GOTT SCHREIBT SICH DIE WELT – WIDDEWIDDE WIE SIE IHM GEFÄLLT. Comment ne pas parler, Abbitte und Game of Thrones als Schlüssel zur biblischen Schöpfungsgeschichte

Im Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde.

Und Gott sprach

Warum muss Gott sprechen? Was geschieht vor dem ersten Wort? Und vor dem ersten Wort geschieht immer etwas. In dem im Jahre 2007 von Joe Wright inszenierten Film Abbitte (engl. Atonement), der auf dem gleichnamigen Roman (2001) des britischen Schriftstellers Ian McEwan beruht, muss schon etwas passiert sein, denn Himmel und Erde sind bereits da. Auch Gott ist da. Es liegt nahe, dass Gott auch Himmel und Erde gemacht hat, aber mit Sicherheit kann dies der Zuschauer nicht wissen, denn er war nicht dabei und seit dem Moment, da er Zuschauer ist, ist bereits alles da. Und der Gott in Abbitte, der da ist, der wirklich anwesend ist, schreibt.

Gleich ob es die Himmel, sprich mehrere, wie in der hebräisch-biblischen Tradition sind oder doch nur einer, der Himmel gleicht dem Ideal eines Sommertages im England am Vorabend des die Welt in Finsternis stürzenden Krieges.

Der Zuschauer befindet sich im lichtdurchfluteten, luftig-hohen Zimmer eines dreizehnjährigen Mädchens namens Briony Tallis inmitten der 1930er Jahre. Die türkisfarbene Tapete ist der Horizont, die üppigen Blumenmuster auf dieser deuten eine reichhaltige Flora an. Die Erde ist ein kolorierter, ebenfalls von abstrakten Pflanzenmustern überzogener Teppich. Die Erde ist sicherlich vieles, aber nicht wüst noch leer. Alles wurde schon gemacht und wenn jemals etwas wüst und leer war, dann liegt dies weit in der Vergangenheit, in einer Zeit vor dem ersten Wort. Und Gott schreibt.

Und während Gott unablässig schreibt, zeigt sich auf dem Erdengrund ein Haus über dem sich der weite Himmel des Zimmers spannt. Dass Haus, eigentlich handelt es sich mehr um ein Schloss, kann als Symbol für eine erste Zivilisation, für eine geordnete Welt stehen, in der das Chaos der Kräfte Form annahm, Gase sich zu unzähligen Sternen verdichteten, ihr Sterben wiederum unzähligen Planeten zur Geburt verhalf und nun auf einem dieser Leben in Fülle wimmelte.

Von diesem Haus aus ziehen Tiere, manche majestätisch und in all ihrer Pracht, zumindest aber vielfältig in ihren Arten, stromlinienförmig vom Schloss davon in die weite Welt. Das Schloss in Brionys Zimmer ist die hochzivilisierte Form der Arche des Noah, jener biblischen Gestalt, die von Gott damit beauftragt wurde Tiere in einen hölzernen Kasten zu laden bevor alles Leben auf der Erde davon gespült werden würde. Nach Wochen ziellosen Treiben, strandet die Arche des Noah hoch oben auf einem Berg, nachdem die Flut abgeebbt war.

Warum ist die Welt von Wasser bedeckt? Warum wurden Tiere in einen Kasten geladen? Warum strandet der Kasten? Warum dürfen die Tiere und die wenigen auserwählten Menschen leben und aus der Arche heraus wieder auf festem Grund wandeln? Ich spiele nicht das Warum-Spiel, über das sich Spinoza im ersten Teil seines philosophischen Hauptwerkes Ethica so gekonnt amüsiert. Vielmehr sollen diese Fragen verdeutlichen, dass Kausalzusammenhänge immer auch darauf verweisen, dass schon immer etwas passiert ist und dass das, was ist, stets auf etwas zurückverweist, sprich Spur von etwas ist. Und so nimmt es nicht wunder, dass nun tatsächlich etwas vor der sogenannten Flut geschehen ist.

Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn – männlich und weiblich schuf er sie.

Der Mensch wurde zahlreich auf Erden; viele Töchter wurden ihm geboren und mit jeder Tochter wieder mehr Menschen. Die Menschentöchter wurden jedoch nicht allein von Männern des Menschengeschlechts begehrt, sondern ebenso von den Söhnen der Götter. Die weiblichen Nachkommen der Menschen und die der Götter kopulierten miteinander und es geschah, was geschehen musste: Die Menschentöchter gebaren den Göttersöhnen. Doch sie gebaren nicht gewöhnliche Menschen, sondern Helden, Männer, die einen Namen hatten – wohl die Art Mann, die zur Legende wurde, um die sich fürderhin Mythen entsponnen. Männer wie Gilgamesch – zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch. Zwischen den Töchtern des Menschengeschlechts und den Söhnen der Götter gibt es keine artbedingte Schranken. Aus einem sodomitischen Akt, wie der Insemination eines Schimpansen durch einen Menschen oder umgekehrt, entsteht kein neues Leben. Es gibt keine aus einem Sexualakt hervorgehenden Affenmenschen, ganz gleich ob Mensch und Affe in ferner Vergangenheit einen gemeinsamen Vorfahren hatten oder nicht. Der Bruch zwischen Mensch und Tier ist irreversibel. Die Lebewesen sind geschaffen gemäß göttlicher Ordnung, und paaren sich nach göttlicher Ordnung. Wider dieser Ordnung gibt es kein Leben und es kann auch keines geben.

Doch nun ließ ganz offenbar die göttliche Ordnung die Kopulation der Abkömmlinge von Menschen und Göttlichen zu. Da die göttliche Ordnung keine absolute Freiheit kennt, was die Kopulation von Lebewesen anbelangt, darf wohl mit Recht behauptet werden, dass Gott ursprünglich nichts gegen die Verbindung von Menschenkindern und Götterkindern einzuwenden hatte, zumindest insofern die göttliche Ordnung nicht einem Schweizer Käse gleich für löchrig erachtet werden soll. Wir wissen nicht, was sich Gott gedacht haben mag als er diese Option ermöglicht hatte und ob er überhaupt dachte, wissen wir ebensowenig. Wir wissen lediglich, dass etwas geschehen sein musste, was ihn verdrießlich stimmte und zwar sehr.

Und Gott sah, dass die Boshaftigkeit des Menschen groß war und alles was sein Herz ersonn’ nur allezeit böse war.

Da wurde Gott des Menschen überdrüssig und fasste den Plan diesen vom Antlitz der Erde zu tilgen, samt allen Tieren, ausgenommen der Tiere, die Noah, der Auserwählte Gottes nicht auf seinen hölzernen Kasten brachte.

Brionys Arche. Mit festem Grund unter den Füßen, ziehen Dutzende Tiere und einige wenige Menschenkinder aus dem Schloss in die Welt. Der Weg des überlebten Lebens ist kein wahlloser, vor allem aber kein zielloser. Sie ziehen in Richtung desjenigen, der sie erschuf – Gott. Und Gott schreibt – Gott schreibt unablässig. Und da, der Zuschauer stiert noch gebannt auf die teils winzigen Figuren, erscheint für einen Augenblick Gott. Auf seinem gewaltigen himmlischen Thron sitzend, bäumt sich Gott mit dem Rücken zur eigenen Schöpfung gewandt auf. Moses hatte sein Angesicht vor Gott versteckt, was nichts anderes meint, als dass er es nicht wagte face à face vor Gott zu treten und mit seinem vor Gott entblößten Gesicht Konversation zu halten – niemand hat Gott je gesehen, heißt es im Neuen Testament. Vom Gott in Abbitte wird vorerst bis auf das blonde Haar und einen entblößten Nacken auch nichts weiter gesehen. Gott sitzt hoch erhaben über seiner Schöpfung und schreibt. Gott ist nicht einfach nur groß verglichen mit seiner prächtigen Schöpfung. Gott ist größer, wie es in der islamischen Tradition heißt. Und jenseits der übergroßen Erscheinung Gottes, deutet sich eine Größe an, die sich gleichsam entzieht, sobald sich der Mensch Gottes habhaft zu machen versucht. Und Gott schreibt weiter.

