GOTT SCHREIBT SICH DIE WELT – WIDDEWIDDE WIE SIE IHM GEFÄLLT. Comment ne pas parler, Abbitte und Game of Thrones als Schlüssel zur biblischen Schöpfungsgeschichte

Im Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde.

Und Gott sprach

Warum muss Gott sprechen? Was geschieht vor dem ersten Wort? Und vor dem ersten Wort geschieht immer etwas. In dem im Jahre 2007 von Joe Wright inszenierten Film Abbitte (engl. Atonement), der auf dem gleichnamigen Roman (2001) des britischen Schriftstellers Ian McEwan beruht, muss schon etwas passiert sein, denn Himmel und Erde sind bereits da. Auch Gott ist da. Es liegt nahe, dass Gott auch Himmel und Erde gemacht hat, aber mit Sicherheit kann dies der Zuschauer nicht wissen, denn er war nicht dabei und seit dem Moment, da er Zuschauer ist, ist bereits alles da. Und der Gott in Abbitte, der da ist, der wirklich anwesend ist, schreibt.

Gleich ob es die Himmel, sprich mehrere, wie in der hebräisch-biblischen Tradition sind oder doch nur einer, der Himmel gleicht dem Ideal eines Sommertages im England am Vorabend des die Welt in Finsternis stürzenden Krieges.

Der Zuschauer befindet sich im lichtdurchfluteten, luftig-hohen Zimmer eines dreizehnjährigen Mädchens namens Briony Tallis inmitten der 1930er Jahre. Die türkisfarbene Tapete ist der Horizont, die üppigen Blumenmuster auf dieser deuten eine reichhaltige Flora an. Die Erde ist ein kolorierter, ebenfalls von abstrakten Pflanzenmustern überzogener Teppich. Die Erde ist sicherlich vieles, aber nicht wüst noch leer. Alles wurde schon gemacht und wenn jemals etwas wüst und leer war, dann liegt dies weit in der Vergangenheit, in einer Zeit vor dem ersten Wort. Und Gott schreibt.

Und während Gott unablässig schreibt, zeigt sich auf dem Erdengrund ein Haus über dem sich der weite Himmel des Zimmers spannt. Dass Haus, eigentlich handelt es sich mehr um ein Schloss, kann als Symbol für eine erste Zivilisation, für eine geordnete Welt stehen, in der das Chaos der Kräfte Form annahm, Gase sich zu unzähligen Sternen verdichteten, ihr Sterben wiederum unzähligen Planeten zur Geburt verhalf und nun auf einem dieser Leben in Fülle wimmelte.

Von diesem Haus aus ziehen Tiere, manche majestätisch und in all ihrer Pracht, zumindest aber vielfältig in ihren Arten, stromlinienförmig vom Schloss davon in die weite Welt. Das Schloss in Brionys Zimmer ist die hochzivilisierte Form der Arche des Noah, jener biblischen Gestalt, die von Gott damit beauftragt wurde Tiere in einen hölzernen Kasten zu laden bevor alles Leben auf der Erde davon gespült werden würde. Nach Wochen ziellosen Treiben, strandet die Arche des Noah hoch oben auf einem Berg, nachdem die Flut abgeebbt war.

Warum ist die Welt von Wasser bedeckt? Warum wurden Tiere in einen Kasten geladen? Warum strandet der Kasten? Warum dürfen die Tiere und die wenigen auserwählten Menschen leben und aus der Arche heraus wieder auf festem Grund wandeln? Ich spiele nicht das Warum-Spiel, über das sich Spinoza im ersten Teil seines philosophischen Hauptwerkes Ethica so gekonnt amüsiert. Vielmehr sollen diese Fragen verdeutlichen, dass Kausalzusammenhänge immer auch darauf verweisen, dass schon immer etwas passiert ist und dass das, was ist, stets auf etwas zurückverweist, sprich Spur von etwas ist. Und so nimmt es nicht wunder, dass nun tatsächlich etwas vor der sogenannten Flut geschehen ist.

Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn – männlich und weiblich schuf er sie.

