ENTSCHEIDUNGEN À LA „ROT“ UND „BLAU“

Kennen Sie die „Entscheidungsszene“ im spätneunzigerjahre Kultfilm Matrix? Im Zentrum stehen zwei Männer mittleren Alters und zwei bunte Kapseln. Der Ältere von beiden heißt Morpheus, eine tendenziell dubiose Gestalt, die sich vor allem durch ein über die Maßen exzentrisches Äußeres, eine verklausulierte Sprache, einen unablässigen Fokus auf die Endzeit auszeichnet, die für die Menschen noch düsterer ausfallen wird als das gegenwärtige, bereits trostlose Leben und sich auf der Suche nach dem Erlöser befindet. Kommt Ihnen das bekannt vor, da ist einer, der in merkwürdiger Erscheinung auftretend, von der Endzeit faselt und den Erlöser in Empfang nehmen will? Ganz genau, bei Morpheus handelt es sich quasi um den biblischen Täufer Johannes des Sci-Fi-Popevangeliums. Er ist sozusagen die „Stimme eines Rufers in der (digitalen) Wüste“.

Der jüngere der beiden heißt Thomas A. Anderson. Was die beiden Männer verbindet ist ihre gegenseitige Suche. Auch das kennen wir aus der Bibel, denn nicht allein Johannes ist in Erwartung, quasi auf der Suche nach dem Erlöser, sondern auch Jesus – den Titel Christus, sprich Messias, muss er sich erst noch verdienen – ist auf der Suche nach Johannes. Aus nicht wirklich klar ersichtlichen Gründen, suchen diese beiden Männer einander, von denen aufgrund kultureller Gepflogenheiten in diesem Alter bereits die erfolgte Eheschließung mit einer Frau zu erwarten gewesen wäre.

Trotz gegenseitiger Suche, scheint die Rollenverteilung klar: Morpheus stellt den Messias in Spe Thomas A. Anderson, besser bekannt unter dem Pseudonym Neo, vor die Wahl. Der Täufer Morpheus offeriert dem Messias Neo zwei Kapseln, eine rote und eine blaue. Beide Kapseln stehen für eine bestimmte Realität. Im Film Matrix steht die blaue Kapsel für die Welt, wie sie „Mr. Anderson“ (Neo) kennt, eine Welt die ihrem äußeren Schein gemäß der Welt am Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts gleicht. Die rote Kapsel steht hingegen für die sogenannte „real world“, die wirkliche Welt. Die „wirkliche Welt“ im Film ist eine post-apokalyptische Welt. Die Erdoberfläche ist staubig-trocken und von gigantischen Stahlbetonruinen überzogen – oder anders ausgedrückt: die Erde ist unbewohnbar, wüst und quasi leer. Von all dem weiß Neo allerdings noch nichts. Doch das scheint dem auf Erlösung erpichten Morpheus auch egal zu sein. Was zählt, ist allein die Wahl der Kapsel.

Und welche Kapsel nimmt Neo? Natürlich die rote! Andernfalls hätte der Film auch ein jähes Ende genommen – an „Sequels“ wäre gar nicht erst zu denken, vielleicht eine Wohltat für so manchen, die Fortsetzungen Reloaded und Revolutions hassenden Fanboy. Selbstverständlich lässt sich ein Blockbuster auch nicht in 15 Minuten erzählen. Hinzukommt, dass eine in ein signalfarbenes Gewand gekleidete Kapsel, wie die rote, einfach unwiderstehlich aussieht. Zwei weiße Kapseln, das wäre fair.

Wenn man es genau bedenkt, kann wirklich nicht behauptet werden, dass sich Neo aufgrund der abverlangten Entscheidung einen Zacken aus der Krone brechen musste. Und wenn Neo der Messias ist, war die Wahl dann nicht schon lange entschieden? Hat der vom Schicksal Erwählte überhaupt eine Wahl? Was spielt also noch in seine Entscheidungsfindung oder die für ihn getroffene Wahl hinein?

Zurück in die Zukunft der Neunziger. Wohl von der Bibel inspiriert, steht auch am Anfang der Sci-Fi-Odyssee der damals noch als Wachowski-Brüder bekannten Macher eine Frau – heute spricht man genderkorrekt von Wachowski-Geschwistern. In der Narrative ist es eine schicksalhafte Fügung – gerade an das Schicksal mag der auserwählte Held der Geschichte zumindest zu Beginn noch nicht so recht glauben –, die Mann und Frau zusammenführt. Dass die Entscheidung eines Mannes von der Entscheidung einer Frau abhängt, behaupten schon die Autoren der biblischen Paradiesgeschichte – es war bekanntlich Eva, die Kontakt zu zur Sünde verleitenden Schlange unterhielt und ihrem Manne Adam, dem prototypischen Menschen, von der vermutlich schmackhaft aussehenden Frucht zu naschen gab.

Am Anfang ist die Frau und nichts war wüst und leer. Der Name der Frau, und hier beschreiten die Schöpfer der „Matrix“ einen eigenen Weg, lautet nicht Eva sondern Trinity. Dieser Name ist keineswegs weniger bedeutungsschwer als Eva, die Leben Gebende, denn kaum bezweifelbar spielen die Wachowski-Geschwister entweder auf die heilige Dreifaltigkeit der Christenheit an, ein im 4. Jahrhundert entwickeltes Dogma, oder auf den ersten Kernwaffentest der Welt, ausgeführt von den Vereinigten Staaten von Amerika im Sommer 1945. Die Frau, Trinity, ist also entweder die Wachowskische Interpretation einer Einheit, die klassisch in Gott-Vater, -Sohn und -Heiliger Geist unterschieden wird und folglich als deren Interpretation des Göttlich-Weiblichen begriffen werden müsste – die Vagina als Pfad zur Transzendenz. Oder die Frau ist schon immer, zumindest in der „Matrix“ Anfang vom Ende, eine alles vernichtende Gewalt der Auslöschung von dem, was auf der Erde kreucht und fleucht, sowie im Himmel ist und unter der Erde im Wasser.