Und in der Bibel? Nein, Gott schreibt nicht, aber er spricht. Wa-jōmer Elohīm – „und Gott sprach“ oder „und Gott spricht“. Eigentlich spricht Gott in der Bibel immerzu. (Und mal ganz unter uns: Dafür, dass Gott in der heiligen Schrift von Juden und Christen so eine Labertasche ist, schweigt er sich in unserer Welt doch ganz schön aus.) Nur warum spricht er so viel? Diese Frage, auf die es sicherlich vielfältige Antwortmöglichkeiten gibt, treibt mich bereits seit einiger Zeit um, aber eine wirklich befriedigende Antwort entzog sich mir bisher. Zumindest bis vor kurzem, denn da stieß ich wieder auf einen famosen Text aus meinen Studententagen. In Comment ne pas parler – zu Deutsch „Wie nicht sprechen“ – äußert Jacques Derrida allerhand interessante Ideen. Eine von diesen hat es mir jedoch ganz besonders angetan. Derrida schreibt, „sprechen um zu sprechen, die Erfahrung dessen machen, was dem Sprechen durch das Sprechen selbst geschieht, in der Spur einer Art Quasi-Tautologie, das ist etwas ganz anderes als ohne Nutzen zu sprechen und mit dem Ziel, nichts zu sagen. Vielleicht ist das nichts anderes als die Erfahrung zu machen einer Möglichkeit des Sprechens…“

Sie ahnen sicherlich schon worauf ich hinaus will. Was, wenn Gott nur spricht um zu sprechen? Genauer noch, was wenn Gott spricht, um die Erfahrung des Sprechens zu machen? Wenn dem so wäre, dann ginge es nicht mehr darum was Gott spricht, sondern darum, dass er spricht. Nicht zu letzt ginge es dann auch um das Was, das Wesen seines Sprechens. Aber vor allem Fragen geht es um das Das. Und Gott spricht, weil er nicht nicht sprechen kann.

Briony, der Gott oder die Göttin in Abbitte, schreibt. Während sie schreibt, macht sie die Erfahrung des Schreibens. Sicherlich, Briony schreibt eine Geschichte. Diese hat einen Anfang, alles hat bekanntlich einen und vor dem Anfang war, wie bereits eingangs konstatiert, schon etwas – vor dem Anfang ist immer schon etwas. Und Brionys Geschichte hat ein Ende. Es ist ein Stück, ein Spiel, dass Briony schreibt, während das Leben von ihr geschaffen und von ihr vollkommen unbeachtet sich in die Welt ergießt. Gott schreibt während die Welt weltet. Wir wissen nicht genau was sie schreibt bzw. worüber sie schreibt, nur dass sie schreibt und das ihr Geschriebenes eine Handlung hat, eingebettet in einen Anfang und ein Ende. Fiktive Geschichten mögen auf die eine oder andere Weise unterhaltsam sein, sie mögen auch, zumindest temporär, ein Hort der Zuflucht von der Welt, wie sie mit ihren Irrungen und Wirrungen funktioniert, sein. Doch sie werden die Welt niemals ersetzen können. Die fiktiven Welten in den fiktiven Geschichten sind stets Welten von der realen Welt und ihres Schöpfers Gnaden – sie haben keinen Bestand für sich.

Doch Briony ist Teil der Welt, die sie erschuf. Mehr noch, sie ist nicht zu letzt auch Protagonist der Welt. Sie partizipiert an der Welt, wirkt und waltet in der Welt. Sie ist sowohl Subjekt als auch Objekt der Welt und der übrigen Protagonisten dieser. Folglich ist sie über die Welt erhaben und sogleich sich in diese eingliedernd. Sie ist immer auch von der Welt betroffen, von dieser ebenso abhängig wie die Welt von ihr. Zu schaffen, schöpferisch tätig zu sein, bedeutet immer auch ein Verhältnis einzugehen. Und ein Verhältnis einzugehen bedeutet, sich mit demjenigen zu verstricken, zu dem das Verhältnis besteht.

Der Gott der Bibel spricht. Sprechen bedeutet laut Derrida „die Erfahrung dessen machen, was dem Sprechen durch das Sprechen selbst geschieht“. Der Gott in Abbitte schreibt. Die eigentliche Tragödie, die Abbitte zu einer werden lässt, muss hier nicht aufgerollt werden. Das Ziel des Ganzen ist bereits vor seinem ersten Akt dem Titel der Tragödie selbst eingeschrieben: Abbitte. Dieses aus der Mode gekommene Wort ist der Versuch das englische Original einzufangen, nämlich „atonement“, was für gewöhnlich mit „Versöhnung“ übersetzt wird, dem Begriff nach jedoch zu-eins-sein bedeutet. „Atonement“ meint folglich das, was passiert ist, wenn man dasjenige, was einen trennte überwunden hat und nun wieder zusammen ist, quasi nun wieder nicht nur eins sein kann, sondern auch eins ist – und dies ist es, was Versöhnung im Deutschen meint.

Der Gott in Abbitte schreibt, Briony schreibt. Die Tragödie lässt sich nicht aus der Welt schaffen, sie ist irreversibel. Was geschehen ist, ist geschehen, ist in die Welt eingeschrieben und in all jene, die betroffen sind – dies schließt Briony ein. Gott ist betroffen von dem, was geschieht. Die Dinge gehen nicht spurlos an Gott vorbei. Hier stellt sich folglich nicht die Frage ob Gott allmächtig ist oder nicht, ob er die Vergangenheit rückgängig machen kann oder nicht. Die Allmacht Gottes ist nicht die Frage der Bibel und ebensowenig in Abbitte, sondern die der Philosophen – vielleicht aus der Hybris des die Welt umdenkenden Menschen geboren, vielleicht aus der Realisation der Unerträglichkeit des eigenen, begrenzten Seins.

Wenn nun aber Gott das Geschehene nicht rückgängig machen kann, nicht weil er nicht will, nicht weil er sich sträubt, nicht weil er stur an seinen Entscheidungen festhält, sondern weil das Geschehene irreversibel ist – sich darin übrigens, sprich in der Kostbarkeit eines jeden Moments – nicht zuletzt die Dignität des menschlichen Daseins ausdrückt, dann bekommt das Schreiben Gottes in Abbitte, wie auch das Sprechen Gottes in der Bibel einen Sinn, den es meines Erachtens zu bedenken gilt; ein Sinn, der vielleicht noch überhaupt nicht bedacht wurde.