Der Mensch wurde zahlreich auf Erden; viele Töchter wurden ihm geboren und mit jeder Tochter wieder mehr Menschen. Die Menschentöchter wurden jedoch nicht allein von Männern des Menschengeschlechts begehrt, sondern ebenso von den Söhnen der Götter. Die weiblichen Nachkommen der Menschen und die der Götter kopulierten miteinander und es geschah, was geschehen musste: Die Menschentöchter gebaren den Göttersöhnen. Doch sie gebaren nicht gewöhnliche Menschen, sondern Helden, Männer, die einen Namen hatten – wohl die Art Mann, die zur Legende wurde, um die sich fürderhin Mythen entsponnen. Männer wie Gilgamesch – zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch. Zwischen den Töchtern des Menschengeschlechts und den Söhnen der Götter gibt es keine artbedingte Schranken. Aus einem sodomitischen Akt, wie der Insemination eines Schimpansen durch einen Menschen oder umgekehrt, entsteht kein neues Leben. Es gibt keine aus einem Sexualakt hervorgehenden Affenmenschen, ganz gleich ob Mensch und Affe in ferner Vergangenheit einen gemeinsamen Vorfahren hatten oder nicht. Der Bruch zwischen Mensch und Tier ist irreversibel. Die Lebewesen sind geschaffen gemäß göttlicher Ordnung, und paaren sich nach göttlicher Ordnung. Wider dieser Ordnung gibt es kein Leben und es kann auch keines geben.

Doch nun ließ ganz offenbar die göttliche Ordnung die Kopulation der Abkömmlinge von Menschen und Göttlichen zu. Da die göttliche Ordnung keine absolute Freiheit kennt, was die Kopulation von Lebewesen anbelangt, darf wohl mit Recht behauptet werden, dass Gott ursprünglich nichts gegen die Verbindung von Menschenkindern und Götterkindern einzuwenden hatte, zumindest insofern die göttliche Ordnung nicht einem Schweizer Käse gleich für löchrig erachtet werden soll. Wir wissen nicht, was sich Gott gedacht haben mag als er diese Option ermöglicht hatte und ob er überhaupt dachte, wissen wir ebensowenig. Wir wissen lediglich, dass etwas geschehen sein musste, was ihn verdrießlich stimmte und zwar sehr.

Und Gott sah, dass die Boshaftigkeit des Menschen groß war und alles was sein Herz ersonn’ nur allezeit böse war.

Da wurde Gott des Menschen überdrüssig und fasste den Plan diesen vom Antlitz der Erde zu tilgen, samt allen Tieren, ausgenommen der Tiere, die Noah, der Auserwählte Gottes nicht auf seinen hölzernen Kasten brachte.

Brionys Arche. Mit festem Grund unter den Füßen, ziehen Dutzende Tiere und einige wenige Menschenkinder aus dem Schloss in die Welt. Der Weg des überlebten Lebens ist kein wahlloser, vor allem aber kein zielloser. Sie ziehen in Richtung desjenigen, der sie erschuf – Gott. Und Gott schreibt – Gott schreibt unablässig. Und da, der Zuschauer stiert noch gebannt auf die teils winzigen Figuren, erscheint für einen Augenblick Gott. Auf seinem gewaltigen himmlischen Thron sitzend, bäumt sich Gott mit dem Rücken zur eigenen Schöpfung gewandt auf. Moses hatte sein Angesicht vor Gott versteckt, was nichts anderes meint, als dass er es nicht wagte face à face vor Gott zu treten und mit seinem vor Gott entblößten Gesicht Konversation zu halten – niemand hat Gott je gesehen, heißt es im Neuen Testament. Vom Gott in Abbitte wird vorerst bis auf das blonde Haar und einen entblößten Nacken auch nichts weiter gesehen. Gott sitzt hoch erhaben über seiner Schöpfung und schreibt. Gott ist nicht einfach nur groß verglichen mit seiner prächtigen Schöpfung. Gott ist größer, wie es in der islamischen Tradition heißt. Und jenseits der übergroßen Erscheinung Gottes, deutet sich eine Größe an, die sich gleichsam entzieht, sobald sich der Mensch Gottes habhaft zu machen versucht. Und Gott schreibt weiter.

Und in der Bibel? Nein, Gott schreibt nicht, aber er spricht. Wa-jōmer Elohīm – „und Gott sprach“ oder „und Gott spricht“. Eigentlich spricht Gott in der Bibel immerzu. (Und mal ganz unter uns: Dafür, dass Gott in der heiligen Schrift von Juden und Christen so eine Labertasche ist, schweigt er sich in unserer Welt doch ganz schön aus.) Nur warum spricht er so viel? Diese Frage, auf die es sicherlich vielfältige Antwortmöglichkeiten gibt, treibt mich bereits seit einiger Zeit um, aber eine wirklich befriedigende Antwort entzog sich mir bisher. Zumindest bis vor kurzem, denn da stieß ich wieder auf einen famosen Text aus meinen Studententagen. In Comment ne pas parler – zu Deutsch „Wie nicht sprechen“ – äußert Jacques Derrida allerhand interessante Ideen. Eine von diesen hat es mir jedoch ganz besonders angetan. Derrida schreibt, „sprechen um zu sprechen, die Erfahrung dessen machen, was dem Sprechen durch das Sprechen selbst geschieht, in der Spur einer Art Quasi-Tautologie, das ist etwas ganz anderes als ohne Nutzen zu sprechen und mit dem Ziel, nichts zu sagen. Vielleicht ist das nichts anderes als die Erfahrung zu machen einer Möglichkeit des Sprechens…“

