WENN EINE FRAU EINE STADT NIEDERBRENNT

Radikaler Feminismus ist nicht lebensfeindlich

In einem auf der bekannten Onlineplattform bento publizierten Beitrag mit dem Titel Wie „Game of Thrones“ seine Frauenfiguren ruiniert, stimmt die Autorin Merve Kayikci in den Tenor der Social Medias ein, nämlich dass insbesondere der Charakter Daenerys Targaryen „ruiniert“ wurde. Sie, Daenerys, und andere, insbesondere weibliche Charaktere hätten vor allem in der letzten Folge der Serie eine Entwicklung oder vielmehr eine Persönlichkeitsveränderung durchgemacht, die mehr einer Persönlichkeitsstörung gleicht und für viele nicht nachvollziehbar ist.

Im Zentrum steht Daenerys’ Flug auf ihrem letzten Drachen Drogon über King’s Landing (Königsmund), die Hauptstadt des fiktiven Reiches Westeros, welche sie gleichsam aufgrund des exzessiven Gebrauchs von Drachenfeuer niederbrennt und mit der Stadt vor allem die Zivilbevölkerung. Daenerys’ Verhalten wurde von der Community nicht sonderlich gut aufgenommen. Für viele Fans der Serie sei ihr Verhalten nicht nur völlig unverhältnismäßig, geradezu barbarisch gewürzt mit reichlich Sadismus, sondern sogar unplausibel, inhaltlich nicht nachvollziehbar.

Kayikci schießt sich bei den Kritiken vor allem auf gegen Frau gerichtete Stereotype à la „Hast du deine Tage?“ ein. Sie zitiert einen Tweet, indem der Autor oder die Autorin desselbigen von „Prämenstruellem Syndrom“ schwadroniert. Irgendetwas müsse ja der Grund sein für eine so plötzliche Wendung von der Königin der Herzen hin zur Königin der Asche. (Fairerweise müsste man an dieser Stelle anmerken, dass waschechte Fans, was rationales und reflektiertes Nachdenken anbelangt, doch eher eingeschränkt sind, zumindest dann, wenn es um den Fetisch der eigenen Anbetung geht.)

Kayikci findet einige wichtige und richtige Argumente um Daenerys’ Verhalten durchaus nachvollziehbar darzustellen, was selbstverständlich nicht als Rechtfertigung verstanden werden darf. Aber auch Kayikci scheint zu entgehen, wie offenbar auch so vielen Zuschauern, dass immens viel Zeit nicht nur zwischen den einzelnen Staffeln vergeht, sondern auch zwischen den Folgen und teilweise sogar innerhalb einer einzigen Folge. Kayikci sieht dann nur noch ihr „feministisches Herz“ brechen in Anbetracht des angeblichen Durchdrehens der Drachenkönigin. Zeit ist eben doch nicht nur relativ und ebensowenig mit der verstrichenen Zeit der eigenen Wahrnehmung, sprich der Zeit, die der Betrachter zum betrachten der Handlung aufgewendet hat, identisch.

Den Feminismus, den sie übrigens nicht definiert, sieht Kayikci verraten, weil „ihre Geschichten doch wieder in den gleichen alten Mustern erzählt werden“. Und Kayikci weiter: „Denn ja, man kann das Zerstören von Königsmund als Racheakt für ihre treue Beraterin Missandei interpretieren. Doch vor allem die Zurückweisung von Jon Snow (Jon Schnee) persönlich und die abstrakte Zurückweisung des Volkes, von dem sie ‚keine Liebe bekommt‘, scheint sie zu dem Schluss zu führen, dann eben mit Angst regieren zu müssen. […] Aber muss es wirklich am Ende die unerfüllte Liebe sein, an der die Frauenfigur zerbricht?“

Sicherlich, eine solche Interpretation liegt nicht ganz fern, wird dem Zuschauer sogar regelrecht suggeriert, aber zwischen dem Tod von Missandei, der treusten und engsten Beraterin, und dem Niederbrennen der Stadt liegen gut zwei Wochen, genug Zeit um zu trauern und sich wieder mental zu fangen. Um dies zu wissen, muss man allerdings auch wissen was eine „fortnight“ ist – gemeint ist natürlich nicht das gleichnamige Videospiel Fortnight –; Details, die dem hitzigen „Fanboygemüt“ aber entgehen können.

Offensichtlich entging Kayikci, wie auch allzu vielen Fans der Serie, dass die Macher David Benioff und Daniel B. Weiss in einem Videobeitrag zur fünften Folge explizit herausstellten, dass die Perspektive der Zivilbevölkerung eingenommen werden sollte. Der bewusste, visuelle Fokus auf die durch die brennende Stadt laufende Arya Stark, sollte den intendierten Effekt noch verstärken, nämlich Mitleid beim Zuschauer zu erzeugen, denn es ist psychologisch gesehen leichter sich mit einem bekannten Charakter, der darüberhinaus noch ein Publikumsliebling ist, zu solidarisieren als mit Unbekannten, selbst dann, wenn es sich um viele handelt – das Leid eines bekannten Charakters wiegt schwerer als das vieler unbekannter Charaktere. Von einem durchaus möglichen Gefühlschaos aufgrund von Verlust und Enttäuschung sowie tatsächlichen Motiven, welche Daenerys Targaryen für das von ihr verursachte Inferno gehabt haben könnte, weiß der Zuschauer nichts, ganz gleich wie oft er sich gemäß seiner selbst zugeschriebenen Expertise in der Götterperspektive wähnt.

Doch für Erörterungen dieser Art zeigt Kayikci kein Interesse; sie hat mit der Folge nämlich ein ganz anderes, eigenes Problem. Für Kayikci hört der Spaß bei (angeblich) unerfüllter Liebe auf. Liebe, ob nun erfüllt oder unerfüllt, darf, so scheint es, keine Feministin aus den Latschen hauen. Für einen Mann hat man als freie Frau keine Stadt niederzubrennen. Aber die zugrundeliegende Perspektive ist viel problematischer als dies auf den ersten Blick zu sein scheint: Wenn nämlich eine Serie von zwei Männern gemacht wird, jene wiederum auf den Büchern und Ideen eines (dritten) Mannes beruhen, dann muss das Verhalten der Frau aufgrund axiomatisch angenommener patriarchalischer und chauvinistischer Strukturen vom Mann abhängen. Die Frau denkt und handelt nicht (mehr) autonom, sondern sie reagiert gemäß solcher Vorstellungen auf den Mann – schlimmer noch, sie kann gar nicht (mehr) anders agieren und reagieren, weil Männer diese Geschichte kreiert haben. Der Mann sei, so die Grundannahme zum Patriarchalismus und Chauvinismus determiniert und wenn dann ein aus seiner Feder stammender Charakter etwas gegen die eigenen, feministischen Überzeugungen des Zuschauers tut, dann muss das eben am patriarchalen Mindset des männlichen Autors oder der männlichen Schöpfer der Geschichte liegen.

Ein solches Vorurteil macht vor allem alle weiteren Reflektionen über die tatsächlich dargestellten Ereignisse überflüssig – in der Philosophie nennt man dies Totschlagargument. Wozu noch einen Gedanken an mögliche Motive oder gar grundessenzielle Themen wie dem „Durchbrechen des Rades der Tyrannei“, von dem Daenerys mehrfach im Laufe der Staffeln sprach, und wie dieses erreicht werden könnte, nachdenken, wenn es doch so einfach ist: der Mann denkt, der Mann lenkt. Aber weitere Reflektionen würden natürlich ein weit höheres Maß an Anstrengung verlangen und vielleicht zu unbequemen Erkenntnissen führen, also hält man einem narrow mindset die Treue – die einfachen „Wahrheiten“ sind eben doch die schönsten und warum sich mit der Komplexität menschlichen Daseins beschäftigen?

Auf der oberflächlichen Ebene, und dies ist es, was so vielen Zuschauern nicht schmeckt, steht Daenerys als Massenmörderin dar. Sie erscheint aus dieser Perspektive jetzt nicht mehr „besser“ als so viele männliche Herrscher vor ihr in der Geschichte von Westeros. Darüber hinaus erscheint sie aus dieser Perspektive nicht mehr als role model für weibliche Herrscher oder politische Entscheidungsträgerinnen „in der wirklichen Welt“.

Lange Zeit habe ich geglaubt, dass es im Feminismus nicht zuletzt darum geht menschlich besser zu sein als Männer, die, wenn man allein das 20. Jahrhundert in Betracht zieht, einiges dafür getan haben abgewatscht zu werden, was allerdings eine unfaire und gleichsam unethische Generalisierung wäre. Doch wenn es im Feminismus darum ginge den patriarchalischen und chauvinistischen Auswüchsen in unserer Welt etwas entgegenzusetzen, ja etwas anderes, besseres zu schaffen, dann verstehe ich diesen immer wiederkehrenden, überaus engen Vergleich mit den Männern nicht; schlimmer noch, ich verstehe diese beinahe fetischistische Orientierung an patriarchal-chauvinistischen Männern und den von ihnen geschaffenen Strukturen nicht.

Ist der Feminismus, der keine radikal neuen Strukturen schafft, überhaupt Feminismus? Es genügt nicht ein Geschlecht gegen ein anderes auszutauschen und dann zu erwarten, dass in der Folge automatisch alles besser ist, obwohl an den zugrundeliegenden (patriarchalischen, menschenverachtenden etc.) Strukturen nichts verändert wurde. Was diese Art Feminismus offenbar allzu oft will, ist es, aus Frauen bessere Männer zu machen. Es geht auch bei Daenerys nicht wirklich darum, dass sie eine Frau ist und bleibt. Gegen Frauen gerichtete, verachtenswerte Stereotype, wie der Unsinn vom „Prämenstruellen Syndrom“, unter welchem sie angeblich leiden würde, so wie Diskriminierungen und Diskreditierungen von Frauen im Allgemeinen, werden überkompensiert, indem man nicht die Frau als Frau in Szene setzt und wie sie als Frau eine neue Ordnung erschaffen könnte, sondern die Frau, wie sie schlichtweg den Mann ersetzt, indem sie sich als der bessere Mann erweist. Die alten, von Männern gemachten Strukturen werden auf diese Weise aber kaum, wenn überhaupt, überkommen. Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Strukturen, deren Spitze sich lediglich geschlechtlich verändert hätte, bloß verstetigen würden.

Muss sich der Leser des Artikels von Merve Kayikci, der durchaus zum Nachdenken anregt, mich zumindest zu diesen Zeilen, überhaupt noch wundern, dass die Autorin kein Wort über die bis in die fünfte Folge hinein amtierende Königin Cersei Lannister verliert? Gerade sie steht für nahezu all das, was das Feministenherz gemäß dieser Couleur begehrt. Cersei, die zweifellos von einem Mann gelernt hat, nämlich von ihrem Vater, ihre Mutter verlor sie bereits als Kind, hat jedoch ihren Vater und alle übrigen Männer bei weitem übertroffen. Sie hat aufmerksam von Männern gelernt, kennt die von Männern geschaffenen Strukturen der Macht und versteht es wie ein Mann zu herrschen, wenn es denn überhaupt so etwas gibt, wie eine maskuline Herrschaftsweise und -form, und nicht vielmehr eine machtorientierte menschliche Herrschaftsweise sowie -form.

Trotz oder gerade wegen ihrer Prägung hatte sie ihre sexuellen Gespiele oder „Sexsklaven“ – sie entscheidet, mit wem sie sexuelle Handlungen vollführt und geniert sich nicht, wenn alle wissen, dass sie eine inzestuöse Beziehung mit ihrem Bruder pflegt; sie hat es fertig gebracht einen frankensteinartigen, untoten Hünen von einem Krieger zu ihrem treuen Bodyguard zu machen; sie hat einen ruchlosen Gelehrten von unglaublicher kognitiver und perfider Qualität zu ihrer (rechten) Hand gemacht und sie hat den größten Freibeuter der Meere, der gleichermaßen gefährlich wie psychisch gestört ist, um den Finger gewickelt. Sie ist mit allen Wassern gewaschen, herrscht effizient und effektiv zu gleich und nach ihrer Pfeife tanzt eigentlich jeder in Westeros, egal ob Mann oder Frau. Wegen ihr geht Jon Snow mit seinem Himmelfahrtskommando in Staffel 7 hinter die Mauer um einen Weißen Wanderer gefangen zu nehmen – ein aus rationaler Perspektive durch und durch grenzdebiles Unterfangen; ihr frisst die erfolgreichste global agierende Bank aus der Hand; Menschen und ganze Herrscherhäuser sterben auf ihren Befehl hin, hängen folglich auf Gedeih und Verderb von ihr ab; (Söldner-)Armeen dienen ihr und letztlich diktiert sie, wann und wie Krieg geführt wird. Kein Charakter in Game of Thrones hat sich innerhalb des sozialen Netzes, das eines jeden Menschen Identität bestimmt, selbst Lebensregeln und -grenzen freier diktiert und diktieren können als Cersei. Sie diktiert genau genommen allen alles – ihr fehlen aus machtpolitischer Perspektive allein die Drachen ihrer Widersacherin Daenerys.

In Staffel 1 der Serie sagt Cersei voller Überzeugung, wissend, dass ihr schon damals kein Mann das Wasser reichen kann, zu Eddard Stark, der damaligen Hand des Königs: „When you play the game of thrones you win or you die. There’s no middle ground.“ (Sinngemäß: Wenn man das Spiel um die Macht spielt, gewinnt man oder man stirbt. Es gibt keinen Mittelweg.) Sie, die Frau, versteht nicht einfach nur die von Männern erschaffenen Machtstrukturen, sondern sie beherrscht das Spiel der Männer, mehr noch, sie diktiert den Männer fortan wie es gespielt wird.

Dass Kayikci Cersei nicht erwähnt, kann aber auch als Kritik am Charakter Cersei gewertet werden. Warum nun könnte Cersei doch aus einer angeblich feministischen Perspektive übergangen werden? Wahrscheinlich nur aus einem einzigen Grund: Sie war Mutter und weil sie – mehr als sich selbst – ihre Kinder liebte. Feminismus schmeckt leider allzu oft nach kinderverachtendem, lebensfeindlichem Vaginal-Egozentrismus, der den „Schwanz“ durch die „Möse“ ersetzen will. Ansonsten bleibt inhaltlich alles beim Alten; an den tatsächlichen strukturellen und gesamtgesellschaftlichen Problemen wird nichts geändert. Aus einer solchen feministischen Perspektive hatte Cersei eigentlich alles richtig gemacht. Sie war quasi der bessere Mann. Dumm nur, dass sie Kinder hatte und diese auch noch liebte, denn eigene Kinder disqualifizieren sie als role model eines lebensfeindlichen Feminismus – intellektuelle Influencerinnen eines, m. E. lebensfeindlichen Feminismus im 20. Jh. wie Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer hatten keine Kinder. Aber warum eigentlich? Warum disqualifizieren eigene Kinder in der Außendarstellung eine Frau als feministisches role model? Eben weil die Frau der bessere Mann zu sein hat. Und was können Männer nicht bekommen? Kinder!