In Abbitte, dies sei nochmals in aller Deutlichkeit betont, geht es um Versöhnung. Doch Gott kann sich nicht mehr versöhnen. Die beiden geliebten Menschen sind nicht mehr. Wenn nun also Gott schreibt, unablässig weiterschreibt, dann vielleicht um die Erfahrung dessen zu machen, was durch die Tätigkeit selbst geschieht – übrigens eine nicht wahllose Tätigkeit mit nicht wahllosem Inhalt. Gleich einem performativen Sprechakt, indem gleichsam das getan, was gesagt wird, wird die Tat, ja wird der Effekt der Tat bewiesen durch die Vollführung der erst nur angekündigte Tat selbst. In performativen Sprechakten realisiert sich also das Gesagte während es gesagt wird, in seinem Gesagt-Werden. „Ich vergebe Dir!“, oder: „Dir wurde (durch mich, i. e. ein (beliebiges) Subjekt) vergeben!“ Im performativen Sprechakt „Ich vergebe Dir!“ geschieht mit den artikulierten Worten gleichsam das, was gesagt wird, nämlich die vom Subjekt dem Objekt gewährte Vergebung.

In der jüngst veröffentlichten zweiten Folge der achten Staffel der weltweit erfolgreichen Kultserie Game of Thrones geschieht etwas vergleichbares. Am Abend vor der großen Schlacht zwischen der menschlichen Allianz und den wiedererwachten Toten. Es soll etwas bis dato unerhörtes geschehen, eine Frau, Lady Brienne von Tarth, soll verdientermaßen zum Ritter, zur Ritterin, geschlagen werden. Jaime Lannister, einstiger Königsmörder, einstiger Gardist der Wache des nachfolgenden Königs, Erzeuger wiederum dessen Nachfolgers und einstiger Geliebter der aktuellen Königin, weist darauf hin, dass es zum Ritterschlag nicht etwa eines Königs oder einer Königin bedarf, sondern schlicht eines Ritters. Um dies, was er gerade zur Verblüffung aller Anwesenden als Factum deklarierte zu beweisen, meint er lediglich: „I’ll prove it!“, „ich werde es beweisen“. Jaime Lannister holt weder einen Schmierzettel hervor noch einen Folianten aus der in der nähe gelegen Bibliothek, die seine – alle übrigen Anwesenden zum Schweigen veranlassende – Behauptung beweisen würden. Nein, Jaime Lannister, beweist nicht durch das Hervorbringen niedergeschriebener, externer Quellen, sondern er beweist durch die Vollführung dessen, was er zuvor behauptet hat. Wahrheit, das Wahre, realisiert sich, wird Factum, wird wahres Factum im Moment seiner Vollführung, gleich ob es nicht geschehen könnte, wenn es nicht vollführbar ist. Doch es ist vollführbar. Jaime Lannister schlägt vor allen anwesenden Würdenträgern Brienne von Tarth zur Ritterin, zum Ser – niemand schreitet ein, kein Mensch, kein König, keine Königin, kein Gott, weder der Herr des Lichts, noch der Many-faced God, der Gott des Todes. Das, was gesagt wurde, das, was gesagt wird, realisiert sich, wird Factum, wird was es war, nämlich Wahrheit, wird wahres Factum.

Wie also kann sich Gott nun aber mit dem Irreversiblen versöhnen? Vielleicht indem er während er davon schreibt, im Akt des Schreibens selbst, für sich realisiert, ja er selbst das erlebt, quasi ihm das geschieht, was er schreibt – Abbitte.

ENTSCHEIDUNGEN À LA „ROT“ UND „BLAU“

Kennen Sie die „Entscheidungsszene“ im spätneunzigerjahre Kultfilm Matrix? Im Zentrum stehen zwei Männer mittleren Alters und zwei bunte Kapseln. Der Ältere von beiden heißt Morpheus, eine tendenziell dubiose Gestalt, die sich vor allem durch ein über die Maßen exzentrisches Äußeres, eine verklausulierte Sprache, einen unablässigen Fokus auf die Endzeit auszeichnet, die für die Menschen noch düsterer ausfallen wird als das gegenwärtige, bereits trostlose Leben und sich auf der Suche nach dem Erlöser befindet. Kommt Ihnen das bekannt vor, da ist einer, der in merkwürdiger Erscheinung auftretend, von der Endzeit faselt und den Erlöser in Empfang nehmen will? Ganz genau, bei Morpheus handelt es sich quasi um den biblischen Täufer Johannes des Sci-Fi-Popevangeliums. Er ist sozusagen die „Stimme eines Rufers in der (digitalen) Wüste“.

Der jüngere der beiden heißt Thomas A. Anderson. Was die beiden Männer verbindet ist ihre gegenseitige Suche. Auch das kennen wir aus der Bibel, denn nicht allein Johannes ist in Erwartung, quasi auf der Suche nach dem Erlöser, sondern auch Jesus – den Titel Christus, sprich Messias, muss er sich erst noch verdienen – ist auf der Suche nach Johannes. Aus nicht wirklich klar ersichtlichen Gründen, suchen diese beiden Männer einander, von denen aufgrund kultureller Gepflogenheiten in diesem Alter bereits die erfolgte Eheschließung mit einer Frau zu erwarten gewesen wäre.

Trotz gegenseitiger Suche, scheint die Rollenverteilung klar: Morpheus stellt den Messias in Spe Thomas A. Anderson, besser bekannt unter dem Pseudonym Neo, vor die Wahl. Der Täufer Morpheus offeriert dem Messias Neo zwei Kapseln, eine rote und eine blaue. Beide Kapseln stehen für eine bestimmte Realität. Im Film Matrix steht die blaue Kapsel für die Welt, wie sie „Mr. Anderson“ (Neo) kennt, eine Welt die ihrem äußeren Schein gemäß der Welt am Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts gleicht. Die rote Kapsel steht hingegen für die sogenannte „real world“, die wirkliche Welt. Die „wirkliche Welt“ im Film ist eine post-apokalyptische Welt. Die Erdoberfläche ist staubig-trocken und von gigantischen Stahlbetonruinen überzogen – oder anders ausgedrückt: die Erde ist unbewohnbar, wüst und quasi leer. Von all dem weiß Neo allerdings noch nichts. Doch das scheint dem auf Erlösung erpichten Morpheus auch egal zu sein. Was zählt, ist allein die Wahl der Kapsel.

Und welche Kapsel nimmt Neo? Natürlich die rote! Andernfalls hätte der Film auch ein jähes Ende genommen – an „Sequels“ wäre gar nicht erst zu denken, vielleicht eine Wohltat für so manchen, die Fortsetzungen Reloaded und Revolutions hassenden Fanboy. Selbstverständlich lässt sich ein Blockbuster auch nicht in 15 Minuten erzählen. Hinzukommt, dass eine in ein signalfarbenes Gewand gekleidete Kapsel, wie die rote, einfach unwiderstehlich aussieht. Zwei weiße Kapseln, das wäre fair.

Wenn man es genau bedenkt, kann wirklich nicht behauptet werden, dass sich Neo aufgrund der abverlangten Entscheidung einen Zacken aus der Krone brechen musste. Und wenn Neo der Messias ist, war die Wahl dann nicht schon lange entschieden? Hat der vom Schicksal Erwählte überhaupt eine Wahl? Was spielt also noch in seine Entscheidungsfindung oder die für ihn getroffene Wahl hinein?

Zurück in die Zukunft der Neunziger. Wohl von der Bibel inspiriert, steht auch am Anfang der Sci-Fi-Odyssee der damals noch als Wachowski-Brüder bekannten Macher eine Frau – heute spricht man genderkorrekt von Wachowski-Geschwistern. In der Narrative ist es eine schicksalhafte Fügung – gerade an das Schicksal mag der auserwählte Held der Geschichte zumindest zu Beginn noch nicht so recht glauben –, die Mann und Frau zusammenführt. Dass die Entscheidung eines Mannes von der Entscheidung einer Frau abhängt, behaupten schon die Autoren der biblischen Paradiesgeschichte – es war bekanntlich Eva, die Kontakt zu zur Sünde verleitenden Schlange unterhielt und ihrem Manne Adam, dem prototypischen Menschen, von der vermutlich schmackhaft aussehenden Frucht zu naschen gab.

