WENN EINE FRAU EINE STADT NIEDERBRENNT

Radikaler Feminismus ist nicht lebensfeindlich

In einem auf der bekannten Onlineplattform bento publizierten Beitrag mit dem Titel Wie „Game of Thrones“ seine Frauenfiguren ruiniert, stimmt die Autorin Merve Kayikci in den Tenor der Social Medias ein, nämlich dass insbesondere der Charakter Daenerys Targaryen „ruiniert“ wurde. Sie, Daenerys, und andere, insbesondere weibliche Charaktere hätten vor allem in der letzten Folge der Serie eine Entwicklung oder vielmehr eine Persönlichkeitsveränderung durchgemacht, die mehr einer Persönlichkeitsstörung gleicht und für viele nicht nachvollziehbar ist.

Im Zentrum steht Daenerys’ Flug auf ihrem letzten Drachen Drogon über King’s Landing (Königsmund), die Hauptstadt des fiktiven Reiches Westeros, welche sie gleichsam aufgrund des exzessiven Gebrauchs von Drachenfeuer niederbrennt und mit der Stadt vor allem die Zivilbevölkerung. Daenerys’ Verhalten wurde von der Community nicht sonderlich gut aufgenommen. Für viele Fans der Serie sei ihr Verhalten nicht nur völlig unverhältnismäßig, geradezu barbarisch gewürzt mit reichlich Sadismus, sondern sogar unplausibel, inhaltlich nicht nachvollziehbar.

Kayikci schießt sich bei den Kritiken vor allem auf gegen Frau gerichtete Stereotype à la „Hast du deine Tage?“ ein. Sie zitiert einen Tweet, indem der Autor oder die Autorin desselbigen von „Prämenstruellem Syndrom“ schwadroniert. Irgendetwas müsse ja der Grund sein für eine so plötzliche Wendung von der Königin der Herzen hin zur Königin der Asche. (Fairerweise müsste man an dieser Stelle anmerken, dass waschechte Fans, was rationales und reflektiertes Nachdenken anbelangt, doch eher eingeschränkt sind, zumindest dann, wenn es um den Fetisch der eigenen Anbetung geht.)

Kayikci findet einige wichtige und richtige Argumente um Daenerys’ Verhalten durchaus nachvollziehbar darzustellen, was selbstverständlich nicht als Rechtfertigung verstanden werden darf. Aber auch Kayikci scheint zu entgehen, wie offenbar auch so vielen Zuschauern, dass immens viel Zeit nicht nur zwischen den einzelnen Staffeln vergeht, sondern auch zwischen den Folgen und teilweise sogar innerhalb einer einzigen Folge. Kayikci sieht dann nur noch ihr „feministisches Herz“ brechen in Anbetracht des angeblichen Durchdrehens der Drachenkönigin. Zeit ist eben doch nicht nur relativ und ebensowenig mit der verstrichenen Zeit der eigenen Wahrnehmung, sprich der Zeit, die der Betrachter zum betrachten der Handlung aufgewendet hat, identisch.

Den Feminismus, den sie übrigens nicht definiert, sieht Kayikci verraten, weil „ihre Geschichten doch wieder in den gleichen alten Mustern erzählt werden“. Und Kayikci weiter: „Denn ja, man kann das Zerstören von Königsmund als Racheakt für ihre treue Beraterin Missandei interpretieren. Doch vor allem die Zurückweisung von Jon Snow (Jon Schnee) persönlich und die abstrakte Zurückweisung des Volkes, von dem sie ‚keine Liebe bekommt‘, scheint sie zu dem Schluss zu führen, dann eben mit Angst regieren zu müssen. […] Aber muss es wirklich am Ende die unerfüllte Liebe sein, an der die Frauenfigur zerbricht?“

Sicherlich, eine solche Interpretation liegt nicht ganz fern, wird dem Zuschauer sogar regelrecht suggeriert, aber zwischen dem Tod von Missandei, der treusten und engsten Beraterin, und dem Niederbrennen der Stadt liegen gut zwei Wochen, genug Zeit um zu trauern und sich wieder mental zu fangen. Um dies zu wissen, muss man allerdings auch wissen was eine „fortnight“ ist – gemeint ist natürlich nicht das gleichnamige Videospiel Fortnight –; Details, die dem hitzigen „Fanboygemüt“ aber entgehen können.