In deutlicher Abgrenzung zu einem die patriarchalischen, lebensfeindlichen Machtstrukturen erhaltenden Feminismus, wünsche ich mir einen radikalen Feminismus – radikal ist aber immer nur die Liebe. Echte Liebe reduziert sich nicht auf das Selbst. Echte, nicht-solipsistische Liebe gibt vielmehr aus ihrer ganzen Fülle an alle anderen Menschen – hierin zeigt sich gleichsam ein verantwortungsvolles Einstehen für den Anderen. Kein Anderer kann aber einer Frau näher stehen als ein Kind, als das eigene Kind. Die Fähigkeit sich selbst annehmen und lieben zu können, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf das Kind, welches ein neuer, ein anderer Mensch ist, dem im Übrigen die Zukunft gehört, abfärben, und damit einen fundamentalen Beitrag leisten zu einer der Idee entsprechenden, rechtlich verfassten und sozio-ökonomisch gelebten Gleichheit in Freiheit – und zwar zum Wohle ausnahmslos aller Menschen. Was könnte feministischer sein als dies?

GOTT SCHREIBT SICH DIE WELT – WIDDEWIDDE WIE SIE IHM GEFÄLLT. Comment ne pas parler, Abbitte und Game of Thrones als Schlüssel zur biblischen Schöpfungsgeschichte

Im Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde.

Und Gott sprach

Warum muss Gott sprechen? Was geschieht vor dem ersten Wort? Und vor dem ersten Wort geschieht immer etwas. In dem im Jahre 2007 von Joe Wright inszenierten Film Abbitte (engl. Atonement), der auf dem gleichnamigen Roman (2001) des britischen Schriftstellers Ian McEwan beruht, muss schon etwas passiert sein, denn Himmel und Erde sind bereits da. Auch Gott ist da. Es liegt nahe, dass Gott auch Himmel und Erde gemacht hat, aber mit Sicherheit kann dies der Zuschauer nicht wissen, denn er war nicht dabei und seit dem Moment, da er Zuschauer ist, ist bereits alles da. Und der Gott in Abbitte, der da ist, der wirklich anwesend ist, schreibt.

Gleich ob es die Himmel, sprich mehrere, wie in der hebräisch-biblischen Tradition sind oder doch nur einer, der Himmel gleicht dem Ideal eines Sommertages im England am Vorabend des die Welt in Finsternis stürzenden Krieges.

Der Zuschauer befindet sich im lichtdurchfluteten, luftig-hohen Zimmer eines dreizehnjährigen Mädchens namens Briony Tallis inmitten der 1930er Jahre. Die türkisfarbene Tapete ist der Horizont, die üppigen Blumenmuster auf dieser deuten eine reichhaltige Flora an. Die Erde ist ein kolorierter, ebenfalls von abstrakten Pflanzenmustern überzogener Teppich. Die Erde ist sicherlich vieles, aber nicht wüst noch leer. Alles wurde schon gemacht und wenn jemals etwas wüst und leer war, dann liegt dies weit in der Vergangenheit, in einer Zeit vor dem ersten Wort. Und Gott schreibt.

Und während Gott unablässig schreibt, zeigt sich auf dem Erdengrund ein Haus über dem sich der weite Himmel des Zimmers spannt. Dass Haus, eigentlich handelt es sich mehr um ein Schloss, kann als Symbol für eine erste Zivilisation, für eine geordnete Welt stehen, in der das Chaos der Kräfte Form annahm, Gase sich zu unzähligen Sternen verdichteten, ihr Sterben wiederum unzähligen Planeten zur Geburt verhalf und nun auf einem dieser Leben in Fülle wimmelte.

Von diesem Haus aus ziehen Tiere, manche majestätisch und in all ihrer Pracht, zumindest aber vielfältig in ihren Arten, stromlinienförmig vom Schloss davon in die weite Welt. Das Schloss in Brionys Zimmer ist die hochzivilisierte Form der Arche des Noah, jener biblischen Gestalt, die von Gott damit beauftragt wurde Tiere in einen hölzernen Kasten zu laden bevor alles Leben auf der Erde davon gespült werden würde. Nach Wochen ziellosen Treiben, strandet die Arche des Noah hoch oben auf einem Berg, nachdem die Flut abgeebbt war.

Warum ist die Welt von Wasser bedeckt? Warum wurden Tiere in einen Kasten geladen? Warum strandet der Kasten? Warum dürfen die Tiere und die wenigen auserwählten Menschen leben und aus der Arche heraus wieder auf festem Grund wandeln? Ich spiele nicht das Warum-Spiel, über das sich Spinoza im ersten Teil seines philosophischen Hauptwerkes Ethica so gekonnt amüsiert. Vielmehr sollen diese Fragen verdeutlichen, dass Kausalzusammenhänge immer auch darauf verweisen, dass schon immer etwas passiert ist und dass das, was ist, stets auf etwas zurückverweist, sprich Spur von etwas ist. Und so nimmt es nicht wunder, dass nun tatsächlich etwas vor der sogenannten Flut geschehen ist.

Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn – männlich und weiblich schuf er sie.

Der Mensch wurde zahlreich auf Erden; viele Töchter wurden ihm geboren und mit jeder Tochter wieder mehr Menschen. Die Menschentöchter wurden jedoch nicht allein von Männern des Menschengeschlechts begehrt, sondern ebenso von den Söhnen der Götter. Die weiblichen Nachkommen der Menschen und die der Götter kopulierten miteinander und es geschah, was geschehen musste: Die Menschentöchter gebaren den Göttersöhnen. Doch sie gebaren nicht gewöhnliche Menschen, sondern Helden, Männer, die einen Namen hatten – wohl die Art Mann, die zur Legende wurde, um die sich fürderhin Mythen entsponnen. Männer wie Gilgamesch – zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch. Zwischen den Töchtern des Menschengeschlechts und den Söhnen der Götter gibt es keine artbedingte Schranken. Aus einem sodomitischen Akt, wie der Insemination eines Schimpansen durch einen Menschen oder umgekehrt, entsteht kein neues Leben. Es gibt keine aus einem Sexualakt hervorgehenden Affenmenschen, ganz gleich ob Mensch und Affe in ferner Vergangenheit einen gemeinsamen Vorfahren hatten oder nicht. Der Bruch zwischen Mensch und Tier ist irreversibel. Die Lebewesen sind geschaffen gemäß göttlicher Ordnung, und paaren sich nach göttlicher Ordnung. Wider dieser Ordnung gibt es kein Leben und es kann auch keines geben.

Doch nun ließ ganz offenbar die göttliche Ordnung die Kopulation der Abkömmlinge von Menschen und Göttlichen zu. Da die göttliche Ordnung keine absolute Freiheit kennt, was die Kopulation von Lebewesen anbelangt, darf wohl mit Recht behauptet werden, dass Gott ursprünglich nichts gegen die Verbindung von Menschenkindern und Götterkindern einzuwenden hatte, zumindest insofern die göttliche Ordnung nicht einem Schweizer Käse gleich für löchrig erachtet werden soll. Wir wissen nicht, was sich Gott gedacht haben mag als er diese Option ermöglicht hatte und ob er überhaupt dachte, wissen wir ebensowenig. Wir wissen lediglich, dass etwas geschehen sein musste, was ihn verdrießlich stimmte und zwar sehr.

Und Gott sah, dass die Boshaftigkeit des Menschen groß war und alles was sein Herz ersonn’ nur allezeit böse war.

Da wurde Gott des Menschen überdrüssig und fasste den Plan diesen vom Antlitz der Erde zu tilgen, samt allen Tieren, ausgenommen der Tiere, die Noah, der Auserwählte Gottes nicht auf seinen hölzernen Kasten brachte.

Brionys Arche. Mit festem Grund unter den Füßen, ziehen Dutzende Tiere und einige wenige Menschenkinder aus dem Schloss in die Welt. Der Weg des überlebten Lebens ist kein wahlloser, vor allem aber kein zielloser. Sie ziehen in Richtung desjenigen, der sie erschuf – Gott. Und Gott schreibt – Gott schreibt unablässig. Und da, der Zuschauer stiert noch gebannt auf die teils winzigen Figuren, erscheint für einen Augenblick Gott. Auf seinem gewaltigen himmlischen Thron sitzend, bäumt sich Gott mit dem Rücken zur eigenen Schöpfung gewandt auf. Moses hatte sein Angesicht vor Gott versteckt, was nichts anderes meint, als dass er es nicht wagte face à face vor Gott zu treten und mit seinem vor Gott entblößten Gesicht Konversation zu halten – niemand hat Gott je gesehen, heißt es im Neuen Testament. Vom Gott in Abbitte wird vorerst bis auf das blonde Haar und einen entblößten Nacken auch nichts weiter gesehen. Gott sitzt hoch erhaben über seiner Schöpfung und schreibt. Gott ist nicht einfach nur groß verglichen mit seiner prächtigen Schöpfung. Gott ist größer, wie es in der islamischen Tradition heißt. Und jenseits der übergroßen Erscheinung Gottes, deutet sich eine Größe an, die sich gleichsam entzieht, sobald sich der Mensch Gottes habhaft zu machen versucht. Und Gott schreibt weiter.

Und in der Bibel? Nein, Gott schreibt nicht, aber er spricht. Wa-jōmer Elohīm – „und Gott sprach“ oder „und Gott spricht“. Eigentlich spricht Gott in der Bibel immerzu. (Und mal ganz unter uns: Dafür, dass Gott in der heiligen Schrift von Juden und Christen so eine Labertasche ist, schweigt er sich in unserer Welt doch ganz schön aus.) Nur warum spricht er so viel? Diese Frage, auf die es sicherlich vielfältige Antwortmöglichkeiten gibt, treibt mich bereits seit einiger Zeit um, aber eine wirklich befriedigende Antwort entzog sich mir bisher. Zumindest bis vor kurzem, denn da stieß ich wieder auf einen famosen Text aus meinen Studententagen. In Comment ne pas parler – zu Deutsch „Wie nicht sprechen“ – äußert Jacques Derrida allerhand interessante Ideen. Eine von diesen hat es mir jedoch ganz besonders angetan. Derrida schreibt, „sprechen um zu sprechen, die Erfahrung dessen machen, was dem Sprechen durch das Sprechen selbst geschieht, in der Spur einer Art Quasi-Tautologie, das ist etwas ganz anderes als ohne Nutzen zu sprechen und mit dem Ziel, nichts zu sagen. Vielleicht ist das nichts anderes als die Erfahrung zu machen einer Möglichkeit des Sprechens…“

Sie ahnen sicherlich schon worauf ich hinaus will. Was, wenn Gott nur spricht um zu sprechen? Genauer noch, was wenn Gott spricht, um die Erfahrung des Sprechens zu machen? Wenn dem so wäre, dann ginge es nicht mehr darum was Gott spricht, sondern darum, dass er spricht. Nicht zu letzt ginge es dann auch um das Was, das Wesen seines Sprechens. Aber vor allem Fragen geht es um das Das. Und Gott spricht, weil er nicht nicht sprechen kann.

Briony, der Gott oder die Göttin in Abbitte, schreibt. Während sie schreibt, macht sie die Erfahrung des Schreibens. Sicherlich, Briony schreibt eine Geschichte. Diese hat einen Anfang, alles hat bekanntlich einen und vor dem Anfang war, wie bereits eingangs konstatiert, schon etwas – vor dem Anfang ist immer schon etwas. Und Brionys Geschichte hat ein Ende. Es ist ein Stück, ein Spiel, dass Briony schreibt, während das Leben von ihr geschaffen und von ihr vollkommen unbeachtet sich in die Welt ergießt. Gott schreibt während die Welt weltet. Wir wissen nicht genau was sie schreibt bzw. worüber sie schreibt, nur dass sie schreibt und das ihr Geschriebenes eine Handlung hat, eingebettet in einen Anfang und ein Ende. Fiktive Geschichten mögen auf die eine oder andere Weise unterhaltsam sein, sie mögen auch, zumindest temporär, ein Hort der Zuflucht von der Welt, wie sie mit ihren Irrungen und Wirrungen funktioniert, sein. Doch sie werden die Welt niemals ersetzen können. Die fiktiven Welten in den fiktiven Geschichten sind stets Welten von der realen Welt und ihres Schöpfers Gnaden – sie haben keinen Bestand für sich.

Doch Briony ist Teil der Welt, die sie erschuf. Mehr noch, sie ist nicht zu letzt auch Protagonist der Welt. Sie partizipiert an der Welt, wirkt und waltet in der Welt. Sie ist sowohl Subjekt als auch Objekt der Welt und der übrigen Protagonisten dieser. Folglich ist sie über die Welt erhaben und sogleich sich in diese eingliedernd. Sie ist immer auch von der Welt betroffen, von dieser ebenso abhängig wie die Welt von ihr. Zu schaffen, schöpferisch tätig zu sein, bedeutet immer auch ein Verhältnis einzugehen. Und ein Verhältnis einzugehen bedeutet, sich mit demjenigen zu verstricken, zu dem das Verhältnis besteht.

Der Gott der Bibel spricht. Sprechen bedeutet laut Derrida „die Erfahrung dessen machen, was dem Sprechen durch das Sprechen selbst geschieht“. Der Gott in Abbitte schreibt. Die eigentliche Tragödie, die Abbitte zu einer werden lässt, muss hier nicht aufgerollt werden. Das Ziel des Ganzen ist bereits vor seinem ersten Akt dem Titel der Tragödie selbst eingeschrieben: Abbitte. Dieses aus der Mode gekommene Wort ist der Versuch das englische Original einzufangen, nämlich „atonement“, was für gewöhnlich mit „Versöhnung“ übersetzt wird, dem Begriff nach jedoch zu-eins-sein bedeutet. „Atonement“ meint folglich das, was passiert ist, wenn man dasjenige, was einen trennte überwunden hat und nun wieder zusammen ist, quasi nun wieder nicht nur eins sein kann, sondern auch eins ist – und dies ist es, was Versöhnung im Deutschen meint.