Am Anfang ist die Frau und nichts war wüst und leer. Der Name der Frau, und hier beschreiten die Schöpfer der „Matrix“ einen eigenen Weg, lautet nicht Eva sondern Trinity. Dieser Name ist keineswegs weniger bedeutungsschwer als Eva, die Leben Gebende, denn kaum bezweifelbar spielen die Wachowski-Geschwister entweder auf die heilige Dreifaltigkeit der Christenheit an, ein im 4. Jahrhundert entwickeltes Dogma, oder auf den ersten Kernwaffentest der Welt, ausgeführt von den Vereinigten Staaten von Amerika im Sommer 1945. Die Frau, Trinity, ist also entweder die Wachowskische Interpretation einer Einheit, die klassisch in Gott-Vater, -Sohn und -Heiliger Geist unterschieden wird und folglich als deren Interpretation des Göttlich-Weiblichen begriffen werden müsste – die Vagina als Pfad zur Transzendenz. Oder die Frau ist schon immer, zumindest in der „Matrix“ Anfang vom Ende, eine alles vernichtende Gewalt der Auslöschung von dem, was auf der Erde kreucht und fleucht, sowie im Himmel ist und unter der Erde im Wasser.

Für die, die es nicht wissen, Trinity ist die die Matrix hackende Femme fatal, quasi die Eva der Geschichte, ganz und gar in schwarz gekleidet – so etwas denken sich nur 90er Jahre Nerds aus –, die schon weiß, was der Mann noch nicht weiß, nämlich das sie für einander bestimmt sind – das volle Programm –, allerdings folgen Händchenhalten, Kuscheln und der obligatorische Filmsex, viel Schweiß, schweres Atmen und Gestöhne, erst in der Fortsetzung. Trinity schafft es Neo mit ihren ruhigen, bedachten, aber doch energischen Worten, gewürzt mit einer Prise Laszivität, und ihrem perfekten Wimpernschlag davon zu überzeugen, dass irgendetwas mit seiner Welt nicht stimmt. Und natürlich muss das so sein, wenn es diese sanft-kühle Schönheit behauptet. Wenn etwas nicht zu stimmen hat, dann stimmt es eben nicht. Punkt. (Das ist Wahrheit jenseits alternativer Fakten.)

Aber halt! Bis auf den bereits leicht erregten Nerd, müssten hier zumindest all diejenigen Zuschauer kritisch einhaken, die sich noch nicht völlig von Trinitys bloßem Auftreten einlullen ließen. Denn eigentlich stimmte doch alles mit der Welt im Allgemeinen und mit seinem Leben im Besonderen. Neo hatte ein Dach über dem Kopf, einen gut bezahlten, sicheren Job als Programmierer in einer großen und angesehenen Firma. Tatsächlich aber stimmt rückblickend mit seiner Welt eben doch nur dann alles, wenn man einmal davon absieht, dass er in seiner offensichtlich zu üppigen Freizeit staatliche Institutionen „hackte“, sprich Straftaten beging, und die gestohlenen Daten auch noch an dubiose Gestalten auf Meskalin verkaufte – Neo, der Robin Hood der Datenwelt, beklaut die Reichen und schenkt es den psychedelisch Abgefuckten. Na ja, es ist eben noch kein Messias vom Himmel gefallen und ein langer, gut sechseinhalbstündiger Kinofilmweg zum Erlöserdasein, soviel steht fest.

Aber erinnern sie sich noch an Adam und Eva? Das lief vermutlich genauso. Er, von Gott in einen mutmaßlich wunderschönen Garten inmitten einer Steppe verpflanzt, führt das glückliche Leben eines kindlich-naiven Müßiggängers, der eigentlich nur ein Verbot kennt, nämlich nicht die Frucht eines bestimmten Baumes zu verzehren. Und dann kommt die noch-nicht-Angebetete und erklärt ihm, dass etwas mit seiner Gartenwelt nicht stimmt und er deshalb nun eine Entscheidung treffen müsse, nämlich entweder die (vermutlich) „rote“ Frucht zu essen oder aber weiter verträumt in den „blauen“ Himmel zu blicken.

Das Ergebnis ist wohlbekannt. Der Kerl schluckt die Frucht, quasi die „rote Kapsel“ der Bibel, und voilà: „welcome to the real world“, um es mit den Worten des Täufers Morpheus zu sagen. Die wirkliche Welt des Adam, sprich die Zeit nach dem müßiggängerischen Gartenleben, war die einer staubigen Wüste, heiß und trocken. Die wirkliche Welt Neos, also die Zeit nach dem müßiggängerischen Großstadtjunggesellenlebens, war die eines rostig-feuchten Gefängnisses aus Stahl, kalt und öde.

Ecce homo seht den Menschen! Seht, wie er da steht und fortan Disteln kaut oder auf der Nebukadnezer, dem Schiff des Morpheus, wässrigen Haferschleim herunterwürgt, der nach Aussage eines Crewmitglieds nichts weiter ist als „eine Schüssel voll Rotz“. Ob sich Adam je wünschte in den Garten inmitten der Ödnis zurückkehren zu dürfen? Und Neo? Wir wissen es nicht! Aber Cypher, die schurkische Kreation der Gott spielenden Wachowski-Geschwister, reut es bekanntlich sehr dieses Paradies namens Matrix verlassen zu haben, versucht sich seine Rückfahrkarte ins Paradies mit Verrat zu erschleichen und wird fortan keine Missetat scheuen um sich den Weg dorthin zu bahnen. Doch wie einst Adam und dessen Nachkommen durch Engel mit flammender Klinge vom Wiedereintritt ins Paradies gehindert werden, bleibt auch Cypher aufgrund eines ihn röstenden Blitzstrahlers der Weg zurück ins digitale Paradies namens Matrix verwehrt.

Das Schicksal ist eine Einbahnstraße – einmal beschritten, gibt es keinen Weg mehr zurück. Im Falle der Bibel und dem Sci-Fi-Epos Matrix beginnt das Schicksal mit einer Frau, einem unwiderstehlichen Angebot und der Illusion der Freiheit.

Und beim nächsten Mal, bei der nächsten – unerwartet unterbreiteten –Wahl? Lassen Sie sich besser nicht an der Nase herumführen und nehmen noch vor der (Schein-)Wahl gleich die Rote! Bis dahin sollten sie den „blauen“ Himmel im Paradies genießen – die Realität kann warten.

DEN ERLÖSER TÖTEN? UNBEDINGT! – Ein unorthodoxer Zugang zum Leiden Jesu und Frodo Beutlins

Am Anfang des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung hat das Imperium Romanum eine bereits kaum vorstellbare Ausdehnung. Es reicht vom nordwestlichen Zipfel der iberischen Halbinsel bis nach Zentralanatolien, von der Bretagne über die Normandie, die Alpenregion, den Balkan, das heutige Griechenland, und natürlich die Apenninen-Halbinsel, sowie weite Teile Nordafrikas bis nach Oberägypten, den Nil entlang. Außerdem hat Rom die Herrschaft – direkt oder via Vasallenkönige – über die Levante, sprich Westsyrien, den Libanon, sowie über die Provinzen Judäa und Samaria, in etwa das Territorium des heutigen Israel und Palästina.