Sie ahnen sicherlich schon worauf ich hinaus will. Was, wenn Gott nur spricht um zu sprechen? Genauer noch, was wenn Gott spricht, um die Erfahrung des Sprechens zu machen? Wenn dem so wäre, dann ginge es nicht mehr darum was Gott spricht, sondern darum, dass er spricht. Nicht zu letzt ginge es dann auch um das Was, das Wesen seines Sprechens. Aber vor allem Fragen geht es um das Das. Und Gott spricht, weil er nicht nicht sprechen kann.

Briony, der Gott oder die Göttin in Abbitte, schreibt. Während sie schreibt, macht sie die Erfahrung des Schreibens. Sicherlich, Briony schreibt eine Geschichte. Diese hat einen Anfang, alles hat bekanntlich einen und vor dem Anfang war, wie bereits eingangs konstatiert, schon etwas – vor dem Anfang ist immer schon etwas. Und Brionys Geschichte hat ein Ende. Es ist ein Stück, ein Spiel, dass Briony schreibt, während das Leben von ihr geschaffen und von ihr vollkommen unbeachtet sich in die Welt ergießt. Gott schreibt während die Welt weltet. Wir wissen nicht genau was sie schreibt bzw. worüber sie schreibt, nur dass sie schreibt und das ihr Geschriebenes eine Handlung hat, eingebettet in einen Anfang und ein Ende. Fiktive Geschichten mögen auf die eine oder andere Weise unterhaltsam sein, sie mögen auch, zumindest temporär, ein Hort der Zuflucht von der Welt, wie sie mit ihren Irrungen und Wirrungen funktioniert, sein. Doch sie werden die Welt niemals ersetzen können. Die fiktiven Welten in den fiktiven Geschichten sind stets Welten von der realen Welt und ihres Schöpfers Gnaden – sie haben keinen Bestand für sich.

Doch Briony ist Teil der Welt, die sie erschuf. Mehr noch, sie ist nicht zu letzt auch Protagonist der Welt. Sie partizipiert an der Welt, wirkt und waltet in der Welt. Sie ist sowohl Subjekt als auch Objekt der Welt und der übrigen Protagonisten dieser. Folglich ist sie über die Welt erhaben und sogleich sich in diese eingliedernd. Sie ist immer auch von der Welt betroffen, von dieser ebenso abhängig wie die Welt von ihr. Zu schaffen, schöpferisch tätig zu sein, bedeutet immer auch ein Verhältnis einzugehen. Und ein Verhältnis einzugehen bedeutet, sich mit demjenigen zu verstricken, zu dem das Verhältnis besteht.

Der Gott der Bibel spricht. Sprechen bedeutet laut Derrida „die Erfahrung dessen machen, was dem Sprechen durch das Sprechen selbst geschieht“. Der Gott in Abbitte schreibt. Die eigentliche Tragödie, die Abbitte zu einer werden lässt, muss hier nicht aufgerollt werden. Das Ziel des Ganzen ist bereits vor seinem ersten Akt dem Titel der Tragödie selbst eingeschrieben: Abbitte. Dieses aus der Mode gekommene Wort ist der Versuch das englische Original einzufangen, nämlich „atonement“, was für gewöhnlich mit „Versöhnung“ übersetzt wird, dem Begriff nach jedoch zu-eins-sein bedeutet. „Atonement“ meint folglich das, was passiert ist, wenn man dasjenige, was einen trennte überwunden hat und nun wieder zusammen ist, quasi nun wieder nicht nur eins sein kann, sondern auch eins ist – und dies ist es, was Versöhnung im Deutschen meint.

Der Gott in Abbitte schreibt, Briony schreibt. Die Tragödie lässt sich nicht aus der Welt schaffen, sie ist irreversibel. Was geschehen ist, ist geschehen, ist in die Welt eingeschrieben und in all jene, die betroffen sind – dies schließt Briony ein. Gott ist betroffen von dem, was geschieht. Die Dinge gehen nicht spurlos an Gott vorbei. Hier stellt sich folglich nicht die Frage ob Gott allmächtig ist oder nicht, ob er die Vergangenheit rückgängig machen kann oder nicht. Die Allmacht Gottes ist nicht die Frage der Bibel und ebensowenig in Abbitte, sondern die der Philosophen – vielleicht aus der Hybris des die Welt umdenkenden Menschen geboren, vielleicht aus der Realisation der Unerträglichkeit des eigenen, begrenzten Seins.