Der Gott in Abbitte schreibt, Briony schreibt. Die Tragödie lässt sich nicht aus der Welt schaffen, sie ist irreversibel. Was geschehen ist, ist geschehen, ist in die Welt eingeschrieben und in all jene, die betroffen sind – dies schließt Briony ein. Gott ist betroffen von dem, was geschieht. Die Dinge gehen nicht spurlos an Gott vorbei. Hier stellt sich folglich nicht die Frage ob Gott allmächtig ist oder nicht, ob er die Vergangenheit rückgängig machen kann oder nicht. Die Allmacht Gottes ist nicht die Frage der Bibel und ebensowenig in Abbitte, sondern die der Philosophen – vielleicht aus der Hybris des die Welt umdenkenden Menschen geboren, vielleicht aus der Realisation der Unerträglichkeit des eigenen, begrenzten Seins.

Wenn nun aber Gott das Geschehene nicht rückgängig machen kann, nicht weil er nicht will, nicht weil er sich sträubt, nicht weil er stur an seinen Entscheidungen festhält, sondern weil das Geschehene irreversibel ist – sich darin übrigens, sprich in der Kostbarkeit eines jeden Moments – nicht zuletzt die Dignität des menschlichen Daseins ausdrückt, dann bekommt das Schreiben Gottes in Abbitte, wie auch das Sprechen Gottes in der Bibel einen Sinn, den es meines Erachtens zu bedenken gilt; ein Sinn, der vielleicht noch überhaupt nicht bedacht wurde.

In Abbitte, dies sei nochmals in aller Deutlichkeit betont, geht es um Versöhnung. Doch Gott kann sich nicht mehr versöhnen. Die beiden geliebten Menschen sind nicht mehr. Wenn nun also Gott schreibt, unablässig weiterschreibt, dann vielleicht um die Erfahrung dessen zu machen, was durch die Tätigkeit selbst geschieht – übrigens eine nicht wahllose Tätigkeit mit nicht wahllosem Inhalt. Gleich einem performativen Sprechakt, indem gleichsam das getan, was gesagt wird, wird die Tat, ja wird der Effekt der Tat bewiesen durch die Vollführung der erst nur angekündigte Tat selbst. In performativen Sprechakten realisiert sich also das Gesagte während es gesagt wird, in seinem Gesagt-Werden. „Ich vergebe Dir!“, oder: „Dir wurde (durch mich, i. e. ein (beliebiges) Subjekt) vergeben!“ Im performativen Sprechakt „Ich vergebe Dir!“ geschieht mit den artikulierten Worten gleichsam das, was gesagt wird, nämlich die vom Subjekt dem Objekt gewährte Vergebung.

In der jüngst veröffentlichten zweiten Folge der achten Staffel der weltweit erfolgreichen Kultserie Game of Thrones geschieht etwas vergleichbares. Am Abend vor der großen Schlacht zwischen der menschlichen Allianz und den wiedererwachten Toten. Es soll etwas bis dato unerhörtes geschehen, eine Frau, Lady Brienne von Tarth, soll verdientermaßen zum Ritter, zur Ritterin, geschlagen werden. Jaime Lannister, einstiger Königsmörder, einstiger Gardist der Wache des nachfolgenden Königs, Erzeuger wiederum dessen Nachfolgers und einstiger Geliebter der aktuellen Königin, weist darauf hin, dass es zum Ritterschlag nicht etwa eines Königs oder einer Königin bedarf, sondern schlicht eines Ritters. Um dies, was er gerade zur Verblüffung aller Anwesenden als Factum deklarierte zu beweisen, meint er lediglich: „I’ll prove it!“, „ich werde es beweisen“. Jaime Lannister holt weder einen Schmierzettel hervor noch einen Folianten aus der in der nähe gelegen Bibliothek, die seine – alle übrigen Anwesenden zum Schweigen veranlassende – Behauptung beweisen würden. Nein, Jaime Lannister, beweist nicht durch das Hervorbringen niedergeschriebener, externer Quellen, sondern er beweist durch die Vollführung dessen, was er zuvor behauptet hat. Wahrheit, das Wahre, realisiert sich, wird Factum, wird wahres Factum im Moment seiner Vollführung, gleich ob es nicht geschehen könnte, wenn es nicht vollführbar ist. Doch es ist vollführbar. Jaime Lannister schlägt vor allen anwesenden Würdenträgern Brienne von Tarth zur Ritterin, zum Ser – niemand schreitet ein, kein Mensch, kein König, keine Königin, kein Gott, weder der Herr des Lichts, noch der Many-faced God, der Gott des Todes. Das, was gesagt wurde, das, was gesagt wird, realisiert sich, wird Factum, wird was es war, nämlich Wahrheit, wird wahres Factum.

Wie also kann sich Gott nun aber mit dem Irreversiblen versöhnen? Vielleicht indem er während er davon schreibt, im Akt des Schreibens selbst, für sich realisiert, ja er selbst das erlebt, quasi ihm das geschieht, was er schreibt – Abbitte.

ENTSCHEIDUNGEN À LA „ROT“ UND „BLAU“

Kennen Sie die „Entscheidungsszene“ im spätneunzigerjahre Kultfilm Matrix? Im Zentrum stehen zwei Männer mittleren Alters und zwei bunte Kapseln. Der Ältere von beiden heißt Morpheus, eine tendenziell dubiose Gestalt, die sich vor allem durch ein über die Maßen exzentrisches Äußeres, eine verklausulierte Sprache, einen unablässigen Fokus auf die Endzeit auszeichnet, die für die Menschen noch düsterer ausfallen wird als das gegenwärtige, bereits trostlose Leben und sich auf der Suche nach dem Erlöser befindet. Kommt Ihnen das bekannt vor, da ist einer, der in merkwürdiger Erscheinung auftretend, von der Endzeit faselt und den Erlöser in Empfang nehmen will? Ganz genau, bei Morpheus handelt es sich quasi um den biblischen Täufer Johannes des Sci-Fi-Popevangeliums. Er ist sozusagen die „Stimme eines Rufers in der (digitalen) Wüste“.

Der jüngere der beiden heißt Thomas A. Anderson. Was die beiden Männer verbindet ist ihre gegenseitige Suche. Auch das kennen wir aus der Bibel, denn nicht allein Johannes ist in Erwartung, quasi auf der Suche nach dem Erlöser, sondern auch Jesus – den Titel Christus, sprich Messias, muss er sich erst noch verdienen – ist auf der Suche nach Johannes. Aus nicht wirklich klar ersichtlichen Gründen, suchen diese beiden Männer einander, von denen aufgrund kultureller Gepflogenheiten in diesem Alter bereits die erfolgte Eheschließung mit einer Frau zu erwarten gewesen wäre.

Trotz gegenseitiger Suche, scheint die Rollenverteilung klar: Morpheus stellt den Messias in Spe Thomas A. Anderson, besser bekannt unter dem Pseudonym Neo, vor die Wahl. Der Täufer Morpheus offeriert dem Messias Neo zwei Kapseln, eine rote und eine blaue. Beide Kapseln stehen für eine bestimmte Realität. Im Film Matrix steht die blaue Kapsel für die Welt, wie sie „Mr. Anderson“ (Neo) kennt, eine Welt die ihrem äußeren Schein gemäß der Welt am Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts gleicht. Die rote Kapsel steht hingegen für die sogenannte „real world“, die wirkliche Welt. Die „wirkliche Welt“ im Film ist eine post-apokalyptische Welt. Die Erdoberfläche ist staubig-trocken und von gigantischen Stahlbetonruinen überzogen – oder anders ausgedrückt: die Erde ist unbewohnbar, wüst und quasi leer. Von all dem weiß Neo allerdings noch nichts. Doch das scheint dem auf Erlösung erpichten Morpheus auch egal zu sein. Was zählt, ist allein die Wahl der Kapsel.

Und welche Kapsel nimmt Neo? Natürlich die rote! Andernfalls hätte der Film auch ein jähes Ende genommen – an „Sequels“ wäre gar nicht erst zu denken, vielleicht eine Wohltat für so manchen, die Fortsetzungen Reloaded und Revolutions hassenden Fanboy. Selbstverständlich lässt sich ein Blockbuster auch nicht in 15 Minuten erzählen. Hinzukommt, dass eine in ein signalfarbenes Gewand gekleidete Kapsel, wie die rote, einfach unwiderstehlich aussieht. Zwei weiße Kapseln, das wäre fair.

Wenn man es genau bedenkt, kann wirklich nicht behauptet werden, dass sich Neo aufgrund der abverlangten Entscheidung einen Zacken aus der Krone brechen musste. Und wenn Neo der Messias ist, war die Wahl dann nicht schon lange entschieden? Hat der vom Schicksal Erwählte überhaupt eine Wahl? Was spielt also noch in seine Entscheidungsfindung oder die für ihn getroffene Wahl hinein?

Zurück in die Zukunft der Neunziger. Wohl von der Bibel inspiriert, steht auch am Anfang der Sci-Fi-Odyssee der damals noch als Wachowski-Brüder bekannten Macher eine Frau – heute spricht man genderkorrekt von Wachowski-Geschwistern. In der Narrative ist es eine schicksalhafte Fügung – gerade an das Schicksal mag der auserwählte Held der Geschichte zumindest zu Beginn noch nicht so recht glauben –, die Mann und Frau zusammenführt. Dass die Entscheidung eines Mannes von der Entscheidung einer Frau abhängt, behaupten schon die Autoren der biblischen Paradiesgeschichte – es war bekanntlich Eva, die Kontakt zu zur Sünde verleitenden Schlange unterhielt und ihrem Manne Adam, dem prototypischen Menschen, von der vermutlich schmackhaft aussehenden Frucht zu naschen gab.

Am Anfang ist die Frau und nichts war wüst und leer. Der Name der Frau, und hier beschreiten die Schöpfer der „Matrix“ einen eigenen Weg, lautet nicht Eva sondern Trinity. Dieser Name ist keineswegs weniger bedeutungsschwer als Eva, die Leben Gebende, denn kaum bezweifelbar spielen die Wachowski-Geschwister entweder auf die heilige Dreifaltigkeit der Christenheit an, ein im 4. Jahrhundert entwickeltes Dogma, oder auf den ersten Kernwaffentest der Welt, ausgeführt von den Vereinigten Staaten von Amerika im Sommer 1945. Die Frau, Trinity, ist also entweder die Wachowskische Interpretation einer Einheit, die klassisch in Gott-Vater, -Sohn und -Heiliger Geist unterschieden wird und folglich als deren Interpretation des Göttlich-Weiblichen begriffen werden müsste – die Vagina als Pfad zur Transzendenz. Oder die Frau ist schon immer, zumindest in der „Matrix“ Anfang vom Ende, eine alles vernichtende Gewalt der Auslöschung von dem, was auf der Erde kreucht und fleucht, sowie im Himmel ist und unter der Erde im Wasser.

Für die, die es nicht wissen, Trinity ist die die Matrix hackende Femme fatal, quasi die Eva der Geschichte, ganz und gar in schwarz gekleidet – so etwas denken sich nur 90er Jahre Nerds aus –, die schon weiß, was der Mann noch nicht weiß, nämlich das sie für einander bestimmt sind – das volle Programm –, allerdings folgen Händchenhalten, Kuscheln und der obligatorische Filmsex, viel Schweiß, schweres Atmen und Gestöhne, erst in der Fortsetzung. Trinity schafft es Neo mit ihren ruhigen, bedachten, aber doch energischen Worten, gewürzt mit einer Prise Laszivität, und ihrem perfekten Wimpernschlag davon zu überzeugen, dass irgendetwas mit seiner Welt nicht stimmt. Und natürlich muss das so sein, wenn es diese sanft-kühle Schönheit behauptet. Wenn etwas nicht zu stimmen hat, dann stimmt es eben nicht. Punkt. (Das ist Wahrheit jenseits alternativer Fakten.)

Aber halt! Bis auf den bereits leicht erregten Nerd, müssten hier zumindest all diejenigen Zuschauer kritisch einhaken, die sich noch nicht völlig von Trinitys bloßem Auftreten einlullen ließen. Denn eigentlich stimmte doch alles mit der Welt im Allgemeinen und mit seinem Leben im Besonderen. Neo hatte ein Dach über dem Kopf, einen gut bezahlten, sicheren Job als Programmierer in einer großen und angesehenen Firma. Tatsächlich aber stimmt rückblickend mit seiner Welt eben doch nur dann alles, wenn man einmal davon absieht, dass er in seiner offensichtlich zu üppigen Freizeit staatliche Institutionen „hackte“, sprich Straftaten beging, und die gestohlenen Daten auch noch an dubiose Gestalten auf Meskalin verkaufte – Neo, der Robin Hood der Datenwelt, beklaut die Reichen und schenkt es den psychedelisch Abgefuckten. Na ja, es ist eben noch kein Messias vom Himmel gefallen und ein langer, gut sechseinhalbstündiger Kinofilmweg zum Erlöserdasein, soviel steht fest.

Aber erinnern sie sich noch an Adam und Eva? Das lief vermutlich genauso. Er, von Gott in einen mutmaßlich wunderschönen Garten inmitten einer Steppe verpflanzt, führt das glückliche Leben eines kindlich-naiven Müßiggängers, der eigentlich nur ein Verbot kennt, nämlich nicht die Frucht eines bestimmten Baumes zu verzehren. Und dann kommt die noch-nicht-Angebetete und erklärt ihm, dass etwas mit seiner Gartenwelt nicht stimmt und er deshalb nun eine Entscheidung treffen müsse, nämlich entweder die (vermutlich) „rote“ Frucht zu essen oder aber weiter verträumt in den „blauen“ Himmel zu blicken.

Das Ergebnis ist wohlbekannt. Der Kerl schluckt die Frucht, quasi die „rote Kapsel“ der Bibel, und voilà: „welcome to the real world“, um es mit den Worten des Täufers Morpheus zu sagen. Die wirkliche Welt des Adam, sprich die Zeit nach dem müßiggängerischen Gartenleben, war die einer staubigen Wüste, heiß und trocken. Die wirkliche Welt Neos, also die Zeit nach dem müßiggängerischen Großstadtjunggesellenlebens, war die eines rostig-feuchten Gefängnisses aus Stahl, kalt und öde.