Im Gegensatz zu Rom, dem Juwel des Reiches und inmitten dessen gelegen, befanden sich die Provinzen Judäa und Samaria in der buchstäblichen Peripherie des Reiches. Judäa und Samaria waren weder reich noch auch nur im Ansatz landwirtschaftlich einem Ägypten jener Zeit vergleichbar. Die Kargheit des Landes spiegelt seine Bedeutung wider. Aus römischer Perspektive gab es dort nicht viel mehr als unzivilisierte Volksgruppen, die sich nicht an die „Spielregeln“ hielten. Weder ein neuer Kaiser und noch viel weniger ein neuer Soter bzw. Salvator, sprich ein gottgleicher Retter, könnte dieser Region gemäß der vorherrschenden Eliten erstehen. Der erwählte Mensch wurde in Rom zum Gott gemacht. Eine gottgleiche Verehrung konnte dem Kaiser noch zu Lebzeiten widerfahren, wahrscheinlicher jedoch nach seinem Ableben. Der zum Gott avancierte Mensch wurde nach seinem irdischen Dasein quasi in einen Tempel verfrachtet, und ob er nun wollte oder nicht, dort verehrt.

Nach christlicher Vorstellung stammt bekanntlich der hebräische bzw. israelitische Handwerker Jesus, der nicht nur als Mensch, sondern auch als Inkarnation Gottes auf Erden verehrt wird, aus der Peripherie des Römischen Reiches, nämlich aus Galiläa. Die Geschichte und Bedeutung Jesu für das orientalische, orthodoxe sowie abendländische Christentum sind so weitläufig bekannt, dass es hier keiner näheren Ausführung bedarf. Dass allerdings von Seiten der Israeliten sowie der ersten Christen das Kommen des tatsächlichen Retters nun gerade nicht aus dem Caput Mundi, sprich Rom, sondern aus einem verhältnismäßig kleinen Gebiet in der Peripherie behauptet wurde, durfte aus römischer Perspektive wohl als Affront begriffen werden.

Wie dem auch sei, aus jüdisch-christlicher Perspektive hat der Retter aus Judäa, genau genommen aus Bethlehem, zu stammen. Es nimmt daher nicht wunder, dass der Katholik J.R.R. Tolkien, der Autor des Epos Der Herr der Ringe, seinen Weltenretter Frodo in die Peripherie von Mittelerde – Tolkiens fiktiver Welt – verpflanzt. Da allerdings Frodo weder etwas von der Welt begreift, die so viel größer und für ihn wohl auch mysteriöser ist als das heimische Auenland, fragt er den nicht selten bekifften Zauberer Gandalf: „Was tut sich draußen in der Welt? Du musst mir alles erzählen!“ Dieser offensichtlich aufgrund der Frage verdutzt, vielleicht auch gerade aus einem Delirium erwachend, antwortet ein wenig verklausuliert: „Tja, was soll ich dir erzählen? Das Leben in der weiten Welt verläuft genauso wie im vergangenen Zeitalter – ein ständiges Kommen und Gehen.“ So oder so ähnlich wird auch das weitläufige Reich mit seiner antiken Megacity Rom auf die Provinzbewohner Judäas und Samarias gewirkt haben – alles geht irgendwie zyklisch von statten, Senatoren und Feldherren, Könige und Kaiser kommen und gehen, die Menschen sind geschäftig, gleich ob merkantil oder bäuerlich. Die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Anders als Judäa und Samaria zu den Lebenszeiten Jesu, ist das Auenland ein friedliches, geradezu verträumtes Fleckchen Erde, reich an einfältigen Einwohnern und grünen, fruchtbaren Auen – ein kleines Paradies in Mittelerde. Doch aus welchem Grund auch immer, ist die Sünde niemals ganz fern, ganz egal wie friedlich und verträumt das Örtchen auch ist – so auch nicht fern vom Auenland. Das ganze Auenland hat sich in Beutelsend zur Feier des Tages, Bilbo Beutlin, der Onkel Frodos, feiert seinen „einhundertelfzigsten“ Geburtstag, versammelt. Während Gandalf die Gäste mit seinem exquisiten Feuerwerk bespaßt, haben die naseweisen Hobbits Meriadoc Brandybock und Peregrin Tuk einen Plan von nicht gerade teuflischer, doch aber unverfrorener Art ersonnen und sind im Begriff diesen zur Vollendung zu führen. Meriadoc hilft seinem Freund auf Gandalfs mit Feuerwerkskörpern schwer beladene Kutsche und Peregrin ergattert die größte Rakete von allen – selbstverständlich nicht um sie zu bewundern. Wie das Schicksal so will, zumindest wenn es aus der Feder eines Bibelkenners stammt, beginnt die Sünde – auch die allerkleinste – mit dem Biss in eine Frucht, einen Apfel. Einmal von der süßen Frucht genascht, steht nun nichts mehr zwischen den beiden Sündern und ihrer antizipierten Tat. Sie wussten was sie tun würden, ob nun schon Tage oder nur Augenblicke voraus und sie taten es. Die Sünde war in der Welt – auch im Auenland. Allerdings bereits schon vor dem Schabernack Meriadocs und Peregrins, sogar bereits vor deren Geburt. Die Schlange war bekanntlich auch schon im Garten vor der Frau des ersten Menschen namens Eva. Und es war die Schlange, die Eva dazu animierte die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu nehmen, selbst davon zu essen und ihrem Manne davon zu essen zu geben. Die Sünde in Form einer zum Ring geformten Schlange war schon im Auenland, diesem kleinen Paradies auf Erden, lange vor der Jungendsünde dieser beiden naseweisen Hobbits.

Wie nun aber wird man das Böse – einmal in der Welt – wieder los und warum muss dafür eigentlich jemand leiden und sterben oder leiden und beinahe sterben, insofern ein anderer tatsächlich, quasi stellvertretend, stirbt? Davon wird die folgende Ausführung handeln.

Der Weg, der hinter Frodo und seinem sich sorgenden und unermüdlich die Treue haltenden Jünger Samweis Gamdschie liegt, war bereits beschwerlich und es ist keinerlei Besserung in Sicht. Die übrige Jüngerschaft hat den Erlöser Mittelerdes bereits, aber ungewollt verlassen und so sind die beiden Hobbits auf sich selbst gestellt – zumindest fast. Denn mit ihnen reist der wenig ansehnliche Golum, den sie kurzerhand, nicht ganz einstimmig, zu ihrem Fremdenführer befördern. Eine Stimme für Golum, eine gegen ihn. Aber wer kann einem Erlöser mit Kulleraugen schon einen Wunsch abschlagen? Im Falle von Jesu Jüngerkreis tanzte bekanntlich auch nur einer aus zwölf, sprich 8,33 Prozent, aus der Reihe.

Irgendwo in der Wildnis. Samweis offeriert dem sichtlich gezeichneten Frodo dessen Last zu tragen, zumindest für eine Weile. Gleich den Jüngern Jesu, die auf dessen Frage „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“, von beeindruckender Selbstsicherheit getragen, vielleicht auch von gehörigen Überheblichkeit, einmütig antworten: „Wir können es“ (Mt 20,22). In der Tat werden sie den Kelch Jesu trinken, wie er ihnen zu verstehen gibt. Aber sie werden diesen Kelch (der Pein und Erlösung) erst in zukünftiger Zeit zu sich nehmen müssen – nicht zu Lebzeiten ihres Erlösers.