Wenn nun aber Gott das Geschehene nicht rückgängig machen kann, nicht weil er nicht will, nicht weil er sich sträubt, nicht weil er stur an seinen Entscheidungen festhält, sondern weil das Geschehene irreversibel ist – sich darin übrigens, sprich in der Kostbarkeit eines jeden Moments – nicht zuletzt die Dignität des menschlichen Daseins ausdrückt, dann bekommt das Schreiben Gottes in Abbitte, wie auch das Sprechen Gottes in der Bibel einen Sinn, den es meines Erachtens zu bedenken gilt; ein Sinn, der vielleicht noch überhaupt nicht bedacht wurde.

In Abbitte, dies sei nochmals in aller Deutlichkeit betont, geht es um Versöhnung. Doch Gott kann sich nicht mehr versöhnen. Die beiden geliebten Menschen sind nicht mehr. Wenn nun also Gott schreibt, unablässig weiterschreibt, dann vielleicht um die Erfahrung dessen zu machen, was durch die Tätigkeit selbst geschieht – übrigens eine nicht wahllose Tätigkeit mit nicht wahllosem Inhalt. Gleich einem performativen Sprechakt, indem gleichsam das getan, was gesagt wird, wird die Tat, ja wird der Effekt der Tat bewiesen durch die Vollführung der erst nur angekündigte Tat selbst. In performativen Sprechakten realisiert sich also das Gesagte während es gesagt wird, in seinem Gesagt-Werden. „Ich vergebe Dir!“, oder: „Dir wurde (durch mich, i. e. ein (beliebiges) Subjekt) vergeben!“ Im performativen Sprechakt „Ich vergebe Dir!“ geschieht mit den artikulierten Worten gleichsam das, was gesagt wird, nämlich die vom Subjekt dem Objekt gewährte Vergebung.

In der jüngst veröffentlichten zweiten Folge der achten Staffel der weltweit erfolgreichen Kultserie Game of Thrones geschieht etwas vergleichbares. Am Abend vor der großen Schlacht zwischen der menschlichen Allianz und den wiedererwachten Toten. Es soll etwas bis dato unerhörtes geschehen, eine Frau, Lady Brienne von Tarth, soll verdientermaßen zum Ritter, zur Ritterin, geschlagen werden. Jaime Lannister, einstiger Königsmörder, einstiger Gardist der Wache des nachfolgenden Königs, Erzeuger wiederum dessen Nachfolgers und einstiger Geliebter der aktuellen Königin, weist darauf hin, dass es zum Ritterschlag nicht etwa eines Königs oder einer Königin bedarf, sondern schlicht eines Ritters. Um dies, was er gerade zur Verblüffung aller Anwesenden als Factum deklarierte zu beweisen, meint er lediglich: „I’ll prove it!“, „ich werde es beweisen“. Jaime Lannister holt weder einen Schmierzettel hervor noch einen Folianten aus der in der nähe gelegen Bibliothek, die seine – alle übrigen Anwesenden zum Schweigen veranlassende – Behauptung beweisen würden. Nein, Jaime Lannister, beweist nicht durch das Hervorbringen niedergeschriebener, externer Quellen, sondern er beweist durch die Vollführung dessen, was er zuvor behauptet hat. Wahrheit, das Wahre, realisiert sich, wird Factum, wird wahres Factum im Moment seiner Vollführung, gleich ob es nicht geschehen könnte, wenn es nicht vollführbar ist. Doch es ist vollführbar. Jaime Lannister schlägt vor allen anwesenden Würdenträgern Brienne von Tarth zur Ritterin, zum Ser – niemand schreitet ein, kein Mensch, kein König, keine Königin, kein Gott, weder der Herr des Lichts, noch der Many-faced God, der Gott des Todes. Das, was gesagt wurde, das, was gesagt wird, realisiert sich, wird Factum, wird was es war, nämlich Wahrheit, wird wahres Factum.

Wie also kann sich Gott nun aber mit dem Irreversiblen versöhnen? Vielleicht indem er während er davon schreibt, im Akt des Schreibens selbst, für sich realisiert, ja er selbst das erlebt, quasi ihm das geschieht, was er schreibt – Abbitte.

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