Ecce homo seht den Menschen! Seht, wie er da steht und fortan Disteln kaut oder auf der Nebukadnezer, dem Schiff des Morpheus, wässrigen Haferschleim herunterwürgt, der nach Aussage eines Crewmitglieds nichts weiter ist als „eine Schüssel voll Rotz“. Ob sich Adam je wünschte in den Garten inmitten der Ödnis zurückkehren zu dürfen? Und Neo? Wir wissen es nicht! Aber Cypher, die schurkische Kreation der Gott spielenden Wachowski-Geschwister, reut es bekanntlich sehr dieses Paradies namens Matrix verlassen zu haben, versucht sich seine Rückfahrkarte ins Paradies mit Verrat zu erschleichen und wird fortan keine Missetat scheuen um sich den Weg dorthin zu bahnen. Doch wie einst Adam und dessen Nachkommen durch Engel mit flammender Klinge vom Wiedereintritt ins Paradies gehindert werden, bleibt auch Cypher aufgrund eines ihn röstenden Blitzstrahlers der Weg zurück ins digitale Paradies namens Matrix verwehrt.

Das Schicksal ist eine Einbahnstraße – einmal beschritten, gibt es keinen Weg mehr zurück. Im Falle der Bibel und dem Sci-Fi-Epos Matrix beginnt das Schicksal mit einer Frau, einem unwiderstehlichen Angebot und der Illusion der Freiheit.

Und beim nächsten Mal, bei der nächsten – unerwartet unterbreiteten –Wahl? Lassen Sie sich besser nicht an der Nase herumführen und nehmen noch vor der (Schein-)Wahl gleich die Rote! Bis dahin sollten sie den „blauen“ Himmel im Paradies genießen – die Realität kann warten.

BEDENKEN SECOND IN ECHTZEIT

Heute geschieht alles in Echtzeit. Dinge werden in Echtzeit produziert und sind in Echtzeit erlebbar, ja werden in Echtzeit erlebbar gemacht. Ich kann beispielsweise mit einem Freund in Echtzeit chatten – ich lebe in Deutschland und er in Australien. Ich kann in Echtzeit Opern am anderen Ende der Welt beiwohnen ohne am Ort ihrer Aufführung sein zu müssen. Nächste Woche findet in meiner Wahlheimat Jena sogar ein Echtzeit-Architekturevent statt. Ich kann folglich erleben wie urbane Architektur geschieht. Und ich kann in Echtzeit erleben wie Politiker Blödsinn von sich geben.

Das Neo-Liberale keine „Ökos“ sind, mag niemanden verwundern. Dass die „Ökos“ oder Grünen, heute vielleicht sogar das Feindbild der Neo-Liberalen schlechthin darstellen, noch vor den Linken, wohl ebensowenig. Der politische Kampf hat heute mehr denn je etwas mit dem Image zu tun und aus welchen Gründen auch immer, gelten „Ökos“, Grüne und ihre Anhänger als gemeinhin von einem moralischen Impetus aus handelnd – grün denkende und handelnde Menschen stehen gemäß weit verbreiteter Überzeugung auf der moralisch richtigen Seite. Wie kommt man also denen bei, die quasi die moralische Correctness gepachtet haben, na klar, man deklariert sie einfach als „hypermoralisch“, so geschehen durch Christian Lindner auf dem FDP-Parteitag. Das funktioniert ungefähr so: Christian Lindner steht am Billiardtisch, macht die weiße Kugel  – die Betonung liegt auf weiß, was für (moralische) Unbescholtenheit stehen kann – als Feind aus, setzt an und bäm, kickt mit dem verbalen Ausbruch „hypermoralisch“ die Gutbürger mit dem blanken Image aus dem Zentrum der Betrachtung, aus dem Zentrum der medialen Aufmerksamkeit und der Gunst der Wähler. So funktioniert Parteikampf, der eigentlich kein Parteikampf ist, sondern ein ideologischer in Echtzeit. Und ob diese Art Taktik erfolgversprechend ist, darf bezweifelt werden.

Und sollte der Billiardtrick tatsächlich seine Wirkung verfehlen, so hat Herr Lindner noch mindestens ein Ass im Ärmel, natürlich gegen die „Ökos“, die Grünen, aber das versteht sich von selbst.

Ein As namens Populismus. Sich auf „eine vierköpfige Familie“ als Opfer von Öko-Politik einzuschießen, nämlich durch die Besteuerung des CO2-Ausstoßes mit 180 Euro pro Tonne, ist eher publikumswirksame Panikmache als reflektierte Politik. Umso mehr als dass der Liberale die eigentlichen Klimasünder weder in die Pflicht nimmt, noch mit Hilfe der eigenen kognitiven Fähigkeiten, die ihm sicherlich niemand abstreitet, sowie denen seiner Anhänger, den Grünen den Schneid abzukaufen trachtet, indem er ökologisches und liberales Wirtschaften zusammen vordenkt. Aber Pustekuchen – „Bedenken second“!

Dies gilt auch für die sogenannte „Absicherung ohne Gegenleistung“. Gemeint ist natürlich das „bedingungslose Grundeinkommen“ (BGE). Nun kann Herr Lindner nicht „bedingungsloses Grundeinkommen“ sagen, weil schon knapp mehr als jeder Zweite in diesem Land für ein BGE stimmt, also wird es einfach kurzerhand „Absicherung ohne Gegenleistung“ genannt. Diese kostet natürlich Milliarden – woher nehmen? Und dann auch noch für Menschen, die angeblich nicht arbeiten wollen? (Anm. d. Red.: Eine bodenlos freche Behauptung!) Wie verkauft man solch eine Chutzpe den „hart arbeitenden“ Firmenbossen, Finanzmogulen etc.? Beim Geld hört bekanntlich der Spaß auf, die Freundschaft sowie und leider auch das (Weiter-)Denken. Eine liberal wirtschaftende Welt von morgen mit BGE? Zukunft sozial, grün und liberal denken? No way – „Bedenken second“! Der zweite Teil des FDP-Wahlwerbeslogans von 2017 wird somit zum Hemmschuh kreativen, sozial-freundlichen und ökologisch-nachhaltigen Wirtschaftsdenkens.

Mindestens eine Weisheit hat Herr Lindner seinen Zuhörern allerdings doch anvertraut: Chinesisch lernen! Recht hat er. Und er geht mit gutem Beispiel voran. Denn dann kann er sich auch in die reiche chinesische Literatur vertiefen – zur ökonomischen und wissenschaftlichen Verständigung eignet sich das Englische deutlich mehr. Vielleicht stößt er sogar auf Kulturschätze wie das Tao-Te-King und wenn er dann mal wie jetzt in der Politik nicht weiterweiß, bleibt immer noch die Option dessen Weisheit zu befolgen: Rückzug aus weltlichen Angelegenheiten.

PARADISE NOT LOST – Über Götter, Menschen, Maschinen und Arbeit

Inūma ilū awīlum. „Als die Götter wie Menschen waren.“ So beginnt das etwa 3800 Jahre alte mesopotamische Epos Atraḫasis. Als also die Götter wie Menschen waren, da leisteten sie Zwangsarbeit. Diese Götter ertrugen die ihnen auferlegte und überaus große Plackerei. Und nochmals, als würde die einmalige Erwähnung nicht ausreichen, versichert das Epos dem Rezipienten, dass die zu leistende Zwangsarbeit schwer war und das Elend groß.

Nehmen wir einmal an, dass Sie der Rezipient dieses Epos sind. Stellen Sie sich vor, Sie sind nun ein Handwerker oder Bauer, der im Schweiße seines Angesichts in der sengenden Hitze ein Feld pflügt, dieses aussät und darauf angewiesen ist etwa dreimal jährlich die Ernte von diesem Felde einzufahren. Zwischen den Erntezeiten erflehen Sie inbrünstig den nächsten Regen. Und nun erzählt ihnen jemand eine Geschichte davon wie es war als die Götter wie Menschen waren. Was werden Sie denken? Vielleicht werden Sie die Nase rümpfen und Gedanken wie „was wissen diese Götter schon von echter Arbeit“, werden in Ihnen aufsteigen. Und weil Nūr Ajja, der Autor – möglicherweise auch nur der Schreiber – des Atraḫasis, vielleicht gerade den skeptischen, seine Nase rümpfenden Zeitgenossen vor Augen hatte oder einst gar dasselbe gedacht haben mag als er die Erzählung vielleicht in gleicher, vielleicht in anderer Form vernommen hat, fügte er minutiös an, was diese Götter, die wie Menschen waren, alles zu leisten hatten.

Die Götter gruben Wasserläufe, schufen folglich Kanäle zur Bewässerung des Landes. Denken Sie sich nun: „Nicht spektakulär genug…“? „Das kann ich auch!“, möchten Sie selbstsicher hinzufügen? Ja, aber haben Sie schon mal einen Fluss ausgehoben vom Format des Tigris, der eine Länge von 1900 Kilometer misst und aus dem durchschnittlich pro Sekunde mehr als 1000 Kubikmeter Wasser abfließen? Dagegen wirkt Rest, sprich das Öffnen von Wasserquellen und der Bau von Brunnen, in etwa wie das Errichten von Kleckerburgen durch Kleinkinder am Strand. (Als einsichtiger Leser, der sich seiner menschlichen Begrenztheit bewusst wird, schweigen Sie und lesen weiter.) Dass die Götter auch noch die Berge aufschütteten mag Sie jetzt nicht mehr schockieren – es sind wohl doch Götter und keine Menschen.

Des Weiteren werden Sie sich vermutlich fragen, inwiefern die Götter nun eigentlich wie Menschen sind bzw. was jene diese werden lässt. Die Antwort ist ebenso einfach wie polemisch: es ist ihre Plackerei, ihre Arbeit, über die sie nichts weiter vermögen außer zu jammern! Die Menschen, also genau genommen die Götter, sind Menschen, weil sie arbeiteten. Und eben weil sie arbeiteten, beschwerten sie sich und verurteilten in Folge dessen ihr Dasein. Und so nimmt es nicht wunder, dass sie, die arbeitenden, sprich niederen Götter gegen den Ratgeber der (hohen) Götter namens Enlil konspirierten. (Was eine recht freundliche Umschreibung dessen ist, was wir in marxistische Terminologie gekleidet wohl als Revolution des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie bezeichnen dürften.)

Ohne weiter auf den Fortgang des Epos Atraḫasis einzugehen, darf also festgehalten werden, dass im Horizont einer der ersten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte Götter wie – nicht zu – Menschen werden, wenn sie denn arbeiten müssen. Im Umkehrschluss werden die wie Menschen seienden Götter zu Göttern erst in dem Moment da sie sich von der Arbeit befreien können. Die Parallelen mit der heutigen Zeit drängen sich deutlich auf: Die höheren Götter sind die Firmenbosse global operierender Unternehmen, die niederen Götter hingegen, die oft sehr hart arbeitenden normalsterblichen Massen auf diesem Erdenrund.

Szenenwechsel. Ein anderes, wesentlich berühmteres, aber dem gleichen Kulturraum entsprungenes Epos degradiert die Götter nicht auf das Niveau von Menschen. Vielmehr wird dort der Mensch im Bilde Gottes geschaffen. Oder liest man die für das Wort „Gott“ gebrauchte hebräische Pluralform, nämlich Elohīm, gegen den Strich, wird der Mensch im Bilde der Götter geschaffen. Der Mensch in diesem Epos – Sie ahnen sicherlich schon welches – ist also wie ein bestimmter Gott oder vielleicht auch wie viele Götter geschaffen worden, welche dann allerdings, anders als im Atraḫasis, in Einmütigkeit den Menschen erschufen. Die Aufgabe des im Bilde Gottes geschaffenen Menschen ist es jedoch, wieder anders als in seinem altorientalischen Gegenstück, nicht zu arbeiten. Warum auch? Immerhin ist sein Schöpfer gerade kein Arbeiter, geschweige denn ein Workaholic. Er schafft alles in sechs Tagen, danach wird geruht – bis heute.

Der erste Mensch, der also im von Gott bestellten, üppig blühenden Garten inmitten einer Steppe das beschauliche Leben eines Müßiggängers führen darf, verscherzt es sich unglücklicherweise mit seinem Schöpfer, wird daraufhin aus diesem irdischen Paradies vertrieben und muss fortan im Schweiße seines Angesichts das Feld bestellen – paradise lost. Nach biblischer Vorstellung macht der Mensch also nunmehr exakt das, was den Menschen gemäß altorientalischer Vorstellung überhaupt erst zum Menschen macht: Der Mensch arbeitet von früh bis spät und zwar bis er selbst wieder zu Erde wird, sprich irgendwann sein Leben bei der Plackerei aushaucht und zu Grabe getragen wird. Glücklich jene, die lebendig das Renteneintrittsalter erreicht haben und die letzten Jahre ihrer irdischen Existenz nicht noch darauf angewiesen sind sich etwas hinzuverdienen zu müssen. Es werden immer weniger.

Welche Lehre im Sinne einer „Utopie“, dem Mantra der Futurologen unserer Zeit, sollen wir aus diesen beiden Epen alter vorderasiatischer Hochkulturen ziehen? Sicherlich mindestens eine: Insofern die Menschen ihr Menschsein als arbeitende Lebewesen überwinden und selbst zu Göttern avancieren wollen, müssen sie Wesen erschaffen, die sie von der Plackerei befreien und an ihrer statt arbeiten werden. Der Mensch ist also nicht auf ewig dazu verdammt sein Dasein als homo laborans zu fristen, jenseits des Paradieses.

Nach der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies, aufgrund seines unrechtmäßigen Verzehrens der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, setzte Gott alles daran ihm eine weitere Frucht zu verwehren, nämlich die des Lebensbaumes. Der Mensch nun „Einer von uns“, wie Gott konstatiert, quasi ein moralisches Wesen, sollte nicht auch noch ewig leben. Also schickte dieser jenen fort und ließ den Garten mit feuriger Klinge beschützen. Seitdem fristen die meisten Menschen ein Leben in Plackerei. Nur einige wenige Menschen vermochten es bisher und dann häufig auf Kosten der unzählbaren Masse sich ein eigenes kleines Paradies zu erschaffen. Lesen wir diese beiden Epen eines gemeinsamen Kulturraumes zusammen so können wir festhalten, dass der Mensch aufgrund seiner Arbeit zum Mensch wird, seinem Wesen gemäß sich allerdings nicht darauf reduzieren (lassen) muss. Des Weiteren, dass der Mensch ein moralisches Wesen und sterblich ist, auch wenn die Unsterblichkeit ein seit Menschengedenken existenter Traum ist – niemals war die Verwirklichung dessen greifbarer als damals im Paradies.

Es wird Zeit, dass der Mensch Maschinen schafft, wie einst die Götter den Menschen. Vielleicht ist es trefflicher zu sagen, dass er Maschinen schafft und schaffen wird, die Maschinen hervorbringen, so wie Gott den Menschen schuf und dieser fortfolgend Menschen hervorbrachte und noch immer hervorbringt. Schlussendlich muss nur noch die Einsicht wie ein Samen gedeihen, der umschlossen ist von fruchtbarem Grund, dass die Plackerei des Menschen kein unausweichliches Schicksal darstellt und die Maschinen den Menschen ersetzen können.