Folglich kann auch nur derjenige wissen wie es ist „das Kreuz“ zu tragen, das Böse in der Welt in all seiner Abgründigkeit auszuhalten, der es allein durch das Abyss getragen oder dies wenigstens versucht hat. Deshalb kann Samweis in Golum, dieser verwahrlosten und schizophrenen Kreatur, die einem Hobbit einst sehr ähnlich war und auf den Namen Sméagol hörte, auch nie mehr als den Schurken sehen, in dem „nichts als Lüge und Verrat“ sei. Beim Blicken auf Golum, vernimmt Samweis nur das in Persona manifestierte Böse und scheut, ja fürchtet sich in gewisser Weise davor – verstehen tut er das Böse jedoch nicht. Und eben weil Samweis das Böse nicht versteht, versteht er Golum nicht, vermag auch nicht den personalen Kern oder den Überrest von Sméagol zu erblicken und ist somit auch außer Stande seinen Herrn, Frodo, und dessen barmherzige Beweggründe Golum bzw. Sméagol zu helfen, Beweggründe, die, und dies sei noch einmal ausdrücklich betont, aus reinem Mitleid erwuchsen, zu begreifen. „Der Ring ist mir anvertraut worden. Das ist meine Aufgabe, meine allein!“, herrscht Frodo seinen Jünger Samweis an. Doch dieser vermag auf Frodos plötzlichen Ausbruch mit nichts zu reagieren als dem sich auf seinem speckigen Gesicht deutlich abzeichnenden nackten Entsetzen. Ohne Sinn und Geschmack für das Wesen des Bösen, seine das Herz zersetzende und den Verstand korrumpierende Macht, wird man Frodos harsche Reaktion auf Samweis (ignorante) Verhaltensweise als einen Anflug cholerischen Temperaments abtun. Samweis würde wohl in seiner aus Ignoranz geborenen überheblichen Manier, den Jüngern Jesu gleich, „Ich kann es!“, rufen, wenn ihm die Bürde Frodos, nämlich das (materialisierte) Böse in der Welt zu tragen, offeriert werden würde.

Anders als Samweis, kennt Frodo, auf dem ganz allein das Böse der Welt lastet, komprimiert auf einen nur wenige Gramm schweren goldenen Ring, finsterer als die finsterste Nacht, die Last, die Golum einst zu tragen hatte. Eine Last, die dessen Leben zerstörte und dieses für Jahrhunderte bestimmt hat, eine Last, die Golum noch immer im Bann hält und mit der er niemals fertig werden würde. Dem Bösen in Nous war Golum niemals gewachsen, es schlich sich unverhofft in sein Leben und noch bevor er es hätte merken können, umklammerte es ihn, korrumpierte Verstand und Herz und lies ihn überhaupt erst Golum werden – dies macht Golum bzw. Sméagol in den Augen Frodos zum Opfer des Bösen und nicht zu dessen Urheber.

Und deshalb, aufgrund Sméagols inhärenter Schwäche, hätte das Böse auch nie zu ihm kommen dürfen. Doch darin liegt die eigentliche Perfidität des Bösen und drückt einen integralen Bestandteil des Wesenskerns des Bösen, vielleicht den entscheidendsten, aus: Das Böse schleicht sich von Hinten, aus den Schatten, nicht selten in Verkleidung, gut getarnt, an die Schwachen heran, an jene, deren Herzen leicht zu verführen sind, deren Verstand nicht vermag standzuhalten, die sich letztlich nicht gegen diese subtile Macht, die einem verderblich zuflüstert, wie es in der islamischen Tradition heißt, zu wehren vermögen.

Vom Bösen ergriffen werden viele, aber nur wenige kennen es auf so intime Weise, wie dies Frodo, der Jesus in Tolkiens Evangelium, tut. Deshalb muss er seiner eigenen Agonie auch nicht trotzen um Mitleid zu empfinden und den Wunsch zu hegen Golum oder dem personalen Überrest Sméagols Barmherzigkeit angedeihen zu lassen. Sondern gerade aus der Agonie heraus, erwächst Frodos Mitleid und Wunsch nach barmherziger Tat, die ihn als den zu erkennen geben, der er vom Schicksal dazu berufen ist, ohne sich darüber vielleicht selbst vollends bewusst zu sein – ebensowenig muss Jesus seinen Ursprung, Archḗ, und sein Ziel, Télos, kennen um der zu sein, der er ist. Das Wissen um das Erlöserdasein ist kein rationales. Der (potentielle) Erlöser kommt nicht nach langwierigem Brüten und reiflicher Überlegung oder abhängig vom Stand der Gestirne zur Überzeugung der Erlöser zu sein, geschweige denn den Erlöser zu spielen. Man ist der Erlöser oder nicht, niemand kann, auch nicht der Betroffene selbst, einem dies sagen.

Weder die Jünger Jesu noch Samweis konnten folglich die Tiefe des Daseins des jeweiligen Erlösers begreifen, denen sie nachfolgten. Dies umso mehr, da es sich bei ihrer konkreten Situation nicht allein um ein Erlöserdasein handelt, denn es geht doch letztendlich nicht allein um das Tragen und Aushalten des Bösen im Sinne einer alles erdrückenden Last, sondern auch um das Überwinden des personifizierten Bösen in der Welt. Walter Benjamin drückt dies in seinem berühmten Essay Über den Begriff der Geschichte folgendermaßen aus: „Der Messias kommt ja nicht nur als der Erlöser; er kommt als der Überwinder des Antichrist.“ Der Messias, sprich der Gesalbte – ein integraler Bestandteil jüdisch-christlicher Theologie –, ist Erlöser und Überwinder, er befreit und besiegt.

Als der Treueste der Jüngerschaft hält Samweis selbstverständlich Tag für Tag das sich in der Welt auf die eine oder andere Weise manifestierende Böse aus, er nimmt eine ungeheure Entbehrung in Kauf um Frodo auf seiner Mission zur Seite zu stehen, doch die Überwindung des in der Welt emanierten personifizierten Bösen, in christlich-religiöse Sprache gekleidet: des Antichristen oder Teufels, ist niemals die Aufgabe des Einzelnen, sondern des Auserwählten, was sich in seiner Messianität ausdrückt – Vorherbestimmung und Designation. Für einen kurzen Moment trägt Samweis den Ring. Dies spielt zweifellos auf Simon von Kyrene an, der dazu gebracht wird das Kreuz für eine bestimmte Zeit zu tragen. Dieser biblische Passus, kaum mehr als eine Annotation wird vortrefflich in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ illustriert. In Gibsons Interpretation des Leidensweges Jesu trägt Simon nicht allein das Kreuz, sondern auch den über die Grenzen der Erschöpfung ausgezehrten, schwer gegeißelten Körper Jesu. Es scheint ganz so, als ließe sich der Körper Jesu, noch nicht mit Stricken und Nägeln am Kreuz fixiert, schon nicht mehr vom das Böse und die Erlösung symbolisierenden Objekt trennen. So auch im Herrn der Ringe. Kaum realisiert Frodo, dass Samweis den Ring hält, quasi sein Kreuz trägt, verlangt es ihn danach jenen erneut an sich zu nehmen. Mit Nachdruck, beinahe besessen wirkend, fordert er den Ring zurück, den Samweis erst widerwillig, aber letztlich doch mit gequälter Miene zurückgibt. Vielleicht dämmert ihm hier zum ersten Mal, was das Böse in all seiner Abgründigkeit ist und was es bedeutet dieses zu tragen, es auszuhalten und überwinden zu wollen. „Begreif das doch. Der Ring ist meine Bürde. Er würde dich zerstören Sam.“ Die Abscheu im Angesicht dessen, was sich in all seiner unbegreiflichen, finsteren Tiefe vor ihm auftut, lässt Samweis vor dem ultimativen Bösen zurückweichen. Niemals wieder wird er seine Hand nach dem Ring, dieser Manifestation des Bösen, ausstrecken. Einzig den Ringträger wird er stützen und buchstäblich zum Golgatha Mittelerdes tragen.