Offensichtlich entging Kayikci, wie auch allzu vielen Fans der Serie, dass die Macher David Benioff und Daniel B. Weiss in einem Videobeitrag zur fünften Folge explizit herausstellten, dass die Perspektive der Zivilbevölkerung eingenommen werden sollte. Der bewusste, visuelle Fokus auf die durch die brennende Stadt laufende Arya Stark, sollte den intendierten Effekt noch verstärken, nämlich Mitleid beim Zuschauer zu erzeugen, denn es ist psychologisch gesehen leichter sich mit einem bekannten Charakter, der darüberhinaus noch ein Publikumsliebling ist, zu solidarisieren als mit Unbekannten, selbst dann, wenn es sich um viele handelt – das Leid eines bekannten Charakters wiegt schwerer als das vieler unbekannter Charaktere. Von einem durchaus möglichen Gefühlschaos aufgrund von Verlust und Enttäuschung sowie tatsächlichen Motiven, welche Daenerys Targaryen für das von ihr verursachte Inferno gehabt haben könnte, weiß der Zuschauer nichts, ganz gleich wie oft er sich gemäß seiner selbst zugeschriebenen Expertise in der Götterperspektive wähnt.

Doch für Erörterungen dieser Art zeigt Kayikci kein Interesse; sie hat mit der Folge nämlich ein ganz anderes, eigenes Problem. Für Kayikci hört der Spaß bei (angeblich) unerfüllter Liebe auf. Liebe, ob nun erfüllt oder unerfüllt, darf, so scheint es, keine Feministin aus den Latschen hauen. Für einen Mann hat man als freie Frau keine Stadt niederzubrennen. Aber die zugrundeliegende Perspektive ist viel problematischer als dies auf den ersten Blick zu sein scheint: Wenn nämlich eine Serie von zwei Männern gemacht wird, jene wiederum auf den Büchern und Ideen eines (dritten) Mannes beruhen, dann muss das Verhalten der Frau aufgrund axiomatisch angenommener patriarchalischer und chauvinistischer Strukturen vom Mann abhängen. Die Frau denkt und handelt nicht (mehr) autonom, sondern sie reagiert gemäß solcher Vorstellungen auf den Mann – schlimmer noch, sie kann gar nicht (mehr) anders agieren und reagieren, weil Männer diese Geschichte kreiert haben. Der Mann sei, so die Grundannahme zum Patriarchalismus und Chauvinismus determiniert und wenn dann ein aus seiner Feder stammender Charakter etwas gegen die eigenen, feministischen Überzeugungen des Zuschauers tut, dann muss das eben am patriarchalen Mindset des männlichen Autors oder der männlichen Schöpfer der Geschichte liegen.

Ein solches Vorurteil macht vor allem alle weiteren Reflektionen über die tatsächlich dargestellten Ereignisse überflüssig – in der Philosophie nennt man dies Totschlagargument. Wozu noch einen Gedanken an mögliche Motive oder gar grundessenzielle Themen wie dem „Durchbrechen des Rades der Tyrannei“, von dem Daenerys mehrfach im Laufe der Staffeln sprach, und wie dieses erreicht werden könnte, nachdenken, wenn es doch so einfach ist: der Mann denkt, der Mann lenkt. Aber weitere Reflektionen würden natürlich ein weit höheres Maß an Anstrengung verlangen und vielleicht zu unbequemen Erkenntnissen führen, also hält man einem narrow mindset die Treue – die einfachen „Wahrheiten“ sind eben doch die schönsten und warum sich mit der Komplexität menschlichen Daseins beschäftigen?

Auf der oberflächlichen Ebene, und dies ist es, was so vielen Zuschauern nicht schmeckt, steht Daenerys als Massenmörderin dar. Sie erscheint aus dieser Perspektive jetzt nicht mehr „besser“ als so viele männliche Herrscher vor ihr in der Geschichte von Westeros. Darüber hinaus erscheint sie aus dieser Perspektive nicht mehr als role model für weibliche Herrscher oder politische Entscheidungsträgerinnen „in der wirklichen Welt“.