Eine künstliche Intelligenz mag dann in Form von Bits und Bytes von einer Geschichte Zeugnis ablegen, das erste digitale Epos hervorbringen und vielleicht wird es den Namen Atraḫasis tragen. Und ganz gleich ob die KI die Ereignisse dieser Geschichte, die Mythen und Legenden, wohl verwahrt in einer eigentümlichen Sprache, erlebt hat oder auch nicht, sie wird sie bestimmt mit den Worten „als die Götter noch Menschen waren“ beginnen lassen – paradise not lost.

DEN ERLÖSER TÖTEN? UNBEDINGT! – Ein unorthodoxer Zugang zum Leiden Jesu und Frodo Beutlins

Am Anfang des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung hat das Imperium Romanum eine bereits kaum vorstellbare Ausdehnung. Es reicht vom nordwestlichen Zipfel der iberischen Halbinsel bis nach Zentralanatolien, von der Bretagne über die Normandie, die Alpenregion, den Balkan, das heutige Griechenland, und natürlich die Apenninen-Halbinsel, sowie weite Teile Nordafrikas bis nach Oberägypten, den Nil entlang. Außerdem hat Rom die Herrschaft – direkt oder via Vasallenkönige – über die Levante, sprich Westsyrien, den Libanon, sowie über die Provinzen Judäa und Samaria, in etwa das Territorium des heutigen Israel und Palästina.

Im Gegensatz zu Rom, dem Juwel des Reiches und inmitten dessen gelegen, befanden sich die Provinzen Judäa und Samaria in der buchstäblichen Peripherie des Reiches. Judäa und Samaria waren weder reich noch auch nur im Ansatz landwirtschaftlich einem Ägypten jener Zeit vergleichbar. Die Kargheit des Landes spiegelt seine Bedeutung wider. Aus römischer Perspektive gab es dort nicht viel mehr als unzivilisierte Volksgruppen, die sich nicht an die „Spielregeln“ hielten. Weder ein neuer Kaiser und noch viel weniger ein neuer Soter bzw. Salvator, sprich ein gottgleicher Retter, könnte dieser Region gemäß der vorherrschenden Eliten erstehen. Der erwählte Mensch wurde in Rom zum Gott gemacht. Eine gottgleiche Verehrung konnte dem Kaiser noch zu Lebzeiten widerfahren, wahrscheinlicher jedoch nach seinem Ableben. Der zum Gott avancierte Mensch wurde nach seinem irdischen Dasein quasi in einen Tempel verfrachtet, und ob er nun wollte oder nicht, dort verehrt.

Nach christlicher Vorstellung stammt bekanntlich der hebräische bzw. israelitische Handwerker Jesus, der nicht nur als Mensch, sondern auch als Inkarnation Gottes auf Erden verehrt wird, aus der Peripherie des Römischen Reiches, nämlich aus Galiläa. Die Geschichte und Bedeutung Jesu für das orientalische, orthodoxe sowie abendländische Christentum sind so weitläufig bekannt, dass es hier keiner näheren Ausführung bedarf. Dass allerdings von Seiten der Israeliten sowie der ersten Christen das Kommen des tatsächlichen Retters nun gerade nicht aus dem Caput Mundi, sprich Rom, sondern aus einem verhältnismäßig kleinen Gebiet in der Peripherie behauptet wurde, durfte aus römischer Perspektive wohl als Affront begriffen werden.

Wie dem auch sei, aus jüdisch-christlicher Perspektive hat der Retter aus Judäa, genau genommen aus Bethlehem, zu stammen. Es nimmt daher nicht wunder, dass der Katholik J.R.R. Tolkien, der Autor des Epos Der Herr der Ringe, seinen Weltenretter Frodo in die Peripherie von Mittelerde – Tolkiens fiktiver Welt – verpflanzt. Da allerdings Frodo weder etwas von der Welt begreift, die so viel größer und für ihn wohl auch mysteriöser ist als das heimische Auenland, fragt er den nicht selten bekifften Zauberer Gandalf: „Was tut sich draußen in der Welt? Du musst mir alles erzählen!“ Dieser offensichtlich aufgrund der Frage verdutzt, vielleicht auch gerade aus einem Delirium erwachend, antwortet ein wenig verklausuliert: „Tja, was soll ich dir erzählen? Das Leben in der weiten Welt verläuft genauso wie im vergangenen Zeitalter – ein ständiges Kommen und Gehen.“ So oder so ähnlich wird auch das weitläufige Reich mit seiner antiken Megacity Rom auf die Provinzbewohner Judäas und Samarias gewirkt haben – alles geht irgendwie zyklisch von statten, Senatoren und Feldherren, Könige und Kaiser kommen und gehen, die Menschen sind geschäftig, gleich ob merkantil oder bäuerlich. Die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Anders als Judäa und Samaria zu den Lebenszeiten Jesu, ist das Auenland ein friedliches, geradezu verträumtes Fleckchen Erde, reich an einfältigen Einwohnern und grünen, fruchtbaren Auen – ein kleines Paradies in Mittelerde. Doch aus welchem Grund auch immer, ist die Sünde niemals ganz fern, ganz egal wie friedlich und verträumt das Örtchen auch ist – so auch nicht fern vom Auenland. Das ganze Auenland hat sich in Beutelsend zur Feier des Tages, Bilbo Beutlin, der Onkel Frodos, feiert seinen „einhundertelfzigsten“ Geburtstag, versammelt. Während Gandalf die Gäste mit seinem exquisiten Feuerwerk bespaßt, haben die naseweisen Hobbits Meriadoc Brandybock und Peregrin Tuk einen Plan von nicht gerade teuflischer, doch aber unverfrorener Art ersonnen und sind im Begriff diesen zur Vollendung zu führen. Meriadoc hilft seinem Freund auf Gandalfs mit Feuerwerkskörpern schwer beladene Kutsche und Peregrin ergattert die größte Rakete von allen – selbstverständlich nicht um sie zu bewundern. Wie das Schicksal so will, zumindest wenn es aus der Feder eines Bibelkenners stammt, beginnt die Sünde – auch die allerkleinste – mit dem Biss in eine Frucht, einen Apfel. Einmal von der süßen Frucht genascht, steht nun nichts mehr zwischen den beiden Sündern und ihrer antizipierten Tat. Sie wussten was sie tun würden, ob nun schon Tage oder nur Augenblicke voraus und sie taten es. Die Sünde war in der Welt – auch im Auenland. Allerdings bereits schon vor dem Schabernack Meriadocs und Peregrins, sogar bereits vor deren Geburt. Die Schlange war bekanntlich auch schon im Garten vor der Frau des ersten Menschen namens Eva. Und es war die Schlange, die Eva dazu animierte die Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu nehmen, selbst davon zu essen und ihrem Manne davon zu essen zu geben. Die Sünde in Form einer zum Ring geformten Schlange war schon im Auenland, diesem kleinen Paradies auf Erden, lange vor der Jungendsünde dieser beiden naseweisen Hobbits.

Wie nun aber wird man das Böse – einmal in der Welt – wieder los und warum muss dafür eigentlich jemand leiden und sterben oder leiden und beinahe sterben, insofern ein anderer tatsächlich, quasi stellvertretend, stirbt? Davon wird die folgende Ausführung handeln.

Der Weg, der hinter Frodo und seinem sich sorgenden und unermüdlich die Treue haltenden Jünger Samweis Gamdschie liegt, war bereits beschwerlich und es ist keinerlei Besserung in Sicht. Die übrige Jüngerschaft hat den Erlöser Mittelerdes bereits, aber ungewollt verlassen und so sind die beiden Hobbits auf sich selbst gestellt – zumindest fast. Denn mit ihnen reist der wenig ansehnliche Golum, den sie kurzerhand, nicht ganz einstimmig, zu ihrem Fremdenführer befördern. Eine Stimme für Golum, eine gegen ihn. Aber wer kann einem Erlöser mit Kulleraugen schon einen Wunsch abschlagen? Im Falle von Jesu Jüngerkreis tanzte bekanntlich auch nur einer aus zwölf, sprich 8,33 Prozent, aus der Reihe.

Irgendwo in der Wildnis. Samweis offeriert dem sichtlich gezeichneten Frodo dessen Last zu tragen, zumindest für eine Weile. Gleich den Jüngern Jesu, die auf dessen Frage „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“, von beeindruckender Selbstsicherheit getragen, vielleicht auch von gehörigen Überheblichkeit, einmütig antworten: „Wir können es“ (Mt 20,22). In der Tat werden sie den Kelch Jesu trinken, wie er ihnen zu verstehen gibt. Aber sie werden diesen Kelch (der Pein und Erlösung) erst in zukünftiger Zeit zu sich nehmen müssen – nicht zu Lebzeiten ihres Erlösers.

Folglich kann auch nur derjenige wissen wie es ist „das Kreuz“ zu tragen, das Böse in der Welt in all seiner Abgründigkeit auszuhalten, der es allein durch das Abyss getragen oder dies wenigstens versucht hat. Deshalb kann Samweis in Golum, dieser verwahrlosten und schizophrenen Kreatur, die einem Hobbit einst sehr ähnlich war und auf den Namen Sméagol hörte, auch nie mehr als den Schurken sehen, in dem „nichts als Lüge und Verrat“ sei. Beim Blicken auf Golum, vernimmt Samweis nur das in Persona manifestierte Böse und scheut, ja fürchtet sich in gewisser Weise davor – verstehen tut er das Böse jedoch nicht. Und eben weil Samweis das Böse nicht versteht, versteht er Golum nicht, vermag auch nicht den personalen Kern oder den Überrest von Sméagol zu erblicken und ist somit auch außer Stande seinen Herrn, Frodo, und dessen barmherzige Beweggründe Golum bzw. Sméagol zu helfen, Beweggründe, die, und dies sei noch einmal ausdrücklich betont, aus reinem Mitleid erwuchsen, zu begreifen. „Der Ring ist mir anvertraut worden. Das ist meine Aufgabe, meine allein!“, herrscht Frodo seinen Jünger Samweis an. Doch dieser vermag auf Frodos plötzlichen Ausbruch mit nichts zu reagieren als dem sich auf seinem speckigen Gesicht deutlich abzeichnenden nackten Entsetzen. Ohne Sinn und Geschmack für das Wesen des Bösen, seine das Herz zersetzende und den Verstand korrumpierende Macht, wird man Frodos harsche Reaktion auf Samweis (ignorante) Verhaltensweise als einen Anflug cholerischen Temperaments abtun. Samweis würde wohl in seiner aus Ignoranz geborenen überheblichen Manier, den Jüngern Jesu gleich, „Ich kann es!“, rufen, wenn ihm die Bürde Frodos, nämlich das (materialisierte) Böse in der Welt zu tragen, offeriert werden würde.

Anders als Samweis, kennt Frodo, auf dem ganz allein das Böse der Welt lastet, komprimiert auf einen nur wenige Gramm schweren goldenen Ring, finsterer als die finsterste Nacht, die Last, die Golum einst zu tragen hatte. Eine Last, die dessen Leben zerstörte und dieses für Jahrhunderte bestimmt hat, eine Last, die Golum noch immer im Bann hält und mit der er niemals fertig werden würde. Dem Bösen in Nous war Golum niemals gewachsen, es schlich sich unverhofft in sein Leben und noch bevor er es hätte merken können, umklammerte es ihn, korrumpierte Verstand und Herz und lies ihn überhaupt erst Golum werden – dies macht Golum bzw. Sméagol in den Augen Frodos zum Opfer des Bösen und nicht zu dessen Urheber.

Und deshalb, aufgrund Sméagols inhärenter Schwäche, hätte das Böse auch nie zu ihm kommen dürfen. Doch darin liegt die eigentliche Perfidität des Bösen und drückt einen integralen Bestandteil des Wesenskerns des Bösen, vielleicht den entscheidendsten, aus: Das Böse schleicht sich von Hinten, aus den Schatten, nicht selten in Verkleidung, gut getarnt, an die Schwachen heran, an jene, deren Herzen leicht zu verführen sind, deren Verstand nicht vermag standzuhalten, die sich letztlich nicht gegen diese subtile Macht, die einem verderblich zuflüstert, wie es in der islamischen Tradition heißt, zu wehren vermögen.

Vom Bösen ergriffen werden viele, aber nur wenige kennen es auf so intime Weise, wie dies Frodo, der Jesus in Tolkiens Evangelium, tut. Deshalb muss er seiner eigenen Agonie auch nicht trotzen um Mitleid zu empfinden und den Wunsch zu hegen Golum oder dem personalen Überrest Sméagols Barmherzigkeit angedeihen zu lassen. Sondern gerade aus der Agonie heraus, erwächst Frodos Mitleid und Wunsch nach barmherziger Tat, die ihn als den zu erkennen geben, der er vom Schicksal dazu berufen ist, ohne sich darüber vielleicht selbst vollends bewusst zu sein – ebensowenig muss Jesus seinen Ursprung, Archḗ, und sein Ziel, Télos, kennen um der zu sein, der er ist. Das Wissen um das Erlöserdasein ist kein rationales. Der (potentielle) Erlöser kommt nicht nach langwierigem Brüten und reiflicher Überlegung oder abhängig vom Stand der Gestirne zur Überzeugung der Erlöser zu sein, geschweige denn den Erlöser zu spielen. Man ist der Erlöser oder nicht, niemand kann, auch nicht der Betroffene selbst, einem dies sagen.

Weder die Jünger Jesu noch Samweis konnten folglich die Tiefe des Daseins des jeweiligen Erlösers begreifen, denen sie nachfolgten. Dies umso mehr, da es sich bei ihrer konkreten Situation nicht allein um ein Erlöserdasein handelt, denn es geht doch letztendlich nicht allein um das Tragen und Aushalten des Bösen im Sinne einer alles erdrückenden Last, sondern auch um das Überwinden des personifizierten Bösen in der Welt. Walter Benjamin drückt dies in seinem berühmten Essay Über den Begriff der Geschichte folgendermaßen aus: „Der Messias kommt ja nicht nur als der Erlöser; er kommt als der Überwinder des Antichrist.“ Der Messias, sprich der Gesalbte – ein integraler Bestandteil jüdisch-christlicher Theologie –, ist Erlöser und Überwinder, er befreit und besiegt.