Beladen mit dem Bösen der Welt, schleppt sich Frodo mit dämonischer Eile die letzten Meter, das Ende seiner Via Dolorosa, zum Ort der Entscheidung. Nichts muss mehr getan werden als die Vernichtung des in Form eines Ringes in der Welt manifestierten Bösen. Frodo streckt den Arm aus und der Ring schwingt behäbig hoch über der feurigen Lava. Er muss nur noch seine Hand öffnen und die Gravitation würde den Rest erledigen. Doch Frodo wendet sich von seinem Schicksal ab und will den Ring für sich selbst nehmen. Schon zuvor war der Zweifel übermächtig, doch äußere Kräfte brachten den Erlöser Mittelerdes in Spe stets wieder auf den Pfad der Erlösung zurück. Auch Jesus war der Verzweiflung und damit dem Scheitern mehr als einmal nahe. Nach dem Evangelium nach Matthäus (26,39) befindet sich Jesus samt seiner Jünger, zumindest samt aller bis auf einen, im Garten Gethsemane im Tal östlich des Jerusalemer Tempelplateaus. Und dort überkommt es ihn plötzlich: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“

Jesus kann nicht mehr, wahrscheinlich will er auch nicht mehr. Sein bisheriger Weg war beschwerlich, aber nichts im Vergleich zu dem was noch kommen würde. Wer kann Jesus und Frodo den Zweifel und Kummer verwehren? Ihr Leben besteht letztlich aus wenig mehr als zu streben und zu leiden, weiterzustreben und noch mehr zu leiden. Und zweifellos kennt das Menschliche Grenzen – sowohl das Menschliche im Menschen Jesus als auch das Menschliche im Hobbit Frodo. Aber wie aus heiterem Himmel, seine an Gott adressierte Bitte noch kaum im Garten verhallt, strebt er schon weiter. Über das Wie und das Warum schweigt sich das Evangelium aus. Anders in einer Szene im Herrn der Ringe, noch auf dem Weg zum feurigen Berg, dort erscheint Frodo, buchstäblich am Boden liegend und ist weder kräftens noch willens einen weiteren Schritt zu gehen, die engelsgleiche Elbenhexe Galadriel in all ihrer Schönheit und Pracht. Sie ist es, die Frodo wieder auf die Beine holt und voranschreiten lässt. Es ist eine verlockende Vorstellung, dass auch dem Wanderprediger aus Nazareth jemand zur Hilfe kommt, vielleicht ein Engel, vielleicht die Hand Gottes – doch die Bibel schweigt sich aus. Vielleicht steckt im Schweigen des Textes die Spur etwas fundamental Wahren.

Nimmt man Jacques Derridas Einsicht ernst, dass der Text stets die Spur ist, die auf etwas zurück und vor verweist, sowie auch auf all das zurück und vor verweist, was nicht explizit im Text genannt wird, so ist das Schweigen des Textes als Antwort auf Jesu Bitte die Spur des tatsächlichen göttlichen Schweigens. Der Text geht weiter bzw. der Jesus im Text schreitet auf seinem Leidensweg voran, weil Gott und dessen Hofstaat schweigt. Der Text schweigt nicht über Jesu Widerwille, aber über den göttlichen Beistand. Und so nimmt es nicht wunder, bedenken wir, dass die Spur dessen was gesagt und nicht gesagt wurde, nicht allein zurück, sondern auch vor verweist, dass Jesus am Kreuz bitterlich erkennen wird, dass der Weg zur Erlösung der Welt nicht allein einsam ist, eine Einsamkeit, die auch die wenigen Treuen unter dem Kreuz nicht kompensieren können, sondern in der vollständigen Verlassenheit durch denjenigen münden muss, welcher der eigentliche Initiator dieses Leidensweges ist – Gott. Myriaden von Theologen zerbrechen sich ihre Köpfchen über diesen Ausschrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Ps 22,2) und versuchen ihn in der einen oder anderen Weise zu deuten, nicht selten unter dem Zwang stehend, dass doch Gott ein Gott der Liebe ist – Deus caritas est.

Aber phänomonologisch gesprochen, zeigt sich nichts dergleichen: kein Abtupfen der von einem Gemisch aus Schweiß und Blut besudelten Stirn des Erlösers, kein Streicheln oder Liebkosen des am Kreuz hängenden gemarterten Körpers, kein Küssen der durchbohrten Hände und Füße – auch wenn letzteres zumindest Mel Gibsons „Die Passion Christi“ suggeriert. Jesus wurde verlassen. Er war es nicht immer, ansonsten hätte er sich wohl kaum auf die Via Dolorosa, seinen ganz persönlichen Leidensweg zur Erlösung der Welt begeben, außer man möchte ihm eine Form geistiger Umnachtung unterstellen. Aber nein, meines Erachtens zeigt der Text ohne Umschweife in all seiner tragischen Wirklichkeit, was mit einem passieren muss um die Welt zu retten.

Doch damit nicht genug. Gott durfte gar nicht die Liebe sein – Deus non caritas est –, zumindest nicht immer. Gott durfte sich nicht auf die Bitte Jesu hin erbarmen. Nur ein Anflug der Barmherzigkeit und die Welt wäre vergangen, ins Dunkel getrieben und ewig gebunden worden, wie es im Herrn der Ringe heißt. Vielmehr musste Gott schweigen und er musste rasch handeln. Kaum drang Jesu Wunsch, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, über seine Lippen, waren die Wachen zu seiner Verhaftung schon auf dem Sprung. Wahrscheinlich läuteten bei Gott alle Alarmglocken. Nicht auszumalen, was geschehen wäre, wenn es sich Jesus anders überlegt hätte. Was wenn er seine Sachen gepackt und zurück nach Galiläa gekehrt wäre um dort das restliche Pessachfest zu verbringen – vielleicht wäre die Welt vergangen? Einst vor so vielen Jahrhunderten, als die Israeliten in ägyptischer Gefangenschaft ihr Dasein fristeten, ließ sich Gott verdammt viel Zeit – beinahe alle Zeit der Welt – und hat dafür sicherlich den einen oder anderen Rüffel bekommen. Aber diesmal würde er nicht warten, er brauchte es auch nicht, denn das Leid war real und es war groß. Gott wusste also, dass er handeln müsse und er handelte umgehend.

Mancher sagt, dass Gott durch die Menschen handeln würde. In keiner Geschichte leuchtet mir dies mehr ein als im Leidenswege Jesu. Nicht Judas ließ Jesus hinrichten, noch die Wachen, noch der Hohepriester oder die übrigen israelitischen Würdenträger, noch die römischen Soldaten, noch Pontius Pilatus, sondern Gott. Gott wollte Jesu Leiden und ihn am Kreuz sehen. Die zuvor erwähnten Menschen erfüllen lediglich ein Strohpuppendasein. Sie sind im Text zu nichts gut als die exekutive Hand Gottes auf Erden zu sein. Wenn Gott Jesu Tod und Leiden will um die Welt vom in ihr manifesten Bösen zu befreien, dann sei es so und dann wird der Jesus drangsaliert, dann wird er bluten, höllische Qualen erleiden und verdammt nochmal, er wird sterben. Und keine Kraft auf der Welt, weder im Himmel oben, noch unten auf der Erde, noch unter der Erde im Wasser oder im übrigen Kosmos – Gott hat all dies erschaffen, hier gibt es keinen konkurrenzfähigen Antipoden wie im Zoroastrimus Angra Mainyu (Ahriman) – würde etwas daran ändern. Jesus muss sterben und er wird sterben. Jesus stirbt – hoch oben am Kreuz.

