken, wohl ebensowenig. Der politische Kampf hat heute mehr denn je etwas mit dem Image zu tun und aus welchen Gründen auch immer, gelten „Ökos“, Grüne und ihre Anhänger als gemeinhin von einem moralischen Impetus aus handelnd – grün denkende und handelnde Menschen stehen gemäß weit verbreiteter Überzeugung auf der moralisch richtigen Seite. Wie kommt man also denen bei, die quasi die moralische Correctness gepachtet haben, na klar, man deklariert sie einfach als „hypermoralisch“, so geschehen durch Christian Lindner auf dem FDP-Parteitag. Das funktioniert ungefähr so: Christian Lindner steht am Billiardtisch, macht die weiße Kugel  – die Betonung liegt auf weiß, was für (moralische) Unbescholtenheit stehen kann – als Feind aus, setzt an und bäm, kickt mit dem verbalen Ausbruch „hypermoralisch“ die Gutbürger mit dem blanken Image aus dem Zentrum der Betrachtung, aus dem Zentrum der medialen Aufmerksamkeit und der Gunst der Wähler. So funktioniert Parteikampf, der eigentlich kein Parteikampf ist, sondern ein ideologischer in Echtzeit. Und ob diese Art Taktik erfolgversprechend ist, darf bezweifelt werden.

Und sollte der Billiardtrick tatsächlich seine Wirkung verfehlen, so hat Herr Lindner noch mindestens ein Ass im Ärmel, natürlich gegen die „Ökos“, die Grünen, aber das versteht sich von selbst.

Ein As namens Populismus. Sich auf „eine vierköpfige Familie“ als Opfer von Öko-Politik einzuschießen, nämlich durch die Besteuerung des CO2-Ausstoßes mit 180 Euro pro Tonne, ist eher publikumswirksame Panikmache als reflektierte Politik. Umso mehr als dass der Liberale die eigentlichen Klimasünder weder in die Pflicht nimmt, noch mit Hilfe der eigenen kognitiven Fähigkeiten, die ihm sicherlich niemand abstreitet, sowie denen seiner Anhänger, den Grünen den Schneid abzukaufen trachtet, indem er ökologisches und liberales Wirtschaften zusammen vordenkt. Aber Pustekuchen – „Bedenken second“!

Dies gilt auch für die sogenannte „Absicherung ohne Gegenleistung“. Gemeint ist natürlich das „bedingungslose Grundeinkommen“ (BGE). Nun kann Herr Lindner nicht „bedingungsloses Grundeinkommen“ sagen, weil schon knapp mehr als jeder Zweite in diesem Land für ein BGE stimmt, also wird es einfach kurzerhand „Absicherung ohne Gegenleistung“ genannt. Diese kostet natürlich Milliarden – woher nehmen? Und dann auch noch für Menschen, die angeblich nicht arbeiten wollen? (Anm. d. Red.: Eine bodenlos freche Behauptung!) Wie verkauft man solch eine Chutzpe den „hart arbeitenden“ Firmenbossen, Finanzmogulen etc.? Beim Geld hört bekanntlich der Spaß auf, die Freundschaft sowie und leider auch das (Weiter-)Denken. Eine liberal wirtschaftende Welt von morgen mit BGE? Zukunft sozial, grün und liberal denken? No way – „Bedenken second“! Der zweite Teil des FDP-Wahlwerbeslogans von 2017 wird somit zum Hemmschuh kreativen, sozial-freundlichen und ökologisch-nachhaltigen Wirtschaftsdenkens.

Mindestens eine Weisheit hat Herr Lindner seinen Zuhörern allerdings doch anvertraut: Chinesisch lernen! Recht hat er. Und er geht mit gutem Beispiel voran. Denn dann kann er sich auch in die reiche chinesische Literatur vertiefen – zur ökonomischen und wissenschaftlichen Verständigung eignet sich das Englische deutlich mehr. Vielleicht stößt er sogar auf Kulturschätze wie das Tao-Te-King und wenn er dann mal wie jetzt in der Politik nicht weiterweiß, bleibt immer noch die Option dessen Weisheit zu befolgen: Rückzug aus weltlichen Angelegenheiten.

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