RELIGION vs. NATURWISSENSCHAFT?

Oder über die Verfehlung der Frage nach dem Sinn

In seinem letzten Werk Brief Answers to the Big Questions leitet der weltberühmte Physiker Stephen Hawking das Kapitel, welches sich der vielleicht größten Frage überhaupt widmet, nämlich der nach Gott, folgendermaßen ein:

„Science is increasingly answering questions that used to be the province of religion. Religion was an early attempt to answer the questions we all ask: why are we here, where did we come from? Long ago, the answer was almost always the same: gods made everything. The world was a scary place, so even people as tough as the Vikings believed in supernatural beings to make sense of natural phenomena like lightning, storms or eclipses. Nowadays, science provides better and more consistent answers, but people will always cling to religion, because it gives comfort, and they do not trust or understand science.“ (Hawking, Stephen 2018: Brief Answers to the Big Questions, London: John Murray Press, 25)

Verzeihen wir einmal Hawkings letzter Behauptung, nämlich dass Menschen immer an Religionen festhalten werden, und zwar weil sie entweder den Naturwissenschaften nicht vertrauen würden oder sie einfach nicht verstehen. Gutwillig gedeutet meint dies so viel wie: ‚der gemeine Mann, im Sinne von Mensch, ist ohnehin unverbesserlich‘, gewendet ins Böswillige bedeutet dies, dass die Masse unverbesserlich „plemplem“ ist.

Doch neben dieser Nettigkeit enthält die Aussage weit mehr. Denn Hawking behauptet nichts anderes, als dass Naturwissenschaft die Funktion der Religionen ersetzen würden, und damit nicht genug, dies sogar deutlich besser als diese zuvor. Fragen wie „Warum sind wir hier?, oder „Woher kommen wir?“, wären einst Gegenstand der Religionen gewesen – bei Hawking eigentümlich im Singular, ganz so als gäbe es nur eine einzige Religion oder als ob alle Religionen im Wesen eins sind, bei Hawking mutmaßlich ein modus vivendi des proto-aufgeklärten Anthropos –, sind nun aber, man fühlt in jeder Silbe ein implizites „endlich“, Gegenstand der Naturwissenschaft(en). Beide Fragen, dies sei nicht unterschlagen, würden von Seiten der Religion, vielleicht besser vom religiösen Geist, sprich dem Geist der Irrationalität mit „Götter haben alles erschaffen“ beantwortet. Um die Verkürzung, die nicht anders gefasst werden kann als Polemik zu verdeutlichen, muss man sich beide Fragen und die dazugehörige jeweils gleiche Antwort nur einmal konzentriert vorsprechen, gleich ob im Geiste oder laut. Frage 1: „Warum sind wir hier?“; Antwort: „Die Götter X, Y, Z haben / der Gott X hat alles erschaffen!“ Frage 2: „Woher kommen wir?“; Antwort: „Die Götter X, Y, Z haben / der Gott X hat alles erschaffen!“ Der proto-aufklärerische Mensch, getrieben von Neugier sowie Wissensdurst, konfrontiert Boddhisatvas, Buddhas, Gurus, Imame, Mullas, Orakel, Popen, Priester, Propheten und Rabbiner und in ihrer Souveränität von Amtswegen spielen sie die Ich-gewinne-immer-Karte: „Die Götter X, Y, Z haben / der Gott X hat alles erschaffen!“

Hawking beweist mit dieser eigentlich komischen Behauptung, wenn sie denn nicht – und davon darf ausgegangen werden – ernst gemeint wäre, nicht nur, dass er vollkommen unmusikalisch ist, was den Sinn von Religionen anbelangt, sondern ebenso, dass er Absicht oder wenn man so will, die Funktion von Religion nicht versteht. Dies wird umso frappierender deutlich, wenn er behauptet, dass die Vikinger an übernatürliche Wesen glauben würden „to make sense of natural phenomena“. Die Ironie der ganzen Geschichte liegt wohl darin begründet, dass die Deutung – und es ist kaum ermesslich wie viele Menschen ihr seit Äonen auf den Leim gehen – so nah an des Pudels Kern und gleichzeitig so falsch ist. Es ging niemals darum sich einen Reim aus Naturphänomen im Sinne einer proto-wissenschaftlichen Erklärung zu machen, sondern die wahre Bedeutung dieses Phänomens für das Kollektiv oder den Einzelnen, sprich für den real existierenden Menschen hier, in seinem sich Vorfinden in der Welt. Folglich geht es in „to make sense of natural phenomena“ nicht um Naturphänomen als solche: Nicht „natural phenomena“ ist der in Hawkings Satz entscheidende Term, sondern „sense“ – es geht um Sinn bzw. um den Sinn in den Dingen oder allgemeiner formuliert, um den Sinn der Dinge. Das Naturphänomen tritt auf, der Blitz erleuchtet den Himmel, setzt den Baum oder das Haus in Brand, erschlägt den Menschen. Aber es geht dem homo religiosus als solcher nicht um das Warum. Homo religiosus fragt nicht nach dem Warum im Sinne der Erklärung eines natürlich-kausalen Phänomens. Vielmehr fragt er nach der Bedeutung für sich – aus der Perspektive der ersten Person: für mich oder für uns. Wenn der Blitz am Himmel leuchtet, wenn er Baum oder Haus in Brand setzt, oder gar einen Menschen – gleich ob Freund oder Feind – erschlägt, dann muss dies etwas bedeuten, dann gibt es eine Sinndimension hinter dem Blitz. Der Blitz hat Bedeutung, er bedeutet, sein Erhellen, Entflammen und Erschlagen bedeuten. Ins Extrem gesteigert, sehen religiöse Menschen in jedem Aspekt ihrer Wirklichkeit einen Sinn – jede Wolke, jeder Grashalm, jede Geburt, jeder Tod, jedes Händewaschen, jeder Geschlechtsakt usw. bedeuten, haben Bedeutung für.