Und warum all das, der Schmerz, das Leid und der grausame Tod? Um sicher zu gehen, dass er auch wirklich stirbt. Gott geht auf Nummer sicher. Nicht auszumalen, was wäre, wenn er dies überleben würde. Anders als in der Interpretation der Kreuzigung im Koran, gibt es hier keinen Stellvertreter, hier kommt der Jesus nicht wie der koranische Jesus Isa heil aus der Nummer. Jesus muss sterben und das wird er auch. Punkt.

Ja aber warum all das? Warum soviel Mater und Leid, warum kein Augenblick des Verschnaufens, warum kein Funken Barmherzigkeit inmitten all dessen? Ganz einfach, denkt an Frodo: der Erlöser, ist schwach und verführbar. Sie erinnern sich, Frodo steht über dem feurigen Abgrund, der Ring an einer Kette baumelt behäbig über der Glut. Frodo kann das Böse loslassen, er kann es fallen lassen und es würde für immer vergehen. Doch das tut er nicht. Frodo wendet sich ab und steckt sich den Ring an den Finger. „Der Ring gehört mir.“, spricht er, ein dämonisches Grinsen zeichnet sich auf seinen Lippen ab. Der Erlöser hat versagt. Das Böse triumphiert. Frodo intendiert es zurück in eben die Welt zutragen, aus der er es entfernen wollte – gegen das Böse kommt offenbar auch der Erlöser nicht an.

Zweifellos grausig, aber Sie beginnen nun zu verstehen, richtig? Jesus wurde in Ketten gelegt, gequält, ans Kreuz gebunden und genagelt, damit er seinen gemarterten Körper nicht vom Kreuze fortschleppen konnte. Das Böse der Welt, lag auf ihm, so wie die Sünde des israelitischen Volkes auf dem Bock jährlich am Versöhnungstag. Und so wie der Bock zum Sterben in die Wüste getrieben wurde, so müsse unzweifelhaft auch Jesus in den Tod getrieben werden. Es ist nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn der Bock einen Weg aus der Wüste zurück in die Zivilisation gefunden hätte, vollbeladen bis obenhin mit der Sünde eines ganzen Volkes. Wie ungleich schlimmer wäre es gewesen, wenn Jesus mit der Sünde, dem Bösen der ganzen Welt beladen wieder in diese zurückgekehrt wäre.

Frodo wendet sich ab und das Gute, die personifizierte Liebe – Caritas – Samweis Gamdschie kann nichts dagegen tun. Im freien Walten des in der Welt manifestierten Bösen, schaut die Liebe handlungsunfähig zu – nun gut, Samweis gelingt ein verzweifelter Schrei, aber mehr eben auch nicht. Deus et iustitia est – Gott ist auch die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist blind – sie muss blind sein, damit sie unbarmherzig sein kann – und sie ist brutal. Brutal wie Golum, in dem keine Liebe mehr ist, nachdem er sich Sméagols bemächtigt und ihn quasi in sich beerdigt hat. Es ist Golum, der Frodo seinen Auftrag erfüllen lässt. Die ganze Brutalität Golums reist den Finger samt Ring von Frodos Hand und sich selbst samt Ring nach einem Kampf auf Leben und Tod in den Abgrund. Frodo erlitt Schmerzen, vergoss sein Blut, gab seinen Leib – zumindest fast. All das war nötig zum Sieg über das Böse. Nötig nicht zuletzt, weil der Erlöser sein Erlöserdasein nicht erfüllt, wenn es keine Intention gibt ihn umzubringen. Der Erlöser muss zur Heilstat, die von seinem eigenen Leid nicht trennbar zu sein scheint, genötigt werden. Frodo und Jesus sind oder wären gescheitert. Sie mussten sterben oder so gut wie, damit sie wurden wer sie sein sollten. Weder macht sich der Erlöser selbst zum Erlöser, noch vermag er es seinen Weg aus eigener Kraft zu vollenden. In gewisser Weise ist das Erlösungswerk nicht einmal sein eigenes Werk, es ist vielmehr das Werk einer höheren Macht. Diese setzt den Erlöser auf seinen Pfad und diese sorgt dafür, dass er nicht davon abweicht, auch wenn der Erlöser gedanklich schon längst, vielleicht sogar handelnd, vom Pfad der Erlösung abgekommen ist. Erlösung bedarf keiner Liebe, sie bedarf der Gerechtigkeit – und diese ist blind und brutal.

Nach dem Tode Jesu soll dieser gemäß biblischer und nachfolgend christlicher Tradition von den Toten auferstanden sein. Auch Frodo ist in gewisser Weise auferstanden. Offensichtlich sind die Auferstehungen beider so ungeheuerlich, dass nicht nur die Jünger Jesu dies kaum glauben können – Thomas bekanntlich sogar nicht allein die Wundmale sehen, sondern sogar seine Finger in Jesu Wunden legen möchte –, sondern auch die einstigen Gefährten Frodos diesem in verwunderter Freude ihre Aufwartungen machen. Herr und Jüngerschaft sind wieder vereint. Und die Welt wurde gerettet – sie ist nun frei vom ultimativen, sich in der Welt manifestierten Bösen.

Ende gut, alles gut? Doch weit gefehlt. Während einige noch voll Freude den Sieg feiern und viele überall auf der Welt weder von den Geschehnissen wussten, noch auch im Stande gewesen wären diese zu begreifen, kehren die Erlösergestalten in ihre jeweilige am Rande der zivilisierten Welt gelegene Heimat zurück. Jesus zieht es folglich nach Galiläer und Frodo ins Auenland. Allerdings halten es beide in der Heimat nicht sehr lange aus. Während Frodo immerhin noch wenige Jahre im Auenland verlebt, hat Jesus schon nach vierzig Tagen (Apg 1,3) genug von der Welt und zieht ohne wirkliche Erläuterung auf einer Wolke davon. Ascendit ad in caelos – aufgestiegen in den Himmel. Jesus geht zu seinem Vater (zurück), zum Gott Israels, des Schöpfers der Himmel und der Erde. Und in den Himmeln bleibt er wohnen.

Warum geht Jesus fort? Sein Werk ist doch vollbracht, warum lässt er sich nicht nieder und verbringt die verbleibenden Erdenjahre in Frieden, vielleicht sogar mit Genuss? Hier meines Erachtens, wie schon zuvor, könnte der fußbehaarte Erlöser Frodo dem neutestamentlichen Erlöser Jesus im Moment des Schweigens als Stimme dienen. Zuhause in seinem wohligen Heim dürfen wir nämlich ein letztes Mal in seine Gedanken blicken: „Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann?“ Aber warum geht Jesus nun fort? Vielleicht aus exakt dem gleichen Grund, warum auch Frodo nicht mehr in der Peripherie Mittelerdes, unter seinesgleichen, leben kann. „Manche Dinge kann” nämlich „auch die Zeit nicht heilen – manchen Schmerz der zu tief sitzt und einen fest umklammert.“ Vor dem Abschied resümiert Frodo gegenüber seinem Lieblingsjünger Samweis, was sie einst wollten als sie zusammen aufbrachen. Sie zogen aus um das Auenland zu retten – Jesus zog aus um Judäa und Samaria zu retten –, doch sie retteten – wie nach christlicher Vorstellung Jesus – die gesamte Welt. „Aber nicht für mich.“

„Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann?“

Man geht.

Ob derjenige, der einen solchen Weg hinter sich hat, noch einmal – irgendwann – zurückkehren wird?