Für die, die es nicht wissen, Trinity ist die die Matrix hackende Femme fatal, quasi die Eva der Geschichte, ganz und gar in schwarz gekleidet – so etwas denken sich nur 90er Jahre Nerds aus –, die schon weiß, was der Mann noch nicht weiß, nämlich das sie für einander bestimmt sind – das volle Programm –, allerdings folgen Händchenhalten, Kuscheln und der obligatorische Filmsex, viel Schweiß, schweres Atmen und Gestöhne, erst in der Fortsetzung. Trinity schafft es Neo mit ihren ruhigen, bedachten, aber doch energischen Worten, gewürzt mit einer Prise Laszivität, und ihrem perfekten Wimpernschlag davon zu überzeugen, dass irgendetwas mit seiner Welt nicht stimmt. Und natürlich muss das so sein, wenn es diese sanft-kühle Schönheit behauptet. Wenn etwas nicht zu stimmen hat, dann stimmt es eben nicht. Punkt. (Das ist Wahrheit jenseits alternativer Fakten.)

Aber halt! Bis auf den bereits leicht erregten Nerd, müssten hier zumindest all diejenigen Zuschauer kritisch einhaken, die sich noch nicht völlig von Trinitys bloßem Auftreten einlullen ließen. Denn eigentlich stimmte doch alles mit der Welt im Allgemeinen und mit seinem Leben im Besonderen. Neo hatte ein Dach über dem Kopf, einen gut bezahlten, sicheren Job als Programmierer in einer großen und angesehenen Firma. Tatsächlich aber stimmt rückblickend mit seiner Welt eben doch nur dann alles, wenn man einmal davon absieht, dass er in seiner offensichtlich zu üppigen Freizeit staatliche Institutionen „hackte“, sprich Straftaten beging, und die gestohlenen Daten auch noch an dubiose Gestalten auf Meskalin verkaufte – Neo, der Robin Hood der Datenwelt, beklaut die Reichen und schenkt es den psychedelisch Abgefuckten. Na ja, es ist eben noch kein Messias vom Himmel gefallen und ein langer, gut sechseinhalbstündiger Kinofilmweg zum Erlöserdasein, soviel steht fest.

Aber erinnern sie sich noch an Adam und Eva? Das lief vermutlich genauso. Er, von Gott in einen mutmaßlich wunderschönen Garten inmitten einer Steppe verpflanzt, führt das glückliche Leben eines kindlich-naiven Müßiggängers, der eigentlich nur ein Verbot kennt, nämlich nicht die Frucht eines bestimmten Baumes zu verzehren. Und dann kommt die noch-nicht-Angebetete und erklärt ihm, dass etwas mit seiner Gartenwelt nicht stimmt und er deshalb nun eine Entscheidung treffen müsse, nämlich entweder die (vermutlich) „rote“ Frucht zu essen oder aber weiter verträumt in den „blauen“ Himmel zu blicken.

Das Ergebnis ist wohlbekannt. Der Kerl schluckt die Frucht, quasi die „rote Kapsel“ der Bibel, und voilà: „welcome to the real world“, um es mit den Worten des Täufers Morpheus zu sagen. Die wirkliche Welt des Adam, sprich die Zeit nach dem müßiggängerischen Gartenleben, war die einer staubigen Wüste, heiß und trocken. Die wirkliche Welt Neos, also die Zeit nach dem müßiggängerischen Großstadtjunggesellenlebens, war die eines rostig-feuchten Gefängnisses aus Stahl, kalt und öde.

Ecce homo seht den Menschen! Seht, wie er da steht und fortan Disteln kaut oder auf der Nebukadnezer, dem Schiff des Morpheus, wässrigen Haferschleim herunterwürgt, der nach Aussage eines Crewmitglieds nichts weiter ist als „eine Schüssel voll Rotz“. Ob sich Adam je wünschte in den Garten inmitten der Ödnis zurückkehren zu dürfen? Und Neo? Wir wissen es nicht! Aber Cypher, die schurkische Kreation der Gott spielenden Wachowski-Geschwister, reut es bekanntlich sehr dieses Paradies namens Matrix verlassen zu haben, versucht sich seine Rückfahrkarte ins Paradies mit Verrat zu erschleichen und wird fortan keine Missetat scheuen um sich den Weg dorthin zu bahnen. Doch wie einst Adam und dessen Nachkommen durch Engel mit flammender Klinge vom Wiedereintritt ins Paradies gehindert werden, bleibt auch Cypher aufgrund eines ihn röstenden Blitzstrahlers der Weg zurück ins digitale Paradies namens Matrix verwehrt.

Das Schicksal ist eine Einbahnstraße – einmal beschritten, gibt es keinen Weg mehr zurück. Im Falle der Bibel und dem Sci-Fi-Epos Matrix beginnt das Schicksal mit einer Frau, einem unwiderstehlichen Angebot und der Illusion der Freiheit.

Und beim nächsten Mal, bei der nächsten – unerwartet unterbreiteten –Wahl? Lassen Sie sich besser nicht an der Nase herumführen und nehmen noch vor der (Schein-)Wahl gleich die Rote! Bis dahin sollten sie den „blauen“ Himmel im Paradies genießen – die Realität kann warten.

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