Menschen haben schon immer, auch der postmoderne, aufgeklärte und naturwissenschaftsaffine Mensch hat Sinn bzw. Sinndimensionen in seinem Leben. Unablässig hat etwas für uns Sinn oder aus dem, was geschah, ergibt sich einer für uns. Ein Mangel an Sinn lässt den Menschen krank werden. Der vollständige Verlust von Sinn, das buchstäblich sinnlose Leben, ist nicht Wert gelebt zu werden – Suizid seine fatale Konsequenz. Genuin menschliches Leben bedarf des Sinns, so wie atmen, essen, schlafen usw. zum Erhalt biologischen Lebens gehört.

Es ist ein schlechter Rat nach Sinn von Sein, der Sinnsuche im Allgemeinen in den Naturwissenschaften zu suchen, ebensowenig bei ingeniösen Koryphäen ihrer Zunft wie Stephen Hawking. Nicht etwa, weil sie keinen Sinn im Leben oder der Arbeit hätten, eine solche Aussage wäre unhaltbar – selbstverständlich kann der Naturwissenschaftler nach dem Sinn von etwas befragt werden, aber nicht in der Funktion und gemäß seiner Expertise als Naturwissenschaftler, sondern weil er seinem Wesen nach Mensch ist. In den Naturwissenschaften kommt die so menschliche Kategorie Sinn nicht vor – darf sie auch nicht! Der Naturwissenschaftler ist idealerweise ein Experte, wenn es um die Beschreibung von Naturphänomen geht. Wenn ich wissen will wie ein Blitz entsteht, was physikalisch im Moment seiner Bildung und Entladung geschieht, dann wende ich mich an einen Physiker. Wenn ich aber an der Bedeutung für uns, für mich interessiert bin, dann frage ich ihn, wenn überhaupt, in seinem Sein als Mensch, er ist auch Mensch. Und der konkrete Blitz, nicht das Naturphänomen Blitz in seiner wissenschaftlichen Verobjektivierung, wird auf seine Bedeutung für ihn hin befragt.

Diese Gedanken mit Blick auf die Historie zu Ende gedacht, sollte nicht wenigen die Schamesröte ins Gesicht treiben. Wie konnten die Menschen zulassen, dass besonders eifrige Anhänger eines seit dem 19. Jahrhundert gepflegten naturalistischen Weltbildes, zu Erklärern dieses so grundlegenden Pänomens menschlichen Lebens, nämlich Sinn, zu werden. Wer hat sie dazu ermächtigt? Sie sich selbst? Egal. Wir haben ihnen erlaubt sich zu Experten von Sinn zu stilisieren. Naturwissenschaftler beschreiben, dass nicht die Erde, sondern die Sonne sich im Zentrum unseres (Sonnen-)Systems befindet, unser Sonnensystem in einem vom Zentrum aus gesehen entfernten Seitenarm der Milchstraße und diese wiederum quasi randständig im Kosmos. Dies alles sind faktisch wahre Aussagen, aber mit diesen, die ihrem Wesen gemäß beschreibend sind, nämlich Natur beschreibend, endet die Kompetenz des Naturwissenschaftlers in seiner Funktion als solcher. Sinn kann er aus seiner Beobachtung und Beschreibung nur für sich als Mensch – ein Lebewesen, das nach Sinn fragt – ableiten,  modern gesprochen als Privatperson, nicht aber – und dies muss endlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit einsickern – in seiner Funktion als Naturwissenschaftler. Die Befreiung des Sinns aus der inakzeptablen naturwissenschaftlichen Umklammerung, befreit nicht allein den vor anmaßenden Übergriffen, es befreit auch die Naturwissenschaftler aus der unheiligen Position moderne Orakel zu sein.

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