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass es im Feminismus nicht zuletzt darum geht menschlich besser zu sein als Männer, die, wenn man allein das 20. Jahrhundert in Betracht zieht, einiges dafür getan haben abgewatscht zu werden, was allerdings eine unfaire und gleichsam unethische Generalisierung wäre. Doch wenn es im Feminismus darum ginge den patriarchalischen und chauvinistischen Auswüchsen in unserer Welt etwas entgegenzusetzen, ja etwas anderes, besseres zu schaffen, dann verstehe ich diesen immer wiederkehrenden, überaus engen Vergleich mit den Männern nicht; schlimmer noch, ich verstehe diese beinahe fetischistische Orientierung an patriarchal-chauvinistischen Männern und den von ihnen geschaffenen Strukturen nicht.

Ist der Feminismus, der keine radikal neuen Strukturen schafft, überhaupt Feminismus? Es genügt nicht ein Geschlecht gegen ein anderes auszutauschen und dann zu erwarten, dass in der Folge automatisch alles besser ist, obwohl an den zugrundeliegenden (patriarchalischen, menschenverachtenden etc.) Strukturen nichts verändert wurde. Was diese Art Feminismus offenbar allzu oft will, ist es, aus Frauen bessere Männer zu machen. Es geht auch bei Daenerys nicht wirklich darum, dass sie eine Frau ist und bleibt. Gegen Frauen gerichtete, verachtenswerte Stereotype, wie der Unsinn vom „Prämenstruellen Syndrom“, unter welchem sie angeblich leiden würde, so wie Diskriminierungen und Diskreditierungen von Frauen im Allgemeinen, werden überkompensiert, indem man nicht die Frau als Frau in Szene setzt und wie sie als Frau eine neue Ordnung erschaffen könnte, sondern die Frau, wie sie schlichtweg den Mann ersetzt, indem sie sich als der bessere Mann erweist. Die alten, von Männern gemachten Strukturen werden auf diese Weise aber kaum, wenn überhaupt, überkommen. Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Strukturen, deren Spitze sich lediglich geschlechtlich verändert hätte, bloß verstetigen würden.

Muss sich der Leser des Artikels von Merve Kayikci, der durchaus zum Nachdenken anregt, mich zumindest zu diesen Zeilen, überhaupt noch wundern, dass die Autorin kein Wort über die bis in die fünfte Folge hinein amtierende Königin Cersei Lannister verliert? Gerade sie steht für nahezu all das, was das Feministenherz gemäß dieser Couleur begehrt. Cersei, die zweifellos von einem Mann gelernt hat, nämlich von ihrem Vater, ihre Mutter verlor sie bereits als Kind, hat jedoch ihren Vater und alle übrigen Männer bei weitem übertroffen. Sie hat aufmerksam von Männern gelernt, kennt die von Männern geschaffenen Strukturen der Macht und versteht es wie ein Mann zu herrschen, wenn es denn überhaupt so etwas gibt, wie eine maskuline Herrschaftsweise und -form, und nicht vielmehr eine machtorientierte menschliche Herrschaftsweise sowie -form.