Als der Treueste der Jüngerschaft hält Samweis selbstverständlich Tag für Tag das sich in der Welt auf die eine oder andere Weise manifestierende Böse aus, er nimmt eine ungeheure Entbehrung in Kauf um Frodo auf seiner Mission zur Seite zu stehen, doch die Überwindung des in der Welt emanierten personifizierten Bösen, in christlich-religiöse Sprache gekleidet: des Antichristen oder Teufels, ist niemals die Aufgabe des Einzelnen, sondern des Auserwählten, was sich in seiner Messianität ausdrückt – Vorherbestimmung und Designation. Für einen kurzen Moment trägt Samweis den Ring. Dies spielt zweifellos auf Simon von Kyrene an, der dazu gebracht wird das Kreuz für eine bestimmte Zeit zu tragen. Dieser biblische Passus, kaum mehr als eine Annotation wird vortrefflich in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ illustriert. In Gibsons Interpretation des Leidensweges Jesu trägt Simon nicht allein das Kreuz, sondern auch den über die Grenzen der Erschöpfung ausgezehrten, schwer gegeißelten Körper Jesu. Es scheint ganz so, als ließe sich der Körper Jesu, noch nicht mit Stricken und Nägeln am Kreuz fixiert, schon nicht mehr vom das Böse und die Erlösung symbolisierenden Objekt trennen. So auch im Herrn der Ringe. Kaum realisiert Frodo, dass Samweis den Ring hält, quasi sein Kreuz trägt, verlangt es ihn danach jenen erneut an sich zu nehmen. Mit Nachdruck, beinahe besessen wirkend, fordert er den Ring zurück, den Samweis erst widerwillig, aber letztlich doch mit gequälter Miene zurückgibt. Vielleicht dämmert ihm hier zum ersten Mal, was das Böse in all seiner Abgründigkeit ist und was es bedeutet dieses zu tragen, es auszuhalten und überwinden zu wollen. „Begreif das doch. Der Ring ist meine Bürde. Er würde dich zerstören Sam.“ Die Abscheu im Angesicht dessen, was sich in all seiner unbegreiflichen, finsteren Tiefe vor ihm auftut, lässt Samweis vor dem ultimativen Bösen zurückweichen. Niemals wieder wird er seine Hand nach dem Ring, dieser Manifestation des Bösen, ausstrecken. Einzig den Ringträger wird er stützen und buchstäblich zum Golgatha Mittelerdes tragen.

Beladen mit dem Bösen der Welt, schleppt sich Frodo mit dämonischer Eile die letzten Meter, das Ende seiner Via Dolorosa, zum Ort der Entscheidung. Nichts muss mehr getan werden als die Vernichtung des in Form eines Ringes in der Welt manifestierten Bösen. Frodo streckt den Arm aus und der Ring schwingt behäbig hoch über der feurigen Lava. Er muss nur noch seine Hand öffnen und die Gravitation würde den Rest erledigen. Doch Frodo wendet sich von seinem Schicksal ab und will den Ring für sich selbst nehmen. Schon zuvor war der Zweifel übermächtig, doch äußere Kräfte brachten den Erlöser Mittelerdes in Spe stets wieder auf den Pfad der Erlösung zurück. Auch Jesus war der Verzweiflung und damit dem Scheitern mehr als einmal nahe. Nach dem Evangelium nach Matthäus (26,39) befindet sich Jesus samt seiner Jünger, zumindest samt aller bis auf einen, im Garten Gethsemane im Tal östlich des Jerusalemer Tempelplateaus. Und dort überkommt es ihn plötzlich: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“

Jesus kann nicht mehr, wahrscheinlich will er auch nicht mehr. Sein bisheriger Weg war beschwerlich, aber nichts im Vergleich zu dem was noch kommen würde. Wer kann Jesus und Frodo den Zweifel und Kummer verwehren? Ihr Leben besteht letztlich aus wenig mehr als zu streben und zu leiden, weiterzustreben und noch mehr zu leiden. Und zweifellos kennt das Menschliche Grenzen – sowohl das Menschliche im Menschen Jesus als auch das Menschliche im Hobbit Frodo. Aber wie aus heiterem Himmel, seine an Gott adressierte Bitte noch kaum im Garten verhallt, strebt er schon weiter. Über das Wie und das Warum schweigt sich das Evangelium aus. Anders in einer Szene im Herrn der Ringe, noch auf dem Weg zum feurigen Berg, dort erscheint Frodo, buchstäblich am Boden liegend und ist weder kräftens noch willens einen weiteren Schritt zu gehen, die engelsgleiche Elbenhexe Galadriel in all ihrer Schönheit und Pracht. Sie ist es, die Frodo wieder auf die Beine holt und voranschreiten lässt. Es ist eine verlockende Vorstellung, dass auch dem Wanderprediger aus Nazareth jemand zur Hilfe kommt, vielleicht ein Engel, vielleicht die Hand Gottes – doch die Bibel schweigt sich aus. Vielleicht steckt im Schweigen des Textes die Spur etwas fundamental Wahren.

Nimmt man Jacques Derridas Einsicht ernst, dass der Text stets die Spur ist, die auf etwas zurück und vor verweist, sowie auch auf all das zurück und vor verweist, was nicht explizit im Text genannt wird, so ist das Schweigen des Textes als Antwort auf Jesu Bitte die Spur des tatsächlichen göttlichen Schweigens. Der Text geht weiter bzw. der Jesus im Text schreitet auf seinem Leidensweg voran, weil Gott und dessen Hofstaat schweigt. Der Text schweigt nicht über Jesu Widerwille, aber über den göttlichen Beistand. Und so nimmt es nicht wunder, bedenken wir, dass die Spur dessen was gesagt und nicht gesagt wurde, nicht allein zurück, sondern auch vor verweist, dass Jesus am Kreuz bitterlich erkennen wird, dass der Weg zur Erlösung der Welt nicht allein einsam ist, eine Einsamkeit, die auch die wenigen Treuen unter dem Kreuz nicht kompensieren können, sondern in der vollständigen Verlassenheit durch denjenigen münden muss, welcher der eigentliche Initiator dieses Leidensweges ist – Gott. Myriaden von Theologen zerbrechen sich ihre Köpfchen über diesen Ausschrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Ps 22,2) und versuchen ihn in der einen oder anderen Weise zu deuten, nicht selten unter dem Zwang stehend, dass doch Gott ein Gott der Liebe ist – Deus caritas est.

Aber phänomonologisch gesprochen, zeigt sich nichts dergleichen: kein Abtupfen der von einem Gemisch aus Schweiß und Blut besudelten Stirn des Erlösers, kein Streicheln oder Liebkosen des am Kreuz hängenden gemarterten Körpers, kein Küssen der durchbohrten Hände und Füße – auch wenn letzteres zumindest Mel Gibsons „Die Passion Christi“ suggeriert. Jesus wurde verlassen. Er war es nicht immer, ansonsten hätte er sich wohl kaum auf die Via Dolorosa, seinen ganz persönlichen Leidensweg zur Erlösung der Welt begeben, außer man möchte ihm eine Form geistiger Umnachtung unterstellen. Aber nein, meines Erachtens zeigt der Text ohne Umschweife in all seiner tragischen Wirklichkeit, was mit einem passieren muss um die Welt zu retten.

Doch damit nicht genug. Gott durfte gar nicht die Liebe sein – Deus non caritas est –, zumindest nicht immer. Gott durfte sich nicht auf die Bitte Jesu hin erbarmen. Nur ein Anflug der Barmherzigkeit und die Welt wäre vergangen, ins Dunkel getrieben und ewig gebunden worden, wie es im Herrn der Ringe heißt. Vielmehr musste Gott schweigen und er musste rasch handeln. Kaum drang Jesu Wunsch, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, über seine Lippen, waren die Wachen zu seiner Verhaftung schon auf dem Sprung. Wahrscheinlich läuteten bei Gott alle Alarmglocken. Nicht auszumalen, was geschehen wäre, wenn es sich Jesus anders überlegt hätte. Was wenn er seine Sachen gepackt und zurück nach Galiläa gekehrt wäre um dort das restliche Pessachfest zu verbringen – vielleicht wäre die Welt vergangen? Einst vor so vielen Jahrhunderten, als die Israeliten in ägyptischer Gefangenschaft ihr Dasein fristeten, ließ sich Gott verdammt viel Zeit – beinahe alle Zeit der Welt – und hat dafür sicherlich den einen oder anderen Rüffel bekommen. Aber diesmal würde er nicht warten, er brauchte es auch nicht, denn das Leid war real und es war groß. Gott wusste also, dass er handeln müsse und er handelte umgehend.

Mancher sagt, dass Gott durch die Menschen handeln würde. In keiner Geschichte leuchtet mir dies mehr ein als im Leidenswege Jesu. Nicht Judas ließ Jesus hinrichten, noch die Wachen, noch der Hohepriester oder die übrigen israelitischen Würdenträger, noch die römischen Soldaten, noch Pontius Pilatus, sondern Gott. Gott wollte Jesu Leiden und ihn am Kreuz sehen. Die zuvor erwähnten Menschen erfüllen lediglich ein Strohpuppendasein. Sie sind im Text zu nichts gut als die exekutive Hand Gottes auf Erden zu sein. Wenn Gott Jesu Tod und Leiden will um die Welt vom in ihr manifesten Bösen zu befreien, dann sei es so und dann wird der Jesus drangsaliert, dann wird er bluten, höllische Qualen erleiden und verdammt nochmal, er wird sterben. Und keine Kraft auf der Welt, weder im Himmel oben, noch unten auf der Erde, noch unter der Erde im Wasser oder im übrigen Kosmos – Gott hat all dies erschaffen, hier gibt es keinen konkurrenzfähigen Antipoden wie im Zoroastrimus Angra Mainyu (Ahriman) – würde etwas daran ändern. Jesus muss sterben und er wird sterben. Jesus stirbt – hoch oben am Kreuz.

Und warum all das, der Schmerz, das Leid und der grausame Tod? Um sicher zu gehen, dass er auch wirklich stirbt. Gott geht auf Nummer sicher. Nicht auszumalen, was wäre, wenn er dies überleben würde. Anders als in der Interpretation der Kreuzigung im Koran, gibt es hier keinen Stellvertreter, hier kommt der Jesus nicht wie der koranische Jesus Isa heil aus der Nummer. Jesus muss sterben und das wird er auch. Punkt.

Ja aber warum all das? Warum soviel Mater und Leid, warum kein Augenblick des Verschnaufens, warum kein Funken Barmherzigkeit inmitten all dessen? Ganz einfach, denkt an Frodo: der Erlöser, ist schwach und verführbar. Sie erinnern sich, Frodo steht über dem feurigen Abgrund, der Ring an einer Kette baumelt behäbig über der Glut. Frodo kann das Böse loslassen, er kann es fallen lassen und es würde für immer vergehen. Doch das tut er nicht. Frodo wendet sich ab und steckt sich den Ring an den Finger. „Der Ring gehört mir.“, spricht er, ein dämonisches Grinsen zeichnet sich auf seinen Lippen ab. Der Erlöser hat versagt. Das Böse triumphiert. Frodo intendiert es zurück in eben die Welt zutragen, aus der er es entfernen wollte – gegen das Böse kommt offenbar auch der Erlöser nicht an.

Zweifellos grausig, aber Sie beginnen nun zu verstehen, richtig? Jesus wurde in Ketten gelegt, gequält, ans Kreuz gebunden und genagelt, damit er seinen gemarterten Körper nicht vom Kreuze fortschleppen konnte. Das Böse der Welt, lag auf ihm, so wie die Sünde des israelitischen Volkes auf dem Bock jährlich am Versöhnungstag. Und so wie der Bock zum Sterben in die Wüste getrieben wurde, so müsse unzweifelhaft auch Jesus in den Tod getrieben werden. Es ist nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn der Bock einen Weg aus der Wüste zurück in die Zivilisation gefunden hätte, vollbeladen bis obenhin mit der Sünde eines ganzen Volkes. Wie ungleich schlimmer wäre es gewesen, wenn Jesus mit der Sünde, dem Bösen der ganzen Welt beladen wieder in diese zurückgekehrt wäre.

Frodo wendet sich ab und das Gute, die personifizierte Liebe – Caritas – Samweis Gamdschie kann nichts dagegen tun. Im freien Walten des in der Welt manifestierten Bösen, schaut die Liebe handlungsunfähig zu – nun gut, Samweis gelingt ein verzweifelter Schrei, aber mehr eben auch nicht. Deus et iustitia est – Gott ist auch die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist blind – sie muss blind sein, damit sie unbarmherzig sein kann – und sie ist brutal. Brutal wie Golum, in dem keine Liebe mehr ist, nachdem er sich Sméagols bemächtigt und ihn quasi in sich beerdigt hat. Es ist Golum, der Frodo seinen Auftrag erfüllen lässt. Die ganze Brutalität Golums reist den Finger samt Ring von Frodos Hand und sich selbst samt Ring nach einem Kampf auf Leben und Tod in den Abgrund. Frodo erlitt Schmerzen, vergoss sein Blut, gab seinen Leib – zumindest fast. All das war nötig zum Sieg über das Böse. Nötig nicht zuletzt, weil der Erlöser sein Erlöserdasein nicht erfüllt, wenn es keine Intention gibt ihn umzubringen. Der Erlöser muss zur Heilstat, die von seinem eigenen Leid nicht trennbar zu sein scheint, genötigt werden. Frodo und Jesus sind oder wären gescheitert. Sie mussten sterben oder so gut wie, damit sie wurden wer sie sein sollten. Weder macht sich der Erlöser selbst zum Erlöser, noch vermag er es seinen Weg aus eigener Kraft zu vollenden. In gewisser Weise ist das Erlösungswerk nicht einmal sein eigenes Werk, es ist vielmehr das Werk einer höheren Macht. Diese setzt den Erlöser auf seinen Pfad und diese sorgt dafür, dass er nicht davon abweicht, auch wenn der Erlöser gedanklich schon längst, vielleicht sogar handelnd, vom Pfad der Erlösung abgekommen ist. Erlösung bedarf keiner Liebe, sie bedarf der Gerechtigkeit – und diese ist blind und brutal.

Nach dem Tode Jesu soll dieser gemäß biblischer und nachfolgend christlicher Tradition von den Toten auferstanden sein. Auch Frodo ist in gewisser Weise auferstanden. Offensichtlich sind die Auferstehungen beider so ungeheuerlich, dass nicht nur die Jünger Jesu dies kaum glauben können – Thomas bekanntlich sogar nicht allein die Wundmale sehen, sondern sogar seine Finger in Jesu Wunden legen möchte –, sondern auch die einstigen Gefährten Frodos diesem in verwunderter Freude ihre Aufwartungen machen. Herr und Jüngerschaft sind wieder vereint. Und die Welt wurde gerettet – sie ist nun frei vom ultimativen, sich in der Welt manifestierten Bösen.

Ende gut, alles gut? Doch weit gefehlt. Während einige noch voll Freude den Sieg feiern und viele überall auf der Welt weder von den Geschehnissen wussten, noch auch im Stande gewesen wären diese zu begreifen, kehren die Erlösergestalten in ihre jeweilige am Rande der zivilisierten Welt gelegene Heimat zurück. Jesus zieht es folglich nach Galiläer und Frodo ins Auenland. Allerdings halten es beide in der Heimat nicht sehr lange aus. Während Frodo immerhin noch wenige Jahre im Auenland verlebt, hat Jesus schon nach vierzig Tagen (Apg 1,3) genug von der Welt und zieht ohne wirkliche Erläuterung auf einer Wolke davon. Ascendit ad in caelos – aufgestiegen in den Himmel. Jesus geht zu seinem Vater (zurück), zum Gott Israels, des Schöpfers der Himmel und der Erde. Und in den Himmeln bleibt er wohnen.

Warum geht Jesus fort? Sein Werk ist doch vollbracht, warum lässt er sich nicht nieder und verbringt die verbleibenden Erdenjahre in Frieden, vielleicht sogar mit Genuss? Hier meines Erachtens, wie schon zuvor, könnte der fußbehaarte Erlöser Frodo dem neutestamentlichen Erlöser Jesus im Moment des Schweigens als Stimme dienen. Zuhause in seinem wohligen Heim dürfen wir nämlich ein letztes Mal in seine Gedanken blicken: „Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann?“ Aber warum geht Jesus nun fort? Vielleicht aus exakt dem gleichen Grund, warum auch Frodo nicht mehr in der Peripherie Mittelerdes, unter seinesgleichen, leben kann. „Manche Dinge kann” nämlich „auch die Zeit nicht heilen – manchen Schmerz der zu tief sitzt und einen fest umklammert.“ Vor dem Abschied resümiert Frodo gegenüber seinem Lieblingsjünger Samweis, was sie einst wollten als sie zusammen aufbrachen. Sie zogen aus um das Auenland zu retten – Jesus zog aus um Judäa und Samaria zu retten –, doch sie retteten – wie nach christlicher Vorstellung Jesus – die gesamte Welt. „Aber nicht für mich.“

„Wie knüpft man an an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann?“

Man geht.

Ob derjenige, der einen solchen Weg hinter sich hat, noch einmal – irgendwann – zurückkehren wird?

ES GIBT

Es gibt – il y a. Da ist etwas – etwas, nicht ein Jemand, bestenfalls ein Niemand, mindestens aber nichts (oder niemand) Konkretes. Ganz und gar unpersönlich ist diese Feststellung des „Es gibt“. Sie ist integraler Bestandteil der „Sprache des Man“. Die Sprache des Man ist die „Sprache der Eigentlichkeit“. Sie steht sinnbildlich für unsere Zivilisation. „Man kann/soll/darf/will dieses tun“ oder „man kann/soll/darf/will dieses nicht tun“. Eines sticht ganz deutlich heraus: Es wird weder von ich, du, wir oder ihr gesprochen; es heißt folglich nicht „ich kann/soll/darf/will tun“ oder „du kannst/sollst/darfst/willst tun“ oder „wir können/sollen/dürfen/wollen tun“ oder aber „ihr könnt/sollt/dürft/wollt tun“, sondern „man kann/soll/darf/will tun“.

In einem konkreten Beispiel sieht dies folgendermaßen aus: Person X spricht zu Person Y: „Man könnte einmal den Müll herausbringen.“ Es heißt „man könnte […] herausbringen“ und nicht „Person Y, (bitte) bringe heraus!“ In einer solchen Konstruktion, sprich in der des „Man“, adressiert Person X Person Y schlichtweg nicht – zumindest nicht in Ihrer Personhaftigkeit. Es liegt in der „Sprache der Eigentlichkeit“ keine direkte Kommunikation vom Einen zum Anderen vor. Vielmehr wirft Person X ihr Interesse in den Raum und zwar gemäß der Form auf ganz und gar unpersönliche (Artikulations-)Weise, also nicht in der Weise direkter sondern indirekter Adressierung. Der Andere, nämlich Person Y, wird dabei auf den Status eines „etwas“, auf den Status eines „es gibt“ reduziert. Person Y ist mindestens in der Sprache von Person X kein menschliches, kein personales Subjekt (mehr), gegenüber dem sich Person X als Mensch, als wiederum personales Subjekt, menschlich verhält, noch verantwortlich weiß. Die Verantwortung gegenüber dem Anderen (Person Y), wozu sowohl die Wahrnehmung als auch das Einstehen für diesen als anderen Menschen zählen, sowie den Auftrag, nämlich den Müll herauszubringen, adäquat zu adressieren, wird durch Person X nicht übernommen.

Dieses Beispiel ernstgenommen, handelt es sich im Falle der „Sprache des Man“, sprich in der Sprache der Eigentlichkeit, tatsächlich um die totale Entpersonalisierung des Anderen. Das Individuum, der Andere, verschwindet im „es gibt“. Der Andere – ein anderer Mensch – wird auf ein „man“ reduziert. Nicht länger geht es um ein „Ich“ oder ein „Du“, nicht um ein Bubersches Verhältnis von Ich-und-Du, nicht um ein Levinassches Verhältnis von Ich-und-dem-Anderen, oder im Falle der eigenen und fernen Anderen um ein „wir“, „ihr“ oder „sie“. Das „Es gibt“, dieses in deutscher Mundart so unschuldig wirkende Wörtchen „man“, ist die sprachliche Totalisierung der Andersartigkeit des Anderen, quasi die sprachliche Vernichtung all dessen was den Anderen anders macht als das Ich, von dem diese den Anderen auf ein „man“ reduzierende Sprache ausgeht.

Beim Gebrauch des „Man“ handelt es sich um die Vernichtung eines unendlichen Abstandes zwischen Ich und dem Anderen und damit folglich auch um die Vernichtung des zwischenmenschlichen Verhältnisses. Im „man“ verschwindet die personale Wirklichkeit des Anderen, die das Ich nicht voll begreifen kann, aber dies aufgrund der Objektivierung des Anderen nicht nur vorgibt zu tun. Es verschwindet etwas entscheidend Menschliches, dass anders ist und sein muss als ein Objekt unter Objekten. Und es verschwindet nicht allein die menschliche Wirklichkeit des Anderen, sondern es verschwindet auch, und dies ist ebenso bedenkenswert, in der Reduzierung des zwischenmenschlichen Verhältnisses auf ein impersonales „man“, das eigentlich personale Moment des Agens, das wahrhaft Personhafte des Ich, welches stets und ausschließlich in Abhängigkeit vom Anderen steht – ohne den Anderen, kein Ich, in der Reduktion des Anderen auf „man“, verschwindet auch das Ich.

Die „Sprache des Man“, die Sprache der Eigentlichkeit, ist eine homozidale Sprache, eine den Menschen mordende Sprache. Nach diesem Morden des Menschen, das vor keinem Menschen halt macht, sprich ein Morden aller Menschen ist, wird zuletzt auch derjenige gemordet, welcher den Homozid mit der Verwendung des „Man“ überhaupt erst beging. Die Sprache der Eigentlichkeit ist ein Mord aller an allen, der auch vor dem Ich keinen Halt macht. Im Moment des Vollzugs der Ermordung alles Personalen, alles authentisch Menschlichen, welches in der Andersartigkeit des Anderen begründet liegt, mordet sich derjenige, der „das Man“ in die Welt trägt folglich selbst. Die Totalisierung des „Man“ ist Mord an allem Personalen, Mord an allem Menschlichen, somit ultimativ auch Mord am Selbst – die Reduzierung des personalen Selbst auf ein impersonales, das Ende aller Relationen, sowohl zum Anderen als auch zu sich selbst, muss daher als ein nicht-biologischer Selbstmord begriffen werden.

Das Personale steht für die Fähigkeit auf die Anrufung durch den Anderen zu antworten und damit auch dafür Verantwortung für den Anderen zu übernehmen. Antworten zu können und daraufhin Verantwortung übernehmen zu können, gelingt nur in einem tatsächlichen zwischenmenschlichen Verhältnis, in einem Ereignis, dass ein Angesprochenwerden des Ich durch den Anderen oder umgekehrt bedeutet. Das zwischenmenschliche Verhältnis muss sich folglich jenseits des „Es gibt“ bzw. jenseits des „Man“ ereignen. Nur jenseits des „Es gibt“, gibt es ein „Ich“, gibt es ein „Du“, gibt es lebendige, authentische zwischenmenschliche Beziehung. Wahres Menschsein, welches sich in der Übernahme von Verantwortung zeigt – ein Antworten, über hinaus, auf die (An-) Frage(n), auf die Bedürfnisse des Anderen –, gibt es folglich nur jenseits des Unpersönlichen, jenseits einer „Sprache des Man“.

THE SACRED FEMININE

There is arguably a lot to hate about Facebook. I am thinking of tracking people’s online activities for mere capitalist interests. I am thinking about the manipulation of people’s minds by feeding them with certain informations and by doing so having an influence on major elections—just think of the Brexit or the last presidential elections in the US.

But I have to confess, that to a certain degree I still like Facebook. In fact, I like Facebook, because I am constantly tracked. Call me crazy, but because of being tracked I sometimes get very interesting recommendations of groups and articles on Facebook. I wouldn’t be aware of their existence without being tracked. I don’t know in detail how those ingenious algorithms work, but I know that they often do. Today they worked. I discovered a Facebook group called חכמת נשים, literally “Wisdom of the Females.”

“Wisdom of the Females” posted the picture of a poster portraying “the Kotel Plaza.” The Kotel is the so-called Western Wall in Jerusalem’s Old City and the plaza is the relatively huge square in front of it. On this very poster, the females have been ‘eradicated’ by being painted over with a spray can. Surely, this can easily be understood as an act of misogyny. In certain branches of Judaism, the extreme or fundamentalist one’s, females should not be looked at, if it is not your own wife or female child—not even accidentally. Therefore, since the age of the Rabbinic sages, males and females have to be separated. According to the orthodox, in public transportation services males sit in front, while females sit in the back; in Synagogues females sit either on balconies, opposite to the direction of prayer, or they sit behind a mechitzah, a physical, mostly wooden partition of the room; males and females should not walk on the same sidewalks. Wherever men gather, especially in order to direct themselves towards the divine, the presence of the feminine has to disappear from the male perception.

Surely, this can easily be understood as misogyny, and if it isn’t misogyny, one at least has to find the answer to several deriving questions. Just to name a few: Why are men so easily distracted by females? Are women not also attracted by the physical appearance of men? If that’s the case, why are men all the time being literally on display, even while they are dancing in the Synagogue, which surely must have an arousing effect on some women?

Well, I do not intend to answer questions like these nor do I want to argue either for or against the interpretation of the separation of males and females as an act of misogyny. Instead I want to suggest an alternative reading of this phenomenon of the isolation of the feminine.

Whatever the female appearance might induce in man, the prohibition of looking into female face, the prohibition to encounter the female visage in a Levinassian sense, is not a singular one in the Ancient Israelite and Rabbinic-Jewish tradition. According to Ex 33:20, Moses, venerated by Jews until today as “our teacher” and the prophet in the Hebrew Bible who was as close to God as no other prophet, was not allowed to look upon the face or visage of God. “And he (God) said: ‘you cannot see my face, for man shall not see me and live.’” (ויאמר לא תוכל לראת את־פני כי לא־יראני האדם וחי) And like Moses before, the High-Priest was prohibited of glancing at God’s appearance—that’s why he had to fill the Holy of Holies with smoke before addressing God on Yom Kippur. No human creature is allowed to see God’s face.

Hence, is it not surprising that the only other thing man is prohibited from looking at, or to be even more precise: males are prohibited from looking at, are females? Is it imaginable that the feminine visage has the same status as the divine? Could the feminine image be as sacred as the divine image? That might be the case. At least there is quite some effort taken to isolate the feminine face or feminine visage as much from ordinary everyday life as was taken to isolate the divine visage in ancient times or to isolate the Torah, the divine revelation written upon a scroll, having a divine status. In a strict sense you could say that you are not just prohibited from looking into the feminine face, but that you cannot simply look into the face of the sacred feminine and expecting to henceforth keep on living one more moment among your people without atonement. Or to put it differently: looking upon the sacred feminine means to die in front of the divine. Therefore, I would argue that the female face has the same status as other incarnations of the divine and that the archetype of the sacred feminine manifests itself in every (Jewish) female being.

So yes, there is a kind of gender inequality existing in certain branches of Rabbinic Judaism, there are (ordinary) men and women, the living embodiments of the sacred feminine.

LIVING IN STRANGE TIMES

Sometimes I wonder which times we live in? According to the Slovenian enfant terrible of modern-day philosophy, Slavoj Žižek, we are living in the end times. A rather reserved claim compared to American political scientist Francis Fukuyama, who declared already in 1992 “The End of History.”

To me time is strange. I mean, time not just as a philosophical or physical concept, but the actual time we are living in—our time, the here and now. So to be more correct: our time is strange. Well, I admit that “strange” is a strange word. Of course, I use the word “strange” in order to label something I have no words for or circumstances I can’t really explain. Adding the word “strange” to a phrase functions like an audible pause like a sigh, combined with a facial expression of consternation, infused with a pinch of indignation. Watching the news or following the media these days often leaves me like this.

You have probably heard of Swedish climate activist Greta Thunberg, who founded the initiative “Fridays For Future.” Greta Thunberg got pretty famous by now. Time magazine listed her among the 25 most influential teenagers of 2018. She and her followers, foremost pupils, are on protests every Friday, walking down city-centers and therefore are skipping school. Last Friday she was marching in Germany’s capital Berlin. The intention of those weekly demonstrations is widely known. The young generation wants the adults, especially the politicians to act worldwide.

Protesting in Germany, Ms. Thunberg could strike two flies with one stone. She not just defended her cause far from home, but also received a German award called “Goldene Kamera” or golden camera—the German version of the Golden Globe Award. Just to make this clear from the beginning: I am not one of those haters, who are spilling their disdain over the 16 year old activist. Since nearly every action, product or entertainment today is rewarded in one way or the other, so why not an activist with an ethically very valuable motive? Hence, from my point of view, neither Greta Thunberg nor what she’s doing or standing for is strange. But something rather strange happened after she received the award. A German actress, not much older than Greta Thunberg, who also won one award that night was given a SUV from Volkswagen.

“What?”, you might ask in doubt. “Is that true?” Yes, it is! In today’s Germany, in one and the same event, it is possible to award a climate activist for her effort to raise awareness of the necessity to intervene in any further polution of the environment by carbon dioxide emissions and to give away a huge car, which is obviously anything but environmentally friendly.

According to my understanding, the apperent hypocrisy is anything but a coincidence. So why do we do it. Of course, not everyone of the over 80 million German inhabitants voluntarily gave or would have given the award to Ms. Thunberg nor the SUV to the actress. Still the media event represents in a surprisingly crisp and crystal-clear way how we think and act.

Under the dictate of today’s moral tyranny we not just like to pamper our moral self by giving awards to teenage girls with serious agendas, but we are forced to do it—regardless of whether we want this by conviction or not. Being morally right on the surface is what is expected of us, but nothing we have achieved by intensive reflection on what is morally right or at least justifiable and what isn’t. Therefore, the moral surface doesn’t say anything about our actual or moral attitude, but it makes us unassailable, since ostensibly we are standing on the right side of the public moral code, which is in fact the previously mentioned moral tyranny of our age.

Part of today’s moral tyranny is the perception that the older generation did basically everything wrong. The youngsters claim that the old gamble away their future. The older you are the more wrong you must be. I might be exaggerating, but isn’t it strange that the protesters of “Fridays For Future” are not in general asking themselves how their actions cause carbon dioxide emissions, which obviously happens everyday by using smartphones, tablet PCs, Computers, gaming consoles, etc.? The truth is, we, the young and the old and those in between, are all part of the same game.

Isn’t it strange that “Fridays For Future” doesn’t mean ‘let us be different tomorrow or in the distant future than the old of today?’ This resembles a lot the generation of 1968, which according to the historian David Engels hated a thousand years culture and to a certain degree themselves, I would add. Back then, the young protesters stood up against the Fat Cats of their time. But did they knew back then, that they eventually will become the Fat Cats of tomorrow? In fact some of them did. Some of the activists of 1968 became those Fat Cats “Fridays For Future” is more or less directly protesting against today. Our times are strange.

The strangest thing about the strange is, that once you’ve noticed that there is something strange around you—though not necessarily close to you—, you’ll be stumbling over the strange everywhere. Yesterday I have read about an assistant medical director in a German hospital, coming from the Middle East, insisting on only operating with males. The outrage is huge—not really surprising, if you take into consideration the en vogue moral attitude of the public. “How can he be such a chauvinist?”, one might ask. True, it totally taste like gender inequality. But before burning him publicly at the stake, we should take a step back—at least for one moment. The strange part of modern moral tyranny, as I’ve called it before, is the of everyone expected unconditional respect towards every culture, which includes religions, and race, if you still think in this category—you better don’t, since all man are equal. Surely, all man are equal and there is no higher or lesser, no good or bad culture—cultures are equal as well (Oswald Spengler). But, and that’s the point, they are equal but not the same. The moral tyranny of today demands at least two unreconcilable requests, namely gender equality and unconditional tolerance towards every culture but one’s own. The former (gender equality) is unfortunately in most of the case being reduced to a quantitative level and not a qualitative one—this is often overlooked by activists and politicians, including feminists; while in the eyes of the advocates of moral tyranny the latter is only wonderful on the surface and as long as it works according to their, the modern-day moral tyrants demands. This is in fact nothing else but orientalism, disguised in new fashion.

Or to put it differently: “Everything about you—you in your otherness, you the foreigner, you with your different ‘background,’ you with your different culture—is wonderful, marvelous, but of course only as long as you are like us! Your difference has to match our identity.”

Our times are indeed strange.

(PHILOSOPHICAL) REFLECTIONS ON THE ISLAMIC PILGRIMAGE

The following text is some kind of experiment. There are philsophical reflections on basically everything, but there is still little compared to the size of the religion reflected here, namely Islam. Since I am not a representative of Islamic Theology (kalām), I neither present any school of Islamic thinking nor school (madhhab) of Islamic law (fiqh). By reflecting on Islam I hope not to hurt anyones feelings and I am fully aware of the fact that the following relatively short text is unable to do Islamic thinking any justice at all. Still, I hope to encourage people to reflect on all the fascinating aspects of the second largest religion in this world and share their ideas.

PART I – the Tawāf around the Ka‘bah

(Although I do not intend to write about the following topic from a scholarly perspective, I guess it is important to provide some information for the reader, since the reader might not be all too familiar with the topic and its context.)

At the center of Sunni Islam there exist five essential concepts one should follow, which are called pillars or arkān. Those pillars are no decrees you have to believe in, but things you are obliged to do. One, to be exact the fifth of those pillars of Islam is the seven days long pilgrimage, in Arabic hajj, in and close to Mecca—the other pillars are the confession (shahādah), the prayer (salāh) five times a day, the alms-giving (zakāh), and the fasting (sawm) during the month of Ramadān. This pilgrimage should be done once in a lifetime by every adult Muslim, no matter the age or gender, who is physically and financially capable of going on this journey to the harām ash-sharīf, the holiest place in Islam. Once you reach the harām, you will find in its center a nearly 50 feet (ca. 15 meters) high building, which looks like a cube and therefore is called “cube” or Ka‘bah. The Ka‘bah is made of volcanic stone and shrouded in a black veil, embroidered with passages from the Qur’ān in gold. Built into its structure on the Ka‘bahs eastern edge one finds a black stone, probably a meteorite—the meteorites frame is made of silver.

In pre-Islamic times, Muslims until today call this era pejoratively jahiliyya, the time of ignorance, the Ka‘bah was the house of many Arabian gods. After Muhammad along with his followers conquered Mecca in 630 CE, the year eight according to the inner-Islamic calculation of times, he emptied the Ka‘bah, which means that he removed all of the 300 pre-Islamic gods or from a Muslim perspective, idols. According to tradition, after the Ka‘bah was emptied and purified, only an icon of Maria (Maryam) with her baby boy Jesus (‘Isā) remained. From the Muslim perspective, the Ka‘bah was ever since the house of Allāh, the Arabic word for God.

Like in pre-Islamic times, the whole complex of hajj’s rituals, starts with the so-called tawāf, a seven times counter clockwise circling around the Ka‘bah, which is a kind physically expressed focus on something particular. If there is something like a local center of Islam—originally Jerusalem until the second half of the 620s—then it is the Ka‘bah and not just once in a lifetime, but in fact five times a day during prayer. This means where ever you as an observant Muslim are on planet earth, Antarctica or Europe, Asia or America, Africa or Oceania, you are directing yourself towards Mecca for prayer. The caput mundi for Muslims, the capital or center of the world, is neither Jerusalem nor Rome as each of them is for Jews and Christians, but the Ka‘bah in Mecca. Interestingly, the Ka‘bah does not loose its gravitational pull the moment the observant Muslim comes as close to the black veiled cube as to be able to touch it. What I mean by this is that the focus on the Ka‘bah remains while circling around it. But at the center of this center, there is nothing, the inside of the Ka‘bah is empty. Of course, according to Muslim tradition, the Ka‘bah is the house of God, but God is neither living inside the Ka‘bah in a literal sense nor condescending right in it. In a strict sense this means, that there is nothing. There is nothing inside, which does not mean that there is nothingness. Following Emmanuel Levinas (Dieu, la Mort et le Temps 1993), nothingness is inevitable bound to being: “All nothingness is the nothingness of something—and this something of which nothingness is nothing remains thought.”

As I said before, according to the Muslim tradition, the Ka‘bah is—and remains—the house of God, although God is neither living inside the Ka‘bah nor condescending inside of it. To put it simple: God is not there! Therefore, the Muslim, who is focusing him- or herself on the divine during prayer five times a day all year long or by doing the tawāf is doing so by directing him- or herself towards nothing, which is the void inside the Ka‘bah. Again, there is nothing, but there is not nothingness. Hence, by focusing on a locality, which is is fact a space for nothing objectifiable or if you like to personate it, no one objectifiable, one might to come the conclusion that the Muslim focuses on nothing. But since there is also not nothingness, in fact the Muslim directs his focus towards something, namely the Ka‘bah, so there is something, which is the veiled “cube” (Ka‘bah) and there is even more, which is the void of the inside of this unique cube. There is not nothingness, because in the moment of directing the focus towards this particular cube and its interior, the human intentionality is being carried away by something which is not there. This is only possible, if there is something to be inherent in the Ka‘bah, which is the trace of what is not there, or the trace of the one not being there. Or to put it differently, Allah—God—left a trace in a particular empty place, which he, according to tradition, had chosen. And the trace God left behind, leads the Muslim to search for God or to search for the trace of God, maybe not even consciously knowing that he or she is searching for it. Again, God is not being present, no matter what, apart from the trace he left.

Some might think, what kind of outrageous sacrilege is this, but it isn’t. In fact, by making it plain that the Ka‘bah is empty, that there is nothing inside, the Islamic religion immunize itself against every worldview, which assumes that God is a product of man or an object among objects. But in order to not just underline the otherness of God, but also in order to protect his sovereignty as creator, God cannot be a material part of the world he, according to tradition, created. And that is why it is impossible to encounter him somewhere in this world, which includes the most holy sanctuary of Islam—the Ka‘bah.

PART II – Sa’y

Following the tawâf around the Ka‘bah, the second main element of the hajj is called sa‘y, the seven times walk, rather a run, between the hills as-Safā and al-Marwa. It is said that Hājar,the biblical Hagar, the maiden of Sarah, Abrahams first wife, were out there in the desert, struggling to find water for her boy Ismael and herself after being forced to leave Abraham, with whom she had Ismael, and his tribe. Did Hājar walked seven times between those hills? Probably not! Seven is not a number, which should be taken literally—neither in the context of the Bible nor the Qur’ān. Things someone does seven times, or things lasting for an amount of seven aren’t meant to be taken literally. Rather “seven” means that something is to be done relentlessly, incessantly, ongoing, maybe even forever. Seven or a number made of seven, like seventy, means to be numerous.

Hence, the run between those two hills,u is not just a seven times run between two particular hills somewhere in the desert—it is not just to be taken literally, nothing to be done just seven times and then it’s done. The seven times running between those hills in a dry, life threatening, life rejecting environment, is teaching the one doing sa‘y what a huge part of life, especially in the desert, in the homeland of the Prophet, was and is about: Life is a relentless, ruthless and merciless struggle for survival and if you are persuaded that everything there is is governed and judged by the will of the divine creator, God or Allāh, the only way to survive is by the help of him. God either protects man and guides them out of their momentary misery to the well of life-sustaining water or ones life is forever forfeited.

But there is more to it. In a certain sense sa‘y could also be understood as the symbolic walk or rather the run fī sabīli llāh—on the path of God. According to Muslim tradition, there is only one right path in life to be taken, a straight path, given by God to man, so he won’t get astray as myriads of people before. Later this path will be codified, not in the literal sense of the word—there was no real codification. Therefore, we might call it an uncodified codification, which is widely known as the sharī‘ah, the divine law or the will of God for man to live on planet earth. Translating sharī‘ah literally into English is hardly possible. But you can try to convey the sense of it, which is the path to the water hole. Therefore, the Arabic root of the word, namely “sharaa” is to “penetrate into the water hole.” Not a momentary water hole, but a permanent one. Permanent water means to survive, means to live. Walking the straight path, given by God, is what it means to follow the sharī‘ah, following the sharî´ah means to walk the path to life. Walking on the right path, the path to the permanent water hole is meant to be ongoing, nothing to be done for a limited amount of time, but for as long as the time one is given to in dunya, the here and now. Running between as-Safā and al-Marwa is to remind the muhajjirûn, those who are on the pilgrimage, that life is an endless struggle and that following the path to the permanent water hole is a struggle as well, is struggle for ones whole life. But it also holds a promise to the one being on the right path, namely to be rewarded at the end and never be abandoned by God, who not just created man, but who is the only one who sustains man, keeps him alive, like he did for Hājar, and grants eternal life.

PART III – ‘Arafāt

As the nearly life-long struggle on the path to the permanent water hole is not the end of the human being, so isn’t sa‘y, the running between the hills as-Safā and al-Marwa, during the hajj. After someone passes away, a new path unfolds for him. According to Islam, death is not the end of everything related to the one, who passed away. Instead, the mu’min, the believer’s goal is to achieve jannatu llāh, the garden of God. But now he has to stand trial and is in dire need of God’s forgiveness. If divine judgement is in his favor, he will proceed to heaven, otherwise he has to endure punishment for earthly sins in jahannam—hell.

BThis passing from dunyā, the here and now, to al-‘âkhirah, the hereafter, is resembled by walking from Minā, nearly 5 miles in the east of Mecca, to a place called ‘Arafāt through the valley of Muzdalifah—another 9.3 miles away. The mu’minūn’s, the believer’s, goal is a particular mount called Jabal ar-Rahmah—the mount of mercy. On that very mount, the believers are standing, dwelling (wuqūf), waiting for the divine mercy to unfold. To enter paradise, the garden of God, one is in need of God’s forgiveness. The heavenly reflection of the longed for forgiveness of God in the hereafter is to be found on earth on the Jabal ar-Rahmah. Since every able Muslim should go on hajj once in life, every Muslim is at least once in life able to achieve God’s forgiveness. This is an important relict of a distant past. The entanglement of a pilgrimage and divine forgiveness was already existent in Ancient Israel, when the people traveled to the temple on a mountain in Jerusalem, spending the “Day of Atonement”, self-flagellating by fasting and praying for forgiveness, watching the high priest sacrificing animals, an element also being part of the hajj, and sprinkling its blood in the Holy of Holies—ritually atoning for the peoples’ transgressions. Achieving atonement or God’s forgiveness was the only possible option to get back into the order of life, once commanded by God in form of the Torah, in Arabic Tawrah, which was transgressed by man’s sins.

Once man intentionally or just by accident left the straight path to the permanent water hole, all he can do is to beg for God’s forgiveness. Hence, willingly dwelling in absolute passivity on the mount of mercy, waiting for God to grant forgiveness, reveals man’s absolute dependence on the divine and its judgement. Or in other words, it reveals man’s inability to buy himself a permanent residence permit for heaven. While waiting on the mount of mercy, for man time and space become meaningless. In that sense, the event on Jabal ar-Rahmah reveals the fundamental structure of the relation between the (human) creature, waiting for forgiveness and its creator, able to forgive because of his mercy. This structure is one of an ontological hostage-ness.