Trotz oder gerade wegen ihrer Prägung hatte sie ihre sexuellen Gespiele oder „Sexsklaven“ – sie entscheidet, mit wem sie sexuelle Handlungen vollführt und geniert sich nicht, wenn alle wissen, dass sie eine inzestuöse Beziehung mit ihrem Bruder pflegt; sie hat es fertig gebracht einen frankensteinartigen, untoten Hünen von einem Krieger zu ihrem treuen Bodyguard zu machen; sie hat einen ruchlosen Gelehrten von unglaublicher kognitiver und perfider Qualität zu ihrer (rechten) Hand gemacht und sie hat den größten Freibeuter der Meere, der gleichermaßen gefährlich wie psychisch gestört ist, um den Finger gewickelt. Sie ist mit allen Wassern gewaschen, herrscht effizient und effektiv zu gleich und nach ihrer Pfeife tanzt eigentlich jeder in Westeros, egal ob Mann oder Frau. Wegen ihr geht Jon Snow mit seinem Himmelfahrtskommando in Staffel 7 hinter die Mauer um einen Weißen Wanderer gefangen zu nehmen – ein aus rationaler Perspektive durch und durch grenzdebiles Unterfangen; ihr frisst die erfolgreichste global agierende Bank aus der Hand; Menschen und ganze Herrscherhäuser sterben auf ihren Befehl hin, hängen folglich auf Gedeih und Verderb von ihr ab; (Söldner-)Armeen dienen ihr und letztlich diktiert sie, wann und wie Krieg geführt wird. Kein Charakter in Game of Thrones hat sich innerhalb des sozialen Netzes, das eines jeden Menschen Identität bestimmt, selbst Lebensregeln und -grenzen freier diktiert und diktieren können als Cersei. Sie diktiert genau genommen allen alles – ihr fehlen aus machtpolitischer Perspektive allein die Drachen ihrer Widersacherin Daenerys.

In Staffel 1 der Serie sagt Cersei voller Überzeugung, wissend, dass ihr schon damals kein Mann das Wasser reichen kann, zu Eddard Stark, der damaligen Hand des Königs: „When you play the game of thrones you win or you die. There’s no middle ground.“ (Sinngemäß: Wenn man das Spiel um die Macht spielt, gewinnt man oder man stirbt. Es gibt keinen Mittelweg.) Sie, die Frau, versteht nicht einfach nur die von Männern erschaffenen Machtstrukturen, sondern sie beherrscht das Spiel der Männer, mehr noch, sie diktiert den Männer fortan wie es gespielt wird.

Dass Kayikci Cersei nicht erwähnt, kann aber auch als Kritik am Charakter Cersei gewertet werden. Warum nun könnte Cersei doch aus einer angeblich feministischen Perspektive übergangen werden? Wahrscheinlich nur aus einem einzigen Grund: Sie war Mutter und weil sie – mehr als sich selbst – ihre Kinder liebte. Feminismus schmeckt leider allzu oft nach kinderverachtendem, lebensfeindlichem Vaginal-Egozentrismus, der den „Schwanz“ durch die „Möse“ ersetzen will. Ansonsten bleibt inhaltlich alles beim Alten; an den tatsächlichen strukturellen und gesamtgesellschaftlichen Problemen wird nichts geändert. Aus einer solchen feministischen Perspektive hatte Cersei eigentlich alles richtig gemacht. Sie war quasi der bessere Mann. Dumm nur, dass sie Kinder hatte und diese auch noch liebte, denn eigene Kinder disqualifizieren sie als role model eines lebensfeindlichen Feminismus – intellektuelle Influencerinnen eines, m. E. lebensfeindlichen Feminismus im 20. Jh. wie Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer hatten keine Kinder. Aber warum eigentlich? Warum disqualifizieren eigene Kinder in der Außendarstellung eine Frau als feministisches role model? Eben weil die Frau der bessere Mann zu sein hat. Und was können Männer nicht bekommen? Kinder!

In deutlicher Abgrenzung zu einem die patriarchalischen, lebensfeindlichen Machtstrukturen erhaltenden Feminismus, wünsche ich mir einen radikalen Feminismus – radikal ist aber immer nur die Liebe. Echte Liebe reduziert sich nicht auf das Selbst. Echte, nicht-solipsistische Liebe gibt vielmehr aus ihrer ganzen Fülle an alle anderen Menschen – hierin zeigt sich gleichsam ein verantwortungsvolles Einstehen für den Anderen. Kein Anderer kann aber einer Frau näher stehen als ein Kind, als das eigene Kind. Die Fähigkeit sich selbst annehmen und lieben zu können, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf das Kind, welches ein neuer, ein anderer Mensch ist, dem im Übrigen die Zukunft gehört, abfärben, und damit einen fundamentalen Beitrag leisten zu einer der Idee entsprechenden, rechtlich verfassten und sozio-ökonomisch gelebten Gleichheit in Freiheit – und zwar zum Wohle ausnahmslos aller Menschen. Was könnte feministischer sein als